Süddeutsche Zeitung

Oktoberfestattentat:Eine Opferentschädigung steht noch immer aus

Das Oktoberfestattentat vor 40 Jahren war ein rechtsextremistischer Terroranschlag. Doch warum hat es bis zu dieser Erkenntnis Jahrzehnte gedauert? Bei einer Podiumsdiskussion geht es um Ermittlungspannen und späte Folgen.

Von Bernd Kastner

Am Ende ist da dieses Nicken des Ministers. Stumm, aber aussagekräftig. Es sagt viel über die vergangenen 40 Jahre, und es weist in die Zukunft, wenn auch zaghaft.

Renate Martinez hat zuvor erzählt, was ihr am 26. September 1980 geschehen ist. Lakonisch klingt sie, wenn sie von ihrer letzten Runde auf dem Oktoberfest berichtet, weil sie doch auswandern wollte, aber nicht, ohne vorher noch einmal die Wiesn besucht zu haben. Für ihre Verhältnisse habe sie an jenem Freitagabend früh heimgehen wollen, sie war schon draußen auf der Straße, als die Druckwelle sie zu Boden riss. Schwerstverletzt lag sie fünf Monate in einer Klinik, die Ärzte operierten wieder und wieder Splitter aus ihrem Körper.

Sie ist eine von 221 Verletzten und hat von ihrem Über- und Weiterleben schon oft erzählt. Wie man überhaupt von diesem Abend im Volkstheater, mitveranstaltet von Lichterkette, Kulturreferat und Literaturhaus, eigentlich wenig Neues erwarten durfte, so oft wurde schon über das Oktoberfest-Attentat, bei dem 13 Menschen starben, gerätselt und diskutiert. Und doch gelingt Moderatorin Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der SZ, das Kunststück eines fesselnden Gesprächs. 90 Minuten, die alles lebendig machen, das Grauen der Tat, die Ignoranz der Politik, das Versagen der Ermittler, das späte Eingeständnis, dass das Attentat eben doch rechtsextremistischer Terror war. Und das Beschämen darüber, wie der Staat seit 40 Jahren mit den Opfern umgeht.

Joachim Herrmann, der bayerische Innenminister, lobt die jüngsten Ermittlungen nach der Wiederaufnahme des Verfahrens 2014 durch den Generalbundesanwalt. Dass es keinen Beleg für weitere Täter neben dem Bombenleger Gundolf Köhler gebe, sei zwar für manchen unbefriedigend, er aber fokussiert auf das Positive: "Es konnte sehr viel geklärt werden" - die Tat war rechtsextremer Terror. "Spät genug" sei diese Erkenntnis gekommen, fügt der CSU-Mann hinzu. Herrmann vermeidet klare Kritik an den verantwortlichen Politikern der Achtzigerjahre und an den Ermittlern damals, die die Akte schon nach wenigen Wochen schlossen, weil man ja den Täter hatte: allein agierend, tot. Er selbst, sagt Herrmann, sei damals ein 24-jähriger Jurastudent gewesen, und wirbt um Verständnis: Damals sei Terror nur in Verbindung mit der RAF gesehen worden, nicht mit Rechtsextremen. Und dann nennt er doch einen Namen, was fast schon mutig ist für einen CSUler: Dass der von ihm so geschätzte Franz Josef Strauß in der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann, zu der der Attentäter Kontakt hatte, nur ein paar harmlose, durch den Wald robbende Irre gesehen habe, sei ein Fehler gewesen: "In dem Punkt lag er definitiv total falsch."

Herrmann betont, wie sehr ihn selbst, kurz nach dem Wiesn-Attentat, eine andere rechtsextreme Tat erschüttert habe: der Mord am jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seiner Partnerin Frieda Poeschke in Erlangen. Als Kind sei Lewin sein Nachbar gewesen, sagt der Minister. Fortan sei für ihn klar gewesen: Die Rechtsextremen "kann man gar nicht ernst genug nehmen". Als die Moderatorin zu verstehen gibt, dass die Politik insgesamt die rechte Gefahr all die Jahre nicht so ernst genommen habe, widerspricht Herrmann: "So pauschal würde ich es nicht sagen."

