Süddeutsche Zeitung

Erwachsenenbildung:Vom Sprachkurs zum Online-Seminar

Seit 100 Jahren folgen die Volkshochschulen der Idee, Erwachsenen ein Leben lang Bildung zu vermitteln. Im Landkreis München existieren zehn eigenständige Einrichtungen

Von Bernhard Lohr

Schüler träumen davon: eine Schule, an der sie Lehrern Noten erteilen. An der sie wählen, was sie lernen, und von der sie sich verabschieden, wenn ihnen der Unterricht nichts gibt. Diese wundervolle Schule existiert, und zwar in fast jeder Kommune des Landkreises München. Vor genau 100 Jahren gründeten sich die ersten Volkshochschulen in Deutschland. Dieser Tage gehen zehn dieser etwas sperrig bezeichneten Einrichtungen der Erwachsenenbildung im Landkreis mit Tausenden Angeboten ins neue Semester. Sie sind nicht wegzudenken, und müssen sich doch dauernd neu erfinden.

Die drei Buchstaben VHS sind im Lauf der Jahrzehnte zur Marke geworden. Auch wer selbst nie in einem Klassenzimmer, in dem sonst Schulkinder unterrichtet werden, auf zu kleinen Stühlen saß und einer Spanischlehrerin lauschte oder nie im Schlepptau eines Kunsthistorikers durch die Alte Pinakothek stapfte, hat zumindest eine Vorstellung davon, was an einer VHS passiert: Fremdsprachen, Goethes Italienische Reise und natürlich der Excel-Kurs, das Ganze ergänzt durch Gesundheitsangebote und manch abseitig Klingendes für Randgruppen wie Lachyoga.

Ganz egal, was angeboten wird, eines ist immer klar: Es muss jemanden ansprechen. Die VHS ist "keine Schule mit einer Klientel, die kommen muss", sagt Lothar Stetz, Direktor der VHS Nord mit Sitz in Ismaning und Nebenstellen in Unterschleißheim, Unterföhring und Garching.

Alles basiert auf Freiwilligkeit. Dahinter steckt die große Idee vom lebenslangen Lernen, das mit der Weimarer Verfassung, die ebenso wie die Volkshochschulen oft unterschätzt wird, im Jahr 1919 erstmals Verfassungsrang erhielt. Alle staatlichen Ebenen wurden aufgerufen, die Erwachsenenbildung und insbesondere die Volkshochschulen zu fördern. In kurzer Zeit gründeten sich nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs viele Einrichtungen in den Städten. Eine weitere Gründungswelle folgte nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf dem Land.

Ganz typisch für den bildungsbürgerlichen Impetus dieser Zeit rief der Volksschulrektor Friedrich Fischer 1957 mit Gleichgesinnten in Haar die VHS ins Leben. Die Menschen lechzten damals nach Kultur. In enger Verbindung mit dem Theaterverein München wurden Theaterfahrten angeboten. In Ottobrunn wurde im selben Jahr der Kulturkreis als Vorläufer der VHS aus der Taufe gehoben.

Mit der Gesellschaft änderte sich in der Folge auch das Bildungsangebot. Zunächst musste das Angebot mit der Nachfrage mithalten. Lothar Stetz erzählt vom ersten Kursprogramm 1971, das auf ein paar DIN-A-4-Seiten passte. Heute füllt das Angebot des Frühjahr- und Sommersemesters ein Buch mit 200 Seiten. 2173 Veranstaltungen zählte die VHS Südost, eine der großen Einrichtungen im Landkreis, im Jahr 2017. Teilnehmer belegten 22 275 Doppelstunden. Doch zuletzt wuchs der Zuspruch nur noch langsam. Die Konkurrenzangebote sind größer geworden. Vieles finden Bildungsdurstige im Internet. Es gibt Podcasts zu nahezu allem. Sprachkurse sowieso.

Alfred Pfeuffer, früherer Geschäftsführer der VHS Haar, sagt: Einen Kurs über die Frauen von Picasso, der früher sehr gut angenommen worden wäre, brauche man heute fast nicht mehr anzubieten. Da gebe es inzwischen viele andere Möglichkeiten, sich zu informieren. Gut gingen dafür kombinierte Sprach-Kultur-Angebote. Wenn also eine Italienerin eine Führung durch eine Ausstellung von Renaissance-Malern in ihrer Muttersprache anbietet, dann kommt das an und ist ausgebucht.

