Süddeutsche Zeitung

Fünfseenland:Ein Monster? Ach was, Ringelnatter

Sie kommen im Märchen vor, sind schlechte Schwimmer, haben Barthaare oder einen miserablen Ruf. Doch fast alle Fische und Tiere, die in hiesigen Gewässern leben, sind harmlos für Menschen.

Von Astrid Becker

Ringelnatter

Wenn sie auftaucht, ist das Gekreische unter den Badegästen besonders schrill: Vom "Seeungeheuer" ist dann schon mal die Rede. Weniger dramatische Gemüter belassen es bei dem, was sie zu sehen glauben: eine "riesige und gefährliche Wasserschlange." Beides ist schlicht Unsinn. Denn bei dem Tier, das diese Menschen schwimmend gesehen haben, handelt es sich um eine Ringelnatter, die zur Gattung der Europäischen Wassernattern gehört und allein deshalb ein Bad im See zu schätzen weiß. Riesig können diese Schlangen allerdings nicht werden.

Nur die weiblichen Vertreterinnen dieser Art erreichen theroretisch eine Länge von eineinhalb Metern, was allerdings recht selten ist. Für den Menschen ist die Ringelnatter völlig ungefährlich, für Amphibien aber nicht - denn sie zählen zu den Lieblingsspeisen dieser Schlangen. Zu erkennen sind Ringelnattern an den zwei gelben bis orangefarbenen, halbmondförmigen Flecken am Hinterkopf. Sie sind tagaktiv und regulieren ihre Körpertemperatur über ihr Verhalten. Deshalb sind Lebensräume, die unterschiedliche Temperaturen bieten, für sie wichtig - Sonnenplätzchen ebenso wie kühlende Gewässer.

Warum die Menschen beim Anblick einer Schlange meist in Hysterie ausbrechen, ist bislang nicht eindeutig wissenschaftlich geklärt. Möglicherweise könnte die Angst vor diesen Tieren aber ihren Ursprung in der Mythologie haben. Denn Schlangen wird seit jeher nachgesagt, mit dem Teufel in Verbindung zu stehen und mit dämonischen Kräften ausgestattet zu sein. Bei den Germanen etwa umspannt die Schlange Jörmungandr die Welt, indem sie sich selbst in den Schwanz beißt. Man nennt sie deshalb auch Midgardschlange.

Der Sage nach soll Thor mehrmals vergeblich versucht haben, sie zu vernichten. Als es ihm schließlich gelang, sie mit seinem Hammer tödlich zu verwunden, ging auch er elendiglich zugrunde: Im Todeskampf bohrte sie ihre Zähne in seinen Arm, und Thor starb am Ende durch ihr Gift. Eine Ringelnatter kann diese Schlange natürlich nicht gewesen sein. Denn Ringelnattern sind völlig ungiftig - und besonders friedfertig, sogar untereinander. Kämpfe oder Beißereien zwischen Rivalen gibt es bei dieser Tierart nicht.

Gründling

Er lebt zwar nicht im Starnberger See, wohl aber in den Fließgewässern des Fünfseenlands - und hat es sogar zur Schlüsselfigur in einem Märchen der Gebrüder Grimm geschafft. In "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" hat ein Vater zwei Söhne, einen klügeren Älteren und einen etwas einfältig wirkenden Jüngeren, der partout nicht verstehen will, warum sein Umfeld immer wieder davon spricht, dass es sich gruselt. Deshalb beschließt er, das Fürchten zu lernen.

Dabei begegnet der Protagonist zwar allerlei Gespenstern und unheimlichen Gestalten. Doch die Angst, die er so herbeisehnt, empfindet er nicht. Erst als die Kammerzofe seiner Frau einen Eimer Gründlinge aus dem Bach fischt, wendet sich das Blatt: Nachts, während er schläft, schüttet sie das kalte Wasser und die Fische über ihn - und der junge Mann weiß endlich, was Furcht wirklich bedeutet.