Deutlicher wird Werner Dietrich, der die Bezeichnung "Opferanwalt" wie einen traurigen Titel trägt. Er vertritt Überlebende, hat 2014 die Wiederaufnahme durchgesetzt, kennt wie kaum ein anderer die Akten und sagt: Es sei eine der "Lebenslügen" der Bundesrepublik, dass es in den Siebziger- und Achtzigerjahren keinen organisierten Rechtsterrorismus gegeben habe. Dass es ihn gab, hätten Bundesanwaltschaft und Landeskriminalamt auf 150 000 Blatt Ermittlungsakten zusammengetragen. Darin liegt für Dietrich eine weitere bittere Erkenntnis: Es seien all die Jahre sehr viele Informationen in den Akten gewesen, "es ist nur nichts daraus gemacht worden". Lange sei nicht mal politisch diskutiert worden, ob nicht doch eine rechtsextreme Struktur hinter der Bombe stehe. Dietrich vertritt die These, dass es einen "stillschweigenden Konsens" gegeben habe: Organisierten Rechtsextremismus dürfe es nicht geben in der Bundesrepublik. Deshalb das kollektive Schweigen und Ignorieren. So klar sein Urteil über die Vergangenheit, so deutlich sein Lob für das, was Bundesanwaltschaft und LKA seit 2014 herausgefunden haben. Wäre 1980 so akribisch ermittelt und so energisch gefragt worden, wären damals schon rechtsextreme Strukturen sichtbar geworden.

Neben Anwalt Dietrich sitzt der Journalist Ulrich Chaussy, der im Oktoberfestattentat sein Lebensthema gefunden hat. "Das war alles eine Beleidigung des gesunden Menschenverstands", sagt er über die frühen Ermittlungen. Die Kriminaler hätten damals Zeugen so befragt, dass das politisch gewünschte Ergebnis herauskommt: "Der Einzeltäter mit den privaten Motiven musste hergestellt werden." Chaussy hätte sich gewünscht, dass der Generalbundesanwalt im Juli, als er das Verfahren einstellte, die Fehler und Versäumnisse in früheren Jahren konkret benennt, inklusive der Vernichtung wichtiger Asservate Ende der Neunzigerjahre. Das alles seien doch keine einzelnen Pannen gewesen, sondern habe System, vermutet er und ruft: "Das schreit nach Aufklärung."

Da bremst Dietrich: Die Bundesanwaltschaft sei weder eine Historiker- noch eine Untersuchungskommission, sondern an enge gesetzliche Vorgaben gebunden. Deshalb dürfe sie auch nicht den ausführlichen Abschlussbericht veröffentlichen, um die Öffentlichkeit umfassend über neue Erkenntnisse zu informieren. Aber hätte sie nicht die Pressemitteilung zur Einstellung aussagekräftiger formulieren können? Herrmann sagt, er wolle mit dem Generalbundesanwalt darüber reden, ob man nachträglich noch was machen könne.

Ramelsberger fragt Renate Martinez, ob sich nach Ende der Ermittlungen und der Einstufung der Tat als rechtsextrem jemand bei ihr gemeldet habe, um staatliche Entschädigung anzubieten. "Nein, natürlich nicht", sagt sie, als habe sie nichts anderes erwartet. Helfen würde ihr ja schon, wenn sie endlich nichts mehr für ihre Medikamente zuzahlen müsste, "das wäre doch mal eine Geste". Aber sie zweifle am politischen Willen, den Opfern finanziell zu helfen. Herrmann sagt, dass Bund, Land und Stadt in Gesprächen seien über eine Opferentschädigung, aber dann wird klar, dass ausgerechnet die Zusage des Freistaates noch fehle. Die Moderatorin versucht den Minister festzunageln: Es wäre doch peinlich, wenn zum 40. Jahrestag demnächst der Bundespräsident nach München kommt und dann den Freistaat ermahnen müsste. Also, gibt die Staatsregierung auch was für die Opfer? Herrmann sagt darauf gar nichts. Aber immerhin, er nickt.

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SZ vom 17.09.2020/aner
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