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Architektur:Jedes Haus ein Tausendsassa

Die Zukunft des Bauens stapelt hoch: Das Architekturbüro MVRDV aus Rotterdam gilt als eines der wagemutigsten weltweit. Eine Ausstellung in Innsbruck beweist, warum.

Kanarienvogelgelb, pink, himmelblau - diese Ausstellung knallt in die Augen. In grellen Farben wachsen vier Türme vom Boden bis zur Decke. Einer ist aus gestapelten Kartonboxen, ein anderer lässt sich über eine Leiter im Inneren ersteigen, beim dritten findet sich im Sockel ein Becken mit Bauklötzchen aus Schaumstoff und der vierte, konstruiert aus Baugerüsten, balanciert auf schlanken Balkonen viele Grünpflanzen. Willkommen im Spieleparadies von MVRDV.

Das Architekturbüro aus Rotterdam dürfte eines der wagemutigsten sein, wenn es um Innovationen und Experimente geht. "Was wir machen, ist nicht experimentell", stellt allerdings Nathalie de Vries gleich mal klar. Die Architektin gründete 1993 mit ihren Studienkollegen Winy Maas und Jacob van Rijs das Büro und hat mit Arno Ritter, dem Leiter des Innsbrucker Architekturzentrums Aut, Architektur und Tirol, nun die Ausstellung kuratiert. "Wenn etwas gebaut wird, bedeutet das, dass es innerhalb der Gesetze umsetzbar ist." Warum die urbane Welt trotzdem weniger nach Spieleparadies und mehr nach öden genormten Kästen in Sandfarbe aussieht? Das habe andere Gründe.

Fehlender Zukunftsoptimismus zum Beispiel. Ohne den hätten die Architekten zumindest kaum den niederländischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover entworfen. In dem farbenfrohen Konstrukt, der das Büro weltweit bekannt gemacht hat, waren sechs unterschiedliche Landschaftstypen übereinander gestapelt, gekrönt von Windrädern. Was damals verwegen, wenn nicht utopisch wirkte - ein Gebäude, das seine eigene Energie erzeugt, mit hohen Bäume mittendrin - ist heute Realität. Energie erzeugen sowieso, aber auch das mit den Bäumen: Auf dem Bosco Verticale, zwei Türmen in Mailand, wächst ein halber Wald nach oben. Gerade in Asien gehört ein solches Stück Natur fast schon zum Grundinventar eines jeden Hochhausbaus. Kein Wunder: Was gut fürs Raumklima ist, taugt auch als Trostpflaster in einer sich zubetonierenden Welt.

Unterschiedliche Nutzungen sorgen dafür, dass die Gebäude von morgens bis abends belebt sind

Von Anfang an widmeten sich die niederländischen Architekten damit einem Thema, das heute über die Zukunft des Erdballs entscheiden dürfte: Wie entstehen neue Häuser auf möglichst wenig Raum? Denn der Flächenfraß ist enorm. Allein in Deutschland werden täglich 62 Hektar Boden versiegelt. Weltweit ist der Hunger nach neuem Bauland gewaltig - mit katastrophalen Folgen für Umwelt und nachfolgende Generationen.

Die Antwort auf der Suche nach mehr Dichte, die das Büro MVRDV gibt, das heute über 200 Mitarbeiter und mehrere Standorte auf der Welt hat: stapeln, was das Zeug, besser das Haus hergibt. Und zwar Nutzungen und Funktionen, auch Typologien. Für ihren Amsterdamer Wohnturm Silodam schichteten die Architekten 2003 eine ganze Palette unterschiedlicher Wohnungstypen übereinander, bis das Haus wie die Ladung eines riesigen Containerschiffes aussah. Ihre Markthalle in Rotterdam von 2014 wird von 250 Wohnungen umrundet, im Erdgeschoss haben Lokale und Geschäfte Platz. Ihre Bibliothek in Spijkenisse wiederum hievten sie auf einen Sockel, in dem ein Lesecafé, ein Umweltzentrum und Geschäfte einzogen, was wirkt, als hätte sich hier ein Bücherberg über den Rest aufgetürmt.

