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Werksviertel:Was von Pfanni übrig blieb

Die Kartoffeln, der Rohstoff für Knödel, Püree und Co., wurden früher per Traktor auf das Areal geliefert.

(Foto: OTEC GmbH & Co. KG)
  • Vor 70 Jahren eröffnete Pfanni seine erste Produktionsstätte am Ostbahnhof.
  • Die Firma gibt es immer noch, hergestellt werden die Fertigmischungen aber längst nicht mehr in der Stadt.
  • Das Gelände hat sich weiterentwickelt - vom Industrieareal über Kunstpark und Kultfabrik bis hin zum heutigen Werksviertel.

Das schwarze "Ape"-Dreirad steht dekorativ mitten im Weg. Drumherum: Ein geordnetes Durcheinander aus Paletten, großen, aufeinander gestapelten Containern mit kleinen Dachterrassen, Biertischen und Liegestühlen - nebst darauf fläzenden Leuten, die ihren Sommercocktail in einem gediegenen Alternativ-Ambiente genießen wollen. Die Container-Bars und -Läden im Werksviertel-Mitte vermitteln einen Eindruck irgendwo zwischen Berliner Sperrholz-Clubs und den Dschungelwelten, die sich die internationale Travellerszene in Südostasien überall hingezimmert hat. Gemütlich, nicht allzu aufgehübscht, ein wenig Industrie-Patina und ein ausreichendes Angebot an Genussmitteln. Daneben steht eine Almhütte, die Knödel-Alm, die gerade jemand für seine Hochzeit angemietet hat. Ein paar Meter weiter am Knödelplatz ragt der in München offenbar unvermeidliche Maibaum in den Himmel.

München, obwohl es eigentlich nicht so aussieht. Das Gelände hinter dem Ostbahnhof spiegelt einen etwas anderen Teil der Stadtgeschichte wider als die Vorzeigebauten der Innenstadt. Und es ist tatsächlich vieles noch ablesbar aus dem Werdegang dieser Welt, deren Markenzeichen das Prinzip Nachfolger ist. Das jetzige Werksviertel, in dem dereinst auch das lange diskutierte Konzerthaus seinen Platz finden soll, ist der Nachfolger der Kultfabrik, in der einst das Nachtleben tobte. Wenn auch nicht mehr gar so intensiv wie in deren Vorgänger-Institution, dem Kunstpark Ost, der 1996 als befristete Zwischennutzung mit Clubs wie dem "Babylon", der "Bongo Bar" oder dem phantasievoll ausgestatteten "Natraj Tempel" in den alten Industriebauten loslegte.

70 Jahre Pfanni, Werksviertel

Das Werksviertel ist noch im Entstehen, der provisorische Eindruck rund um die Container im Eingangsbereich ist hingegen Konzept.

(Foto: Florian Peljak)

Der Kunstpark war sozusagen ein Doppel-Nachfolger: Als Institution ersetzte er das Nachtleben-Areal am stillgelegten Flughafen Riem - als dort Messegelände und Messestadt gebaut wurden, zogen Clubs wie das legendäre "Ultraschall" an den Ostbahnhof um. Und räumlich nahm der Kunstpark den Platz ein, auf dem bis 1996 die Kartoffel-Fertigprodukte der in München gegründeten Firma Pfanni hergestellt wurden.

Wer genau hinsieht, trifft im Werksviertel überall auf Relikte der Pfanni-Produktion und auf bewusste Reminiszenzen. Die im Pfanni-Stil beschriftete Nachtkantine, die schon zu Kunstpark-Zeiten den nächtlichen Heißhunger befriedigte, war einst die Werkskantine der Knödelfabrik. Und im Durchgang von "Werk 3" kann man Knödel und Reiberdatschi als Snack einkaufen. Auch hier erlaubt das Retro-Design der Speisekarte keinerlei Zweifel, an welchem Nahrungsmittelhersteller sich der Imbiss orientiert. Exakt 70 Jahre ist es her, dass das erste in diesen Hallen hergestellte Fertigprodukt auf einer Mannheimer Messe vorgestellt wurde: ein Kartoffelpulver, das nach Zugabe von Wasser zum Reiberdatschi-Teig mutierte.

An jenem 2. September 1949 wurde die Familie Eckart, deren Mitglieder seit Jahrhunderten als Konservenfabrikanten, Gastwirte, Bäcker, Müller und Bierbrauer tätig waren, zum "Player" in der großen Nahrungsmittelindustrie, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. 1950 kam der erste Pfanni-Kartoffelknödel auf den Markt. Der Gag: Gab man etwas mehr Wasser dazu, war der Teig auch für Kartoffelpuffer verwendbar. Die Kartoffeln wurden von Bauern des Umlands per Traktor geliefert.

70 Jahre Pfanni, Werksviertel

Im "Werk 3" wurde produziert und verpackt. Heute befindet sich eine Schafweide auf dem Dach des Baus, der unter anderem für Läden und eine Eventlocation genutzt wird.

(Foto: Florian Peljak)

Die Eckarts, denen das Gelände nach wie vor gehört, pflegen ihre Firmengeschichte gern. Noch immer liegen im Asphalt die Gleise für die einstige Pfanni-Lok, die die Knödel- und später auch die Bratkartoffel-und Püree-Pakete transportierte. "Werk 7", heute ein Musical-Theater, war eine Lagerhalle für Kartoffeln. Die Beleuchtung des Gebäudes erinnert daran, dass dort einst die Knollen unter grünem Licht aufbewahrt wurden, damit sie nicht austreiben.

In "Werk 3", auf dessen Dach heute Schafe weiden, waren Produktion und Verpackung untergebracht, das gerade im Umbau befindliche "Technikum" diente als Adresse für die Entwicklung neuer Fertigprodukte. In der besten Phase arbeiteten 1200 Leute im Münchner Pfanni-Werk. Die Namensgebung erfolgte offenkundig eher aus praktischen Überlegungen: Sie orientiert sich ganz schlicht an einem weit verbreiteten Küchen-Utensil - der Bratpfanne. Und vielleicht ein bisschen, so berichtet die von der Familie Eckart verbreitete Firmen-Historie, an der bayerisch-bodenständigen Köchin Fanni.

Vogelperspektive von 1966.

(Foto: OTEC GmbH & Co. KG)

Pfanni gibt es immer noch, die Firma hat inzwischen auch Kürbis- und Süßkartoffelpüree im Sortiment. Um ein Münchner Unternehmen aber handelt es sich schon lange nicht mehr. Pfanni gehört seit den Neunzigerjahren zum Lebensmittelgiganten Unilever und produziert in Mecklenburg - in München wurde den Firmenchefs die Gebühr fürs Abwasser zu teuer. 1996 war die etappenweise Stilllegung der Münchner Produktionsanlagen abgeschlossen.

Das aktuelle Werksviertel, bei dem man sich gelegentlich weitab vom schnieken München wähnt, ist noch im Entstehen. Neben einem alten Hochsilo ist "Werk 4" im Bau, eine hochgeschossene Kombi aus Luxushotel und Hostel. Direkt daneben befindet sich das Ensemble aus Nachtkantine, "Schlager-Garten" und dem Club "Willenlos", das baulich einen eher angeranzten Charme versprüht. Es gibt Platz für Einmiet-Büros ("Coworking Spaces"), einen syrischen Imbiss, eine Augustiner-Wirtschaft, ein Delikatessen- und ein Spirituosen-Geschäft. Nebst Resten der Nachtlebens-Meile, der "Tonhalle" etwa. Und ein Riesenrad, das nur vorübergehend aufgebaut ist. Wie es halt hier zugeht, seit Pfanni seine Kartoffeln woanders trocknet.

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