Süddeutsche Zeitung

Katastrophenhilfe:"Ich dachte nur: Nicht schon wieder"

Wenige Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti nahm die Münchnerin Maren Mistele Urlaub und flog ins Katastrophengebiet, um zu helfen. Jetzt ist die junge Ingenieurin zurück. Im Gepäck hat sie auch kleine Geschichten voller Hoffnung.

Von Martina Scherf, München

Maren Mistele, 28, kam vor wenigen Tagen aus Haiti zurück. Das kleine Land in der Karibik wurde am 14. August von einem schweren Erdbeben erschüttert, mehr als 3000 Menschen starben, hunderttausende sind obdachlos. Die junge Ingenieurin aus München hat in Haiti ein Ärzteteam des Kaufbeurer Hilfsvereins Humedica unterstützt. Mistele ist Wirtschaftsingenieurin und kennt sich in dem Land aus: Mehrfach war sie dort, weil sie schon als Studentin mit dem Verein "Engineers without Borders - Karlsruhe Institute of Technology" ein Team leitete, das eine erdbebensichere Schule baute. Viele Bildungseinrichtungen und Krankenstationen im Land sind jetzt eingestürzt, - doch "ihre" Schule hielt stand.

Was erlebten Sie, als Sie in Haiti ankamen?

Maren Mistele: Wir waren ein Team aus fünf Ärzten, einer Krankenschwester und mir als Koordinatorin, das sich am Flughafen in Madrid erst kennenlernte. Es waren aber schon Helfer von Humedica vorausgereist, um unsere Arbeitserlaubnis zu klären und gemeinsam mit dem lokalen Partner den Ort unseres Einsatzes auszukundschaften. Als ich dann die Bilder der Zerstörung sah, lief es mir eiskalt den Rücken runter und ich dachte nur: Nicht schon wieder. Nicht schon wieder dieses kleine Land.

Das letzte schwere Erdbeben liegt erst elf Jahre zurück, dazwischen gab es einen verheerenden Wirbelsturm ...

Ja, die Kinder haben in den letzten Jahren kaum ein normales Schuljahr erlebt. Dann kam auch noch Corona mit Schulschließungen, und jetzt wieder diese Katastrophe. Es sind nicht nur die sichtbaren Wunden, an denen die Bewohner leiden, es sind auch die immer wieder kehrenden Traumata. Wir wurden dann von den Einsatzleitern aufs Land geschickt, wo wir gemeinsam mit lokalen Partnern eine mobile Klinik aufbauten.

"Dass die Schule kaputt ist, ist für uns schlimmer als der Verlust unseres eigenen Hauses", sagten Eltern

Wie haben die Menschen reagiert?

Wir wurden unglaublich herzlich empfangen, alle haben zusammen geholfen. Die Menschen sind immens dankbar und sagten immer wieder: "Dass ihr bis aus Deutschland hierher kommt, um uns zu helfen, gibt uns Hoffnung." In dem Dorf waren die Krankenstation und die Schule eingestürzt. Verzweifelte Eltern sagten dem Rektor: Dass die Schule kaputt ist, ist für uns schlimmer als der Verlust unseres eigenen Hauses. Die Kinder lernten dort, aber sie bekamen auch einmal am Tag ein warmes Essen und sauberes Trinkwasser. Das ist jetzt wieder alles verloren.

Sie haben früher schon an einem anderen Ort in Haiti eine Schule gebaut. Konnten Sie den Ort besuchen?

Leider nein, denn die Infrastruktur ist extrem schlecht, die Straßen sind zum Teil kaputt, auch die Sicherheitslage ist schwierig. Aber wir haben oft telefoniert. Und ich war glücklich, zu hören, dass unsere Schule in Beaumont, ganz im Südwesten der Insel, tatsächlich erdbebensicher ist und stehen blieb. Diese 350 Kinder haben jetzt eine Zukunft. Wir wollen das Projekt unbedingt weiter bringen, das Waisenhaus fertig bauen, mehrere Wohngebäude, eine Krankenstation, eine Kantine und eine Zisterne.

Sie machen das alles ehrenamtlich, in Ihrer Freizeit?

Ja, wir haben schon als Studenten geplant, gezeichnet, Fundraising betrieben, während andere im Sommer am See lagen. Aber es gibt einem viel Zufriedenheit, wenn man sieht, wie so ein Projekt wächst und wie dankbar die Leute sind. Schulen sind die einzige Zukunftschance für die Kinder. Deshalb kommt es auf nachhaltige Lösungen an. Ähnliches habe ich auch jetzt wieder mit unserem lokalen Partner während des Humedica-Einsatzes erlebt. Ein lokaler Bauingenieur war nach dem Studium zurück in sein Dorf gekommen und hatte dort eine erdbebensichere Schule gebaut. Auch die hielt jetzt stand. Das sind die Geschichten, die Hoffnung machen. Und die den Menschen in all dem Elend eine Zukunftsperspektive geben.

Sie arbeiten jetzt bei einem Werkzeugmaschinen-Hersteller und haben für den Katastropheneinsatz spontan Urlaub bekommen für die Reise?

Ja, mein Arbeitgeber ist sehr sozial eingestellt und auch meine Kollegen haben sofort gesagt: Wir halten dir den Rücken frei. Obwohl ich noch gar nicht lange in der Firma bin.

Wann fliegen Sie das nächste Mal nach Haiti?

Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder genug Urlaub angesammelt habe, um hinzufliegen. Haiti ist ein wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen. Und ich will unbedingt sehen, wie unser Waisenhaus wächst.

Humedica mit Hauptsitz in Kaufbeuren ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die seit ihrer Gründung im Jahr 1979 in vielen Ländern humanitäre Nothilfe leistet, aktuell in Haiti, Afghanistan, Äthiopien und auch in den von der Flut betroffenen Gebieten Deutschlands. Informationen: www.humedica.org, Spendenkonto-IBAN: DE35 7345 0000 0000 0047 47

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