Süddeutsche Zeitung

Elektromobilität im Landkreis München:Warten auf den Kickstart

Auch wenn die Zahl der Elektro-Autos im Landkreis im vergangenen Jahr um 50 Prozent gestiegen ist, machen die Stromer noch nur einen Bruchteil der zugelassenen Pkw aus. Der Grund ist vor allem das lückenhafte Netz an Lademöglichkeiten.

Von Bernhard Lohr

Stefan Schürle will seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten und würde daher gerne seinen spritschluckenden Wagen gegen ein Elektroauto tauschen. Doch er hat in den vergangenen Monaten erlebt, dass vieles zu bedenken ist, wenn man nicht über kurz oder lang mit leerem Akku am Straßenrand stehen will. Schürle hat Vertreter von Energieversorgern kennengelernt, mit Elektrikern verhandelt, Start-up-Gründer getroffen und vor allem mit seinen Nachbarn intensiv diskutiert. Mittlerweile ist eine Lösung greifbar, damit er in seiner Wohnanlage in Neuried zu seiner Stromlade-Station kommt. "Wir sind positiv gestimmt", sagt er munter trotz all der Mühen. Eine Bestandsaufnahme im Landkreis zeigt: Es braucht solche Pioniere und Kümmerer wie ihn, damit die Mobilitätswende vorankommt.

Klaus Philipp glaubt auch ans Elektroauto. Er hat Anträge gestellt und Behörden wegen Fördermöglichkeiten abgeklopft. Nach zwei Absagen beschloss der Geschäftsführer eines Autohauses in Unterschleißheim, auf eigene Kosten eine 250-Kilowatt-Leitung verlegen zu lassen und an seinem Betrieb einen so genannten Hyper-Charger aufzubauen. 120 000 Euro gab der Händler nach eigenen Angaben dafür aus. Seither stiegen die Verkaufszahlen, sagt er. Jedes zehnte verkaufte Auto bei ihm sei ein Stromer. Ein Problem, das er notgedrungen hinnimmt, sind die langen Lieferzeiten für die Wagen. Über ein anderes kann er sich dafür umso mehr echauffieren: "Die Frage der Infrastruktur ist überhaupt nicht gelöst."

Der Kickstart bei der Elektromobilität, von dem viele Klimaschützer und Autohändler träumen, hat auf sich warten lassen. Doch mittlerweile bewegt sich einiges. Das Kraftfahrtbundesamt meldet im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg bei den Zulassungszahlen für Elektroautos um mehr als 250 Prozent. Die Zahl der zugelassenen Elektroautos im Landkreis München stieg von 1496 im September 2019 um mehr als 50 Prozent auf 2298. Allerdings machen diese bei insgesamt 239 595 im Landkreis zugelassenen Pkw immer noch weniger als ein Prozent aus.

Noch bremst viele beim Autokauf die Frage, wo sie ihren klimafreundlichen Wagen laden können. Stefan Schürle würde sich trotz aller Begeisterung für E-Autos erst einmal einen Hybrid-Wagen kaufen. Die Politik habe den Aufbau eines Netzes an Ladestationen verschlafen, sagt Autohändler Klaus Philipp. Klaus Bogenberger ist Mobilitätsexperte von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Er nimmt die Politik ein Stückweit