Dabei ist der Gründling in Wahrheit weder furchteinflößend noch erschreckend groß: Denn dieses Fischlein erreicht gerade einmal eine durchschnittliche Länge von zehn bis 15 Zentimetern. Der Winzling gilt zudem als sehr anpassungsfähig. Er braucht lediglich sauberes und sauerstoffreiches Wasser. Sein Wesen beschreiben Zoologen und Fischkundler als recht gesellig und friedlich - ein Fisch also, der auch mit anderen Bewohnern unter Wasser bestens zurecht kommt. Er selbst bevorzugt ein Leben in lockeren Schwärmen. Seine Art ist in ganz Bayern verbreitet und zählt zu den Karpfenfischen.

Kamberkrebs

Schnapp - und der Zeh ist ab. Klar, viele denken beim Anblick dieser Krebse an blutige Wunden. Und ganz so weit hergeholt ist das auch nicht: Denn der Kamberkrebs, der sich in hiesigen Gewässern wie im Ammersee mehr und mehr ausbreitet, ist tatsächlich für sein recht wehrhaftes Verhalten bekannt. Er kann sich sogar gegen Aale und andere Raubfische behaupten.

Das etwa zwölf Zentimeter große Tier hat - wie der amerikanische Signalkrebs - den schmackhaften Edelkrebs verdrängt, unter anderem, weil er die Krebspest überträgt, eine tödlich verlaufende Pilzerkrankung für Edelkrebse. Für seine Ausbreitung wird ein Fischzüchter verantwortlich gemacht, der 1890 den nordamerikanischen Kamberkrebs in die Oder und andere Gewässer ausgesetzt haben soll. Von dort aus hat der Kamberkrebs dann ganz Mitteleuropa erobert.

Waller oder Wels

Was wird ihm alles nachgesagt! Kleine Kinder soll er fressen, Dackel mit Haut und Haaren verschlingen. Die Rede ist vom Wels, auf Bairisch auch Waller genannt. Zu seinen Lieblingsspeisen allerdings gehören weder Mensch noch Hund, sondern Fische, Wirbellose, kleine Wasservögel und kleine Säugetiere. Ein Raubfisch ist er also schon, der sich aber vorwiegend nachts und in der Dämmerung auf Beutezug begibt und tagsüber gern am Grund ruht.

Er kann, und das wird ihm auch seinen eher schlechten Ruf eingebracht haben, aber wirklich sehr groß werden für einen Süßwasserfisch: Von maximal zweieinhalb Metern ist im Fischlexikon des Landesfischereiverbands Bayern die Rede. Der Wels besitzt einen massigen, langen und schuppenlosen Körper und einen abgeplatteten Kopf mit sehr langen Bartfäden. Sein riesiges Maul zieren viele kleine, bürstenartige Zähne.

Die Bachschmerle galt lange Zeit als gefährdet

Dickkopf

Sie wirkt wie ein Fossil aus der Urwelt, wenn sie sich auf ihren kräftigen Brustflossen robbend auf dem Seegrund fortbewegt: Die Rede ist von der Mühlkoppe - einem Bodenfisch, der auch Groppe, Kaulkopf, Rotzkopf, Westgroppe, Koppe, Mühlkoppe, Dickkopf oder auch Dolm genannt wird. Diese Fischart, die sich in ihrer Farbe perfekt an den Untergrund anpassen kann, liebt klare und sauerstoffreiche Gewässer mit steinigem bis sandigem Grund. Daher gilt das dämmerungs- und nachtaktive Tier auch als typischer Begleitfisch der Forellenregion.

Im Fünfseenland lässt sich der Dickkopf mit seinem breiten Schädel und den auffälligen Flossen, die auch an Drachen denken lassen, seit vielen Jahren allerdings kaum mehr blicken. Vermutlich liegt das an seinen allzu hohen Ansprüchen an die Wasserqualität und an die Sauerstoffkonzentration. Zudem hat es dieser Dickkopf gern kühl und steinig - und er ist im Vergleich zu anderen Fischen alles andere als ein guter Schwimmer. Deshalb stellen niedrige Schwellen, etwa in Bächen oder Flüssen, unüberwindbare Hindernisse für ihn dar.

