Süddeutsche Zeitung

Nahverkehr:Das große Schaufeln geht weiter

Auch vier Tage nach den heftigen Schneefällen fährt die S 7 auf beiden Ästen nicht bis zur Endhaltestelle, und die Bahn kann nicht sagen, wann alle Streckenabschnitte freigegeben werden. Der Baierbrunner Bürgermeister Patrik Ott sieht den schlechten Zustand der Linie mittlerweile als Standortnachteil.

Von Martin Mühlfenzl, Baierbrunn/Aying

Mit Schaufeln und schwerem Gerät versuchen die Mitarbeiter der Münchner S-Bahn in der Gemeinde Aying am vierten Tag nach dem heftigen Wintereinbruch im Landkreis München die Bahnhöfe und Gleise freizubekommen. Noch immer liegt hier auf dem Außenast der S 7 der S-Bahn-Verkehr komplett lahm. Zwar hat es die Deutsche Bahn am Mittwoch geschafft, den Betrieb vom Ostbahnhof über Ottobrunn bis Höhenkirchen-Siegertsbrunn wieder aufzunehmen. Die Weiterfahrt über Aying bis zur Endhaltestelle Kreuzstraße aber ist momentan nur mit dem aus Taxis bestehenden Schienenersatzverkehr möglich.

Aying ist nicht die einzige Ortschaft im Münchner Umland, die nach wie vor vom öffentlichen Nahverkehr abgehängt ist. Obwohl die Deutsche Bahn eigenen Angaben zufolge dabei ist, durch die Schneemassen beschädigte Infrastruktur wieder zu reparieren und noch vom Schnee bedeckte oder von umgeknickten Bäumen beeinträchtigte Streckenabschnitte zu räumen. "Für das gesamte S-Bahn-Netz gilt: Wir sind mit allen verfügbaren Kräften im Einsatz, um weitere Streckenabschnitte freizubekommen", sagt ein Bahnsprecher. "Nach und nach können wir so den S-Bahn-Verkehr ausweiten." Im nördlichen Landkreis München ist das bereits gelungen - im Süden nicht.

Tatsächlich konnte am Mittwoch neben dem Ost-Ast der S 7 bis Höhenkirchen-Siegertsbrunn auch der westliche Abschnitt der Linie von der Donnersbergerbrücke bis zum Isartalbahnhof Großhesselohe in Pullach wieder befahren werden. Dort aber mussten die S-Bahnen wieder umdrehen. Denn zwischen Großhesselohe und Wolfratshausen waren durch die starken Schneefälle Äste in die Oberleitung geraten, am Endhaltepunkt Wolfratshausen rissen sogar Teile der Leitung, sodass kein Strom mehr fließen kann. "Neben Räumarbeiten sind hier also auch umfangreichere Reparaturen erforderlich und es müssen teilweise dafür auch noch vor Ort stehende S-Bahn-Züge abgeschleppt werden", heißt es von der Bahn. Zwischen Großhesselohe und Wolfratshausen wurde daher ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet.

"Das ist für die Bahn das schlechteste Signal, wenn nur noch ein Schulterzucken kommt"

Von der anhaltenden Sperrung der Strecke ist auch die Gemeinde Baierbrunn betroffen, deren Bürgermeister Patrick Ott (parteilos) den Zustand der S-Bahn äußerst kritisch beurteilt. "Ich bin ja hier aufgewachsen. Und wenn man sich an frühere Schneeereignisse erinnert und wie es da funktioniert hat, fragt man sich schon, warum das so ist", sagt der Baierbrunner Rathauschef. Ott bezieht sich auf Ausführungen des Fahrgastverbands Pro Bahn, der kritisiert hat, dass die Bahn kaputtgespart worden sei, es an Personal und an Redundanzen wie Ausweichgleisen fehle. "Wenn dann so ein einzelnes Ereignis wie der Schneefall reicht, um alles aus dem Rahmen zu bringen, dann ist am falschen Punkt gespart", sagt Ott.

Der Bürgermeister befürchtet, dass der Zustand insbesondere der durch Baierbrunn fahrenden S 7 zum Standortnachteil für seine Gemeinde wird. "Unabhängig vom Winter. In diesem Sommer habe ich Gespräche mit einem Münchner Unternehmer geführt, der seine Zentrale nach Baierbrunn verlegen wollte", erzählt Ott. Nach einer professionellen Standortbewertung habe dieser sich aber gegen die Isartal-Gemeinde entschieden und sei in den nördlichen Landkreis München gezogen - wegen der S-Bahn. Aber auch bei den Menschen in Baierbrunn wachse der Frust über den Zustand der S-Bahn weiter an, auch wenn dies nicht alle zeigen würden. "Und das ist für die Bahn das schlechteste Signal, wenn nur noch ein Schulterzucken kommt, weil man eh nichts mehr erwartet."

Gelassener reagiert Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) auf die mehr als drei Tage dauernde Stille auf den Schienen in seiner Gemeinde. Loderer setzt sich seit Jahren für den zweigleisigen Ausbau auf dem Ost-Ast der S 7 ein, die gemeinhin nicht mit minutengenauer Pünktlichkeit glänzen kann. "Aber bei diesem Ereignis kann man jetzt keine Rückschlüsse ziehen, dass die eingleisige S-Bahn schlecht instand gehalten würde", sagt der Ottobrunner Rathauschef. Es sei einfach zu viel Schnee in zu kurzer Zeit gewesen. "Und wenn man den Gleiskörper vor lauter Schnee nicht mehr sieht, dann will ich auch nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen."

Wie schnell die noch immer nicht befahrbaren Streckenabschnitte flottgemacht werden können, sei schwer abzuschätzen, sagt der Sprecher der Deutschen Bahn; dies hänge immer vom Ausmaß der Schäden ab. Zudem müssten Züge, die von Schnee und Eis befreit sind, in den Werkstätten der Münchner S-Bahn auf Schäden an der Wasser- und Stromversorgung überprüft werden.

Im Süden fahren derweil Großraumtaxis im Schienenersatzverkehr zwischen Aying und Kreuzstraße. Diese nutzen auch ein Teil der etwa 100 Schülerinnen und Schüler, die in Kreuzstraße in die Bayerische Regiobahn umsteigen und bis Holzkirchen weiterfahren, weil sie dort auf die Realschule oder das Gymnasium gehen. Auch der Flexbus steht Pendlerinnen und Pendlern im südöstlichen Landkreis weiter als Alternative zur Verfügung, um etwa zum Bahnhof Deisenhofen zu fahren. Auch dort halten die Regiobahnen und die S 3, die bereits seit Dienstag wieder in Betrieb ist. Anders als die Trambahn-Linie 25 von Grünwald nach München. Diese ist noch gesperrt und ein Schienenersatzverkehr mit Bussen bis zur Silberhornstraße ist in Vorbereitung.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6315503
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/wkr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.