Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Tauchunfall überschattet ruhiges Wochenende am Starnberger See

Ein 59-Jähriger klagt nach dem Tauchgang an der Allmannshauser Steilwand über Lähmungserscheinungen. Die Sperrungen an den Seen zeigen Wirkung.

Von Sylvia Böhm-Haimerl und Peter Haacke

Wochenende und Sonnenschein, dazu noch der Auftakt der Osterferien: Überall im Fünfseenland war man gespannt, ob die Bevölkerung angesichts des Bilderbuchwetters zum Frühlingsbeginn die Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Krise beherzigen würde. Der befürchtete Ansturm auf Seen, Ufergelände und Parks im Landkreis Starnberg blieb allerdings aus, die Polizei meldete eine überwiegend positive Bilanz der verhängten Ausgangsbeschränkungen. Allerdings griffen die Ordnungshüter auch nicht überall in gleicher Härte durch. Überschattet wurde das Wochenende am Sonntag gegen 10.30 Uhr von einem Tauchunfall in der Gemeinde Berg: Auf Höhe der Allmannshauser Wand - ein beliebter Taucher-Hotspot am Starnberger See - klagte ein 59-jähriger Tauchlehrer nach einem normal verlaufenden Tauchgang bis in 29 Meter Tiefe nach Verlassen des Sees plötzlich über Lähmungserscheinungen und Atemnot. Der Verletzte wurde per Rettungshubschrauber in die Unfallklinik Murnau geflogen.

Die Polizeiinspektion Starnberg meldete einen eher ruhigen Samstag: Die Badestege waren abgesperrt worden, was offensichtlich den erwünschten positiven Effekt erzielte. Auch vom Ammersee meldeten die Polizeiinspektionen Herrsching und Dießen einen im Vergleich zum letzten Wochenende ruhigen Ausflugsverkehr. Spaziergänger, die zahlreich unterwegs waren, hielten sich weitgehend an die Regeln.

Die Ausgangsbeschränkungen hätten "nach wie vor eine hohe Akzeptanz und würden von den Menschen in der Region überwiegend beachtet", teilte etwa das Polizeipräsidium in Rosenheim mit. Allein im südlichen Oberbayern fanden - teils mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei - binnen einer Woche mehr als 20 000 Kontrollen statt. Hierbei wurden 2151 Verstöße festgestellt, in 1325 Fällen wurde Anzeige erstattet. Im Bereich des Polizeipräsidiums Nord, das auch für Starnberg zuständig ist, nahm die Polizei von Samstag bis Sonntagmorgen um 6 Uhr 2800 Überprüfungen vor. Dabei wurden 460 Verstöße festgestellt und knapp die Hälfte geahndet: Ausschließlich Verstöße gegen die aktuellen Ausgangsbeschränkungen.

Der dringende Appell an die Bürger, von Freizeitbetätigungen Abstand zu nehmen und Ausflugsfahrten zu unterlassen, da es dabei regelmäßig zu Rettungseinsätzen kommt und Personal von Einsatzkräften und Polizei eingebunden wird, nahmen allerdings nicht alle ernst. Während sich die Wassersportler weitgehend an die Vorgaben hielten, wurden auf den Straßen rund um den Starnberger See Motorradfahrer, offen fahrende Cabrios, Sportwagen oder historische Fahrzeuge registriert - ganz offensichtlich auf Ausflugstour.

Jörg Bartuch steht derweil mit seinen beiden Kindern am Ufer des Starnberger Sees. Sie lassen Steine über die spiegelglatte Wasserfläche hüpfen. Der Gautinger macht jeden Tag mit seinen Kindern einen Ausflug. "Wir machen alles, was erlaubt ist", sagt er. Sein elfjähriger Sohn Friedrich erklärt stolz, was sein Papa alles kann - zum Beispiel Schiffchen aus Papier basteln. Normalerweise drängen sich die Menschen bei Frühlingswetter am Seeufer - nicht aber zu Corona-Zeiten. Dieses Wochenende sind nur wenige Ausflügler zu sehen, die ihre Hunde Gassi führen, Rad fahren oder Joggen. Auch die Anzahl der Autos mit Münchener Kennzeichen auf den Großparkplätzen am Starnberger See ist überschaubar, am Ammersee und Wörthsee ist es ebenfalls ruhig. Fast alle Besucher respektieren, dass die Stege gesperrt wurden und die Wasserwachten keinen Dienst haben. Aber bei Wassertemperaturen von etwa fünf Grad zieht es Schwimmer und SUP-Fahrer ohnehin nicht in den See. DLRG-Sprecher Walter Kohlenz hätte sich dennoch eine Verfügung gewünscht, wonach die Gewässer generell tabu sind.

Nur wenige Besucher legen die Regel, dass Bewegung an der frischen Luft erlaubt ist, großzügig aus - wie ein junger Mann mit seinen Eltern am Seeufer. Die Münchner haben Klappstühle dabei, um die Abstandsregelung einhalten können. Die Ausgangsbeschränkung mache ihm Angst, sagt der Sohn, "es ist wie im Krieg." Seit Jahren fährt die Familie an den Starnberger See und glaubt, dass dies auch jetzt noch erlaubt ist. Er brauche die Ruhe am See als Ausgleich zum Beruf, erklärt der Sohn, frische Luft stärke das Immunsystem. Eine Frau räumt zwar ein, dass sie ein schlechtes Gewissen habe, wenn sie von München mit dem Auto ins Paradies fahre. "Aber ich lebe alleine und mache Home-Office, da bin ich sehr isoliert", gibt sie als Entschuldigung an.

Der Kiosk am Steg 1 ist geschlossen. Einige Tische sind dennoch besetzt. Die Leute haben sich ihre Brotzeit mitgebracht, andere haben sich Liegestühle geholt und liegen entspannt in der Sonne. "Wir langweilen uns in München", sagt Elisabeth Hatahel. "Um keinen Lagerkoller zu kriegen, fahren wir raus." Eigentlich dürften die Ausflügler nur wenige Minuten sitzen bleiben, erklärt ein Security-Mitarbeiter. Er mache auf das Verbot aufmerksam, und die meisten würden sofort aufstehen und weitergehen. "Die Leute sind zu 90 Prozent einsichtig", ist seine Erfahrung. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob die Beschränkungen auch an Ostern noch eingehalten werden. "Ich vermute, dass nächstes Wochenende viel mehr los ist", sagt er.

Damit rechnet auch ein Mitarbeiter der "DB-Sicherheit", der aushilfsweise an der Starnberger Seepromenade Streifendienst macht. Hier sind mehr Leute unterwegs. Ein Paar hat die Absperrung am Undosa- Sandstrand ignoriert und es sich in der Sonne gemütlich gemacht, andere picknicken. Auch der Kiosk am Schiffsanlegesteg hat geöffnet, die Kunden kaufen Eis. Es sei "ein Witz", dass Tische und Stühle abgesperrt seien, aber die Leute nur wenige Meter weiter auf der Ufermauer sitzen würden, um ihren Kaffee zu genießen, moniert der Sicherheitsmann. Er verstehe nicht, dass die Polizei in Starnberg dulde, was in München verboten sei. Doch er ist machtlos: Die Security darf keine Bußgelder verhängen, das ist allein Sache der Polizei.

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Quelle:
SZ vom 06.04.2020
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