Die Mühlkoppe gilt daher als gefährdet und ist aus diesem Grund auch in die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (Anhang II) aufgenommen worden. Ganz besonders gefährlich wird dieser Art der Gänsesäger. Die zehn bis 15 Zentimeter großen Mühlkoppen zählen zu seinen absoluten Lieblingsgerichten.

Bachschmerle

Sie hat es wohl auch gern dunkel, die Bachschmerle. Im April 2017 wurde eine Bachschmerlen-Population des Aachtopfes entdeckt, einer Karstquelle im südlichen Baden-Württemberg. Hierzulande gilt sie derzeit als kleine Sensation, weil sie vor kurzem auch Wissenschaftlern des Instituts für Fischerei in Starnberg im Rahmen eines EU-Projekts im Starnberger See ins Netz gegangen ist.

Bislang galt der See als "Bachschmerlenfrei". Auch am Ammersee soll sie wieder entdeckt worden sein, wie dortige Fischer berichten. Die Bachschmerle galt lange Zeit als gefährdet, was ihr 1984 auch den Titel "Fisch des Jahres" in Deutschland einbrachte. Mittlerweile scheint ihr Bestand aber gesichert zu sein.

Wasserskorpion

Er ist ein Blutsauger, der Wasserskorpion. Dabei trägt er seinen Namen zu Unrecht: Er ist kein Skorpion, sondern nur eine Skorpionswanze. Für Menschen ist er harmlos, nicht aber für Wasserflöhe, Insektenlarven, junge Kleinfische und Amphibienlarven. Dafür legt sich das 25 Millimeter große Tier an Wasserpflanzen oder im Schlamm auf die Lauer.

Nähert sich Beute, klappt der Wasserskorpion seinen "Fuß" in Richtung Unterschenkel, klemmt sein Opfer ein, sticht es mit seinem Mundrüssel an und saugt es aus. Der Wasserskorpion soll vor vielen Jahren in der Maisinger Schlucht entdeckt worden sein. Hans-Jochen Iwan beschreibt dies in seinem Buch "Die Starnberger Biotope".

Aal

In der Mythologie der Germanen galt er als Unglücksbote oder als schlechtes Omen. Bei den Kelten erzählte man sich, dass er sich in den Händen auserwählter Krieger in Speere verwandeln kann: Die Rede ist vom europäischen Flussaal, den es auch im Starnberger See gibt - allerdings nur mehr, weil ihn der Mensch dort regelmäßig durch Besatz einbringt. Er ist ein faszinierendes Wesen, besitzt er doch eine der besten Nasen im ganzen Tierreich.

Und auch sonst ranken sich allerlei Geschichten um den schlangenförmigen Fisch, vor allem um dessen Vermehrung. In alten Hexenbüchern tauchen Rezepte auf, wie man Aalnachwuchs erzeugt. Denn dem Blut des Aals wurde lange Zeit Zauberkraft zugeschrieben. Demnach kocht man mehrere Aale zu Mus, wirft das dann in einen pflanzenreichen Teich - und innerhalb von wenigen Tagen "wird eine unzählige Menge Aale darinnen sein". Wenn es doch nur so einfach wäre!

Der Aal besitzt einen komplizierten Lebenszyklus: Aale schlüpfen in der Sargassosee östlich von Florida, schwimmen durch den Golfstrom etwa drei Jahre lang bis an die europäischen Küsten. Dort verwandeln sich die etwa sieben Zentimeter langen Tiere innerhalb von 24 Stunden in Glasaale. Diese verbringen ein paar Wochen im Brackwasser, um sich auf Süßwasser einzustellen, und wandern dann als "Steigaale" die europäischen Flüsse hoch bis in Binnengewässer.

Sie können sogar über feuchte Wiesen in abgelegenere Gewässer gelangen. Werden sie geschlechtsreif, wandern sie als "Blankaale" im Herbst hinab bis zum Golfstrom. Etwa eineinhalb Jahre später erreichen sie wieder die Sargassosee. Dort laichen sie im tiefen Wasser ab und sterben. Der europäische Aal gilt inzwischen als stark gefährdet.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4663190
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.10.2019/amm
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.