Süddeutsche Zeitung

Fotografie und Diversität:Ins Gesicht geschrieben

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Wie divers ist Deutschland? Der Werbefotograf Oliviero Toscani hat "Die Deutschen des 21. Jahrhunderts" porträtiert. Die Aufnahmen sind in einer Open-Air-Ausstellung am Wittelsbacherplatz in München zu sehen.

Von Evelyn Vogel, München

Sein Ruf in der Welt der Werbung ist gewaltig. Denn die Bildkampagnen, die der italienische Fotograf Oliviero Toscani in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Kreativdirektor für Benetton entwarf und umsetzte, waren weltberühmt - und oft heftig umstritten. Themen wie Aids, Flüchtlingskrise, Krieg, Mafia, Magersucht, Rassismus inszenierte er in provokant gestalteten Werbeaktionen. Er regte zum Nachdenken an, aber er spaltete auch, scherte sich oft nicht um Political Correctness, was ihm am Ende selbst zum Verhängnis wurde. Doch immer war er mit seinen Aktionen am Puls der Zeit.

So wie jetzt, da Toscani inmitten der Debatte um gesellschaftliche Diversität für die Generali-Versicherung das Projekt "Die Deutschen des 21. Jahrhunderts" in Szene gesetzt hat. Nicht von ungefähr erinnert der Titel an eine Fotoserie, die vor fast genau 100 Jahren entstand ist und bis heute als Meilenstein der Porträtfotografie gilt: August Sanders Projekt "Menschen des 20. Jahrhunderts", das Toscani als Vorbild benennt.

Damals fragte Sander: Wie sind "die Deutschen"? Heute fragt Toscani: Wer sind sie? Und wie selbstverständlich blickt die Mehrheit der Deutschen auf das gute Viertel mit sogenanntem Migrationshintergrund? Toscani findet, das Land habe sich von Stereotypen und Glaubenssätzen gelöst und heiße Einflüsse von außen willkommen. Mehr als 800 Menschen hat Toscani für das Projekt fotografiert: Brustporträts von jungen bis alten Menschen unterschiedlichen Geschlechts und verschiedener Hautfarbe, die die Betrachtenden direkt anblicken. In Berlin und anderen Städten hat er Passanten auf der Straße angesprochen - durch Zufall geriet Karl Lauterbach, damals noch nicht Gesundheitsminister, in das Portfolio. In München wurden auch Mitarbeiter von global agierenden Unternehmen wie Generali, BMW und Airbus gefragt.

Nun sind bis Ende Oktober 100 ausgewählte Porträts von Oliviero Toscani auf knapp drei Meter hohen Betonstelen gedruckt auf dem Wittelsbacherplatz in München zu sehen. Gesichter sympathischer Menschen, die für Verständnis, Vielfalt, Multikulturalität, Inklusion stehen sollen. Ein Denkmal der Zeit - und auf Zeit.

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