Süddeutsche Zeitung

Umweltschutzaktion:Strampeln für Delfine

Ralph Kilian ist von der Ostsee nach München geradelt, um auf die sogenannten Geisternetze in den Meeren aufmerksam zu machen. Darin verenden jedes Jahr Tausende Meeresbewohner.

Von Martina Scherf

Als Ralph Kilian mit seinem Lastenrad um die Ecke biegt, brandet im Schulhof großer Applaus auf. 1120 Kilometer ist er in neun Tagen geradelt, von Rügen nach München. Im Gepäck: ein sogenanntes Geisternetz, das Taucher zuvor aus der Ostsee geborgen hatten. Kilian steigt ab, ein wenig verschwitzt, aber mit fröhlichem Lachen, und wird gleich umringt von seinen Mitstreitern von der Münchner "Gesellschaft zur Rettung der Delphine", darunter deren Vorsitzender, Schauspieler Sigmar Solbach, und von zahlreichen Schülern der Rudolf-Steiner-Schule Daglfing. Ganz vorne: Tochter Finja. Sie ist mächtig stolz auf ihren Papa, dass er so eine Tour unternommen hat, um Delfine zu retten.

Der Münchner Malermeister ist vor ein paar Jahren schon einmal in den Norden geradelt, nach Sylt, um zu beweisen: Als Handwerker braucht man in der Stadt nicht unbedingt ein Auto. Mit so einem modernen Lastenrad kommt man genauso gut voran, und man bringt darin alles unter, was man für den Job benötigt. Kilian fährt in München immer mit diesem Rad zu seinen Kunden, sagt er.

Diesmal war seine Mission eine andere. Und eigentlich war Tochter Finja dafür verantwortlich, dass sich ihr Papa jetzt für saubere Meere engagiert. Sie entdeckte schon vor vier Jahren auf dem Tollwood-Festival einen Stand der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD). Als sie deren Plakate sah, sagte sie zu ihrem Vater: "Ich will helfen, was können wir tun?"

Damals war sie erst sieben, erzählt Ralph Kilian, "und sie ließ nicht mehr locker, so kam ich zur GRD." Seither spendet er die Anfahrtskosten, die er seinen Kunden als Handwerker berechnet, komplett dem Meeresschutzverein, erzählt er. Die Familie macht auch jedes Jahr beim Isar Clean Up mit, wenn die Mitglieder des Vereins mit vielen Helferinnen und Helfern Müll einsammeln und nebenbei über die Verschmutzung der Ozeane aufklären. Und jetzt hatte der Münchner die Idee, mit seinem Rad so ein Geisternetz von der Ostsee nach Bayern zu transportieren.

"Wir müssen die Verschmutzung der Meere dringend stoppen."

"Unseren Ozeanen geht es schlecht", hatte zuvor Sigmar Solbach den Schülerinnen und Schülern erklärt. Der Schauspieler, bekannt aus Fernsehserien wie "Das Traumschiff", "Die Alpenklinik" oder "Soko Wien", ist passionierter Segler. Seit Jahren ist er erster Vorsitzender der GRD. Den Verein hatte einst der legendäre Weltumsegler Rollo Gebhard mit seiner Frau Angelika gegründet, nachdem ihnen schon vor mehr als 30 Jahren auf ihren jahrelangen Fahrten über Atlantik und Pazifik Geisternetze begegneten und sie sahen, wie Delfine darin ersticken. Einmal blieben die Segler selbst mit ihrem Schiff in so einem Netz stecken. Rollo Gebhard starb 2013. Angelika Gebhard führt den Verein weiter.

"Wir müssen die Verschmutzung der Meere dringend stoppen", sagt Solbach jetzt in ruhigem, sachlichen Ton. "Sie absorbieren ein Viertel unserer CO2-Emissionen und den Großteil der Erderwärmung, wir brauchen die Ozeane." Doch wenn die Menschen weiter so rücksichtslos Müll in die Meere kippten und das Klima anheizten, sei bald ein Kipppunkt erreicht, an dem das Ökosystem kollabiere.

"Die Menschen sonnen sich am Strand und wissen gar nicht, dass der Sand, auf dem sie liegen, inzwischen zu einem Großteil aus Mikroplastik besteht", sagt Solbach. Die Teenager der Waldorfschule hören ihm aufmerksam zu. Allein in der Ostsee, fährt der Schauspieler fort, würden jedes Jahr tausende Geisternetze illegal entsorgt. In den Netzen, die dann am Meeresgrund treiben, verfangen sich Wale, Delfine, Robben, Fische und andere Meeresbewohner und sie verenden elend darin. "Die Politik weiß das, aber sie tut nichts dagegen, sondern überlässt das Problem uns NGOs, die mit Spendengeldern dagegen ankämpfen", sagt der 77-Jährige.

Die Taucher der GRD haben seit 2019 zehn Tonnen solcher Geisternetze vor Rügen geborgen. "Das ist ein Knochenjob, und nicht ungefährlich", erzählt Ralph Kilian, der die Aktion vom Schiff aus beobachtet hat. Die zwei Männer heben jetzt das schmutzige Netz aus dem Lastenrad. "Zwölf Stunden hat es gedauert, allein dieses Stück vom Meeresgrund hoch zu holen", erzählt Kilian.

Die Schülerinnen und Schüler haben dann noch viele Fragen vorbereitet. Wieviel Plastikmüll landet weltweit in den Meeren? "Geschätzt 13 Millionen Tonnen pro Jahr", erklärt die Biologin Verena Platt-Till von der GRD, die selbst immer wieder an Tauchaktionen beteiligt ist. Die Menge an Plastikmüll wächst jedes Jahr. Schon jetzt treiben riesige Müllinseln über die Ozeane. Mikroplastik findet sich in den Mägen aller Meeresbewohner - und über die Nahrungskette längst auch im menschlichen Körper.

"Was können wir selbst tun?", fragt eine Schülerin dann noch. "Weniger Seefisch essen"

Es werde an abbaubaren Garnen für die Netze geforscht, berichtet die Biologin, und die GRD appelliere an die Fischer, dass sie melden, wenn sie ein Netz verloren hätten. "Aber die Fischerei wird subventioniert, deshalb müssen die großen Fangflotten verpflichtet werden, sich auch um die Entsorgung zu kümmern", sagt Platt-Till, und die Häfen müssten Depots einrichten. Die Aktivisten lagern ihren problematischen Fund im Garten eines Küstenanrainers. Sie lassen die Netze reinigen und machen Armbänder daraus, als Erkennungszeichen für den Umweltschutz.

"Was können wir selbst tun?", fragt eine Schülerin dann noch. "Weniger Seefisch essen", sagt Platt-Till, "und andere über die Verschmutzung der Meere aufklären." Und wer nicht tauchen kann, der radelt eben, so wie Ralph Kilian. Auch in einer Berliner Schule erzählte er von den Geisternetzen. Unterwegs durfte er mehrfach umsonst übernachten, als die Hoteliers von seiner Mission erfuhren. Und nur heute Morgen, als er die letzte Etappe von der Hallertau nach München radelte, habe ihn ein Autofahrer erbost angehupt, erzählt er, weil er es wagte, auf einer Landstraße mit seinem Lastenrad zu fahren. "Die allermeisten waren freundlich, fuhren um mich herum und winkten." Das lässt ihn hoffen.

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