146 Angebote

zur Berufsbildung bot die VHS Südost alleine im Bereich Berufsbildung im Jahr 2017 an. Das klingt nach viel. Und doch sinkt gerade in diesem Bereich merklich die Nachfrage. VHS-Chef Christof Schulz macht das am robusten Arbeitsmarkt im Landkreis fest. Der Druck, sich beruflich zu qualifizieren, sei nicht hoch.

Anpassungsfähigkeit ist laut Pfeuffer ein Wesenszug der Volkshochschulen und prägt auch die Menschen, die für sie arbeiten. Er selbst ist studierter Kunsthistoriker und gab Anfang der Achtzigerjahre die ersten Computerkurse an der VHS Haar, später übernahm er die Leitung. Vor kurzem ging er in Ruhestand. "Volkshochschule hängt eng mit dem Leben zusammen", sagt er. Daran müsse sich die Bildungseinrichtung orientieren.

Der Jahresbericht für das Jahr 2017 des Bayerischen Volkshochschulverbands bestätigt: In den Fachbereichen Grundbildung sowie vor allem bei Integration und Sprachen steigt die Zahl der Kursteilnehmer. Doch schon im Gesundheitsbereich ist die Entwicklung allenfalls stabil. Und Angebote aus den Bereichen Gesellschaft und Kultur ziehen Menschen nicht mehr so an wie früher. Ganz deutlich nach unten geht die Nachfrage bei berufsbildenden Angeboten, was Schulz für den Landkreis bestätigt. Wegen des boomenden Arbeitsmarkts sei Qualifizierung nur noch für relativ wenige interessant.

Die Volkshochschulen müssen sich im Jahr 100 ihres Bestehens weiterentwickeln. Die Präsidentin der Volkshochschulverbands in Deutschland, die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, forderte beim Festakt anlässlich des Jubiläums in der Frankfurter Paulskirche von Bund, Ländern und Gemeinden eine "Allianz für digitale Aufklärung und starke Demokratie". Sie erklärte die Frage, wie Menschen in der digitalen Welt "selbstbestimmt leben" könnten zu einem Kernthema der Volkshochschulen.

Aktuell bedeutet das: Antworten auf neue Lernformen zu finden. Christof Schulz, Geschäftsführer der VHS Südost, versucht, die VHS Südost für die digitale Welt zu öffnen, und sieht "Webinare", also Vorträge, die man übers Internet streamen kann, sowie Angebote über die neue VHS-Cloud als Chance. Ob das funktioniert, weiß er nicht. "Wir probieren aus, wir errichten keine theoretischen Denkgebäude. Was wir machen, das ist Praxis", sagt Schulz.

Weiter offen sein für gesellschaftliche Entwicklungen

Man müsse neue Wege gehen, sagt er. Auch er beobachtet schwindendes Interesse an klassischen Fremdsprachenkursen und kultureller Bildung. Alles, was mit Malen, Zeichnen, Bildhauerei zu tun habe, stecke im Umbruch. Ungeachtet davon etabliert sich die VHS im Landkreis für viele sichtbar. In Haar entstand ein repräsentatives Schulgebäude. Oberschleißheim residiert seit 2017 in eigenen Räumen. In Unterföhring wird gerade gebaut und in Garching hofft VHS-Chef Stetz zumindest auf neue Räume. Kurse werden nicht mehr nur in Volksschul-Klassenzimmern gegeben, sondern in mit moderner Technik ausgestatteten Räumen.

Auch deckt die Erwachsenenbildung im Landkreis letzte weiße Flecken ab, wie die VHS Sauerlach neuerdings in Brunnthal. Angelika Rettenbeck, die Geschäftsführerin der kleinen Einrichtung, die mit Oberhaching kooperiert, um bestehen zu können, gibt sich selbstbewusst: Seit 19 Jahren existiere die VHS Sauerlach. "Da kann man stolz drauf sein." Die Zukunft liegt, da sind sich alle einige, darin, weiter offen zu sein für gesellschaftliche Entwicklungen.

Die Volkshochschule macht heute vieles, was lange keiner auf dem Schirm hatte. Vor Jahren baute Christof Schulz in Ottobrunn ein Ferienprogramm auf, das heute die VHS noch betreut. Die VHS verantwortet in Haar die offene Ganztagsschule. Sie leistet in vielen Orten Integrationsarbeit und öffnet sich unter Direktor Stetz im Landkreis-Norden für Bedürftige, indem sie Angebote kostenlos macht. Aus Teilnehmern wurden Kunden. Schüler, die Wissen eingeimpft bekommen, gab es nie.

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Quelle:
SZ vom 02.03.2019
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