Süddeutsche Zeitung

Werksviertel:Eine große Party für außergewöhnliche Architektur

Das "Werk 12" des Architektenbüros MVRDV aus Rotterdam fällt nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Form auf.

Es ist eines der auffälligsten Gebäude im Zentrum des neuen Werksviertels, das ohnehin schon mit seiner außergewöhnlichen Architektur Zeichen setzt. Das "Werk 12", das nun offiziell mit einer großen Party eröffnet wurde, ist ein fünfgeschossiger, transparenter Komplex mit weit vorstehenden, umlaufenden Balkonen und außen liegenden Treppen mit Zwischenpodesten. In der zweiten, vierten und fünften Etage befinden sich jeweils fünf Meter hohe Buchstaben locker verteilt an der Fassade: AAHHH, OH und PUH liest man von oben nach unten - ein echter Hingucker.

38 Millionen Euro hat Werner Eckart, der das einstige Gelände des Knödel-Produzenten Pfanni zu einem modernen Stadtquartier entwickelt, in das "Werk 12" investiert. Als er das erste Mal den Entwurf gesehen habe, sei er höchst erstaunt und erfreut gewesen, erzählt er. Die Ernüchterung habe eingesetzt, als er die Kostenkalkulation erfahren habe. Die Buchstabenkombination bringe diese Geschichte auf den Punkt, ergänzt er lachend.

Ob das der wahre Hintergrund für die Fassadengestaltung ist, mag dahingestellt sein. Jedenfalls gab es 2017 einen eigenen Buchstaben-Wettbewerb in Zusammenarbeit mit der Akademie der Bildenden Künste. Gesucht wurden Ideen für die typografische Gestaltung der Hausfront. Die Sieger, Beate Engl und Christian Engelmann, formulieren ihren Ansatz etwas allgemeiner. Von Anklängen an die Graffiti-Kultur im ehemaligen Kunstpark Ost ist die Rede und von Erinnerungen an die umfangreiche Beschilderung des alten Fabrikgeländes. In Anlehnung an die Comicsprache, die man auf der ganzen Welt verstehe, will man Emotionen darstellen - Anstrengung, Begeisterung und Freude.

Auch um Spaß geht es im Neubau. Im Erdgeschoss ist eine Bar. Weitere Lokalitäten sollen bald eröffnen. Dominiert wird der Komplex von einem Fitnesscenter, das sich über drei Etagen erstreckt und auch über einen 25-Meter-Pool verfügt. Mieter sind außerdem ein bayerischer Autobauer, der hier ein "Innovationslabor" betreiben will. Ganz oben sind weitere Büroräume und möglicherweise kommt noch eine 400-Quadratmeter-Wohnung dazu, mit bestem Blick auf die Altstadt-Silhouette.

Auf dieser Fläche feierten die Partygäste (Mieter aus dem Werksviertel, Investoren, Architekten) die Eröffnung des Hauses. Vieles erinnerte an diesem Abend an die Niederlande: orangefarbene Beleuchtung, Tulpen, Käse, holländische Hinweisschilder. Das kommt nicht von ungefähr.

Der Entwurf für das "Werk 12" stammt vom Architektenbüro MVRDV aus Rotterdam, in Zusammenarbeit mit dem Münchner Büro N-V-O Nuyken von Oefele. MVRDV erlangte Bekanntheit vor allem durch den niederländischen Pavillon für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Das Gebäude überragte buchstäblich alle anderen Häuser auf dem Gelände. Es war so etwas wie das Wahrzeichen der Expo. Schlangen von Besuchern bildeten sich vor dem wundersamen Komplex. Die Architekten stapelten auf den offenen Etagen, die man über außen liegende Treppen erreichte, sieben Bodenformationen übereinander, die die landschaftliche Vielfalt der Niederlande spiegeln sollten.

Was während der Expo auf dem Areal und in den internationalen Medien hohe Aufmerksamkeit erregte, geriet auch schnell wieder in Vergessenheit. Schlange steht schon lange niemand mehr. Das Bauwerk vergammelte und wurde schließlich als gestapelter Müllhaufen bezeichnet. Vor ein paar Jahren sollte es verkauft werden. Werner Eckart besichtigte die Ruine und holte sich die Inspiration für den Neubau im Münchner Werksviertel.

Architekt Jacob van Rijs von MVRDV versuchte in München die Neuauflage seines Expo-Projekts mit den prägenden Elementen. Entstanden sind Räume mit über fünf Metern Höhe und eben die ungewöhnliche Fassade. "Die Statik hat uns vor große Herausforderungen gestellt", berichtet van Rijs. Herausgekommen ist ein Werk, das sich von der oft serienmäßigen und langweiligen Investorenarchitektur in der Stadt deutlich abhebt.

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SZ vom 21.10.2019/infu
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