Der spezielle Umgang von MVRDV mit knappem Boden hat für Arno Ritter auch etwas mit der Geschichte der Niederlande zu tun: "Jahrhundertelang hat man dort dem Meer Land abgerungen. Das hat zu einem pragmatischen Zugang zu Natur geführt." In Österreich dagegen hänge man eher an einem Naturbild, wie es sich die Romantik im 19. Jahrhundert konstruierte. Ästhetisch verklärt. In Deutschland dürfte es kaum anders sein. Doch mit Caspar David Friedrich im Kopf lässt sich ein neuer Umgang mit der Natur kaum finden.

Eine gewisse Pragmatik zeigt sich bei MVRDV aber auch im Mischen von Funktionen. Berührungsängste wie hierzulande, wo säuberlich unterschieden wird, was ein Wohnhaus darf, ein Büroturm muss, und wo der Mensch seine Freizeit zu verbringen hat, kennen die Architekten nicht. "Für uns sind unsere Gebäude Hybride, die von Stapelung leben", sagt Nathalie de Vries, deren Büro im kommenden Jahr auch die Manifesta in Marseille kuratieren wird. Denn unterschiedliche Nutzungen - Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Bildung - ziehen ja nicht nur unterschiedliche Menschen an, sondern sorgen auch dafür, dass die Gebäude von morgens bis abends belebt sind. Das hat nicht nur ökologisch Sinn, sondern auch kommerziell, weil die Häuser dadurch stärker ausgelastet werden. Eine Einsicht, die sich zumindest bei Investoren in anderen Ländern schon durchaus rumgesprochen hat. In Deutschland dagegen leistet man sich nach wie vor den Luxus, viele Gebäude über viele Stunden des Tages leer stehen zu lassen.

"Wir erwarten von jedem Gebäude eine Performance."

Pure Verschwendung, zumindest, wenn man sieht, was MVRDV alles in ein Gebäude packen. Da ist es mit Stapeln nicht allein getan. Die Ausstellung in Innsbruck zeigt auch, wie aufwendig die gedankliche Vorarbeit für einen komplexen Entwurf ist. Wie etwa lässt sich noch die kleinste Einheit - Pixel nennen die Architekten das - so gestalten, dass sie flexibel und somit für den Nutzer größer wird? Oder wie schafft man es, auch im großen Maßstab und im Städteplan Vielfalt und Diversität, ja individuelle Aneignungsmöglichkeiten für die Bewohner zu schaffen und dadurch eine Art dörfliches Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen? Schließlich: Wie aktiviert man sämtliche Elemente eines Hauses, vom Dach über die Fassade bis hin zum Keller? "Wir erwarten von jedem Gebäude eine Performance", sagt de Vries. Was so viel bedeutet wie: Das Haus als Tausendsassa, der Energie erzeugt, Daten erhebt, Rückzugsmöglichkeiten bietet, eine angenehme Arbeitsatmosphäre schafft, aber auch durch öffentliche Räume die Gesellschaft zusammenbringen kann.

Wie gerade Letzteres von den Menschen angenommen wird, ist erstaunlich, vielleicht sagt es sogar mehr über die Gegenwart und das wachsende Bedürfnis einer Gesellschaft nach Gemeinschaft aus als über die niederländischen Architekten. So benutzten allein 600 000 Menschen die gewaltige Treppenkonstruktion aus Baugerüsten, die MVRDV 2016 an ein altes Bürogebäude gleich beim Rotterdamer Hauptbahnhof geschoben hat. Auf dem Dach entstand damit ein öffentliches Wohnzimmer auf Zeit. Kostenlos und für alle zugänglich. Das Spieleparadies von MVRDV, es ist durchaus auch politisch zu verstehen.

Architecture speaks. The language of MVRDV. Aut, Architektur und Tirol, Innsbruck. Bis 28. September. Infos unter: www.aut.cc