Süddeutsche Zeitung

Prozess zum Unfall in Trudering:"Ich hatte die Flammen im Gesicht"

Vor vier Jahren rast ein 60-Jähriger mit mehr als 120 km/h in einen Kleinwagen - drei junge Menschen sterben. Das Landgericht muss entscheiden, ob dafür vier Jahre Gefängnis angemessen sind.

Von Susi Wimmer

Für einige Augenblicke entgleitet die Gegenwart in Raum 166 und die Zuhörer wähnen sich mit Alwin Modschiedler auf der Wasserburger Landstraße. Der 35-Jährige erzählt, wie er verzweifelt versucht, Menschen aus einem brennenden Auto zu retten. Eine Frau kann er aus dem Wrack ziehen, er sieht drei weitere Personen im Wagen. Um ihn herum lodern Flammen, er selbst steht im auslaufenden Benzin. Er muss zurückweichen. Fast auf den Tag genau vier Jahre ist der schreckliche Unfall in Trudering her, bei dem ein damals 60-Jähriger mit mehr als 120 km/h in ein gerade anrollendes Auto raste und drei junge Menschen ums Leben kamen. Der Unfallfahrer wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Er sowie ein Nebenkläger legten Berufung gegen den Richterspruch ein. Nun wird vor dem Landgericht München I erneut verhandelt.

Wie es zu dem Zusammenstoß kommen konnte, ist bis heute ein Rätsel. Es ist Samstagabend, der 16. September 2017. Vier Touristen aus Frankreich sind zu Besuch in München: Die 68-jährige Danielle L. mit ihren beiden Kindern sowie dem Freund der Tochter, alle zwischen 29 und 36 Jahre alt. Sie wollen mit dem Mietwagen zu einer Familienfeier, tragen bayerische Tracht. Sie fahren auf der Wasserburger Landstraße stadtauswärts, halten an der Kreuzung zur Jagdhornstraße an der Ampel.

Bei Grünlicht rollt der Wagen los. In diesem Augenblick rast von hinten der 60-Jährige aus dem Landkreis Ebersberg mit seinem Sport Utility Vehicle heran. "Ein Strich ohne Ende", sagt ein Augenzeuge. Der Fahrer habe aufrecht im Wagen gesessen, sagen Zeugen übereinstimmend. Er bremst nicht, er weicht nicht aus. Er knallt mit voller Wucht in das Heck des Kleinwagens.

Ein lauter Knall, gleichzeitig ein riesiger Feuerball. "Mir flog ein brennendes Auto entgegen", berichtet Alwin Modschiedler, der mit seinem Wagen auf der Gegenspur stand und sofort ausstieg, um zu helfen. Während ein Passant versuchte, die Fahrertür zu öffnen, zerrte Modschiedler am hinteren Griff. "Da lag jemand im Fußraum, aber die Tür ging nicht auf." Also lief er zur Beifahrertür, riss diese auf und löste den Gurt von Danielle L. "Die Flammen waren zwei Meter hoch", sagt der Security-Mann. Er trug feuerfeste Stiefel, stand im Feuer und zog die Frau aus dem Auto. "Ich hatte die Flammen im Gesicht, Augenbrauen, Wimpern, Bart und Haare waren schon angesengt." Dann sah er auf dem Rücksitz einen jungen Mann, hörte ihn röcheln. Aber der beißende Rauch und die Flammen ließen ihm keine andere Wahl: Er musste weg.

Drei junge Menschen starben. Und die Familie kann das Urteil von November 2019 nicht begreifen. Für sie ist es keine fahrlässige Tötung, wenn ein Autofahrer mit mehr als 120 km/h innerorts unterwegs ist, sondern Vorsatz. "Er nahm billigend in Kauf, dass Menschen durch sein schnelles Fahren sterben könnten", sagt Nebenklage-Anwältin Barbara Biller. Der Unfallfahrer selbst lässt über seinen Anwalt Thomas Kaufmann sagen, dass er sich nicht erinnere. Vielleicht noch daran, dass die Ampel vor ihm grün gewesen sei. Sein Mandant bedauere den Unfall "aufs Äußerste". Unbekannte würden in seinen Briefkasten Zettel werfen mit den Worten: "Der Mörder von Trudering." Der zweite Verteidiger, Hartmut Wächtler, sagt der SZ, man habe einen Neurologen hinzugezogen, der klären solle, ob nicht doch eine Form von Epilepsie beim Fahrer vorgelegen habe. Sein Mandant sei nicht betrunken gewesen, kein Raser, ein Verkehrsteilnehmer mit null Punkten in Flensburg.

Ein Polizist berichtet, gleich nach dem Unfall habe der Verursacher im Auto gesessen und von der Mittelkonsole die Scherben gewischt, um Ordnung zu machen. Auf die Frage, was passiert sei, soll er geantwortet haben: "Ich kann es nicht sagen", oder "ich will es nicht sagen." Ein Urteil ist für nächste Woche avisiert.

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SZ vom 23.09.2021/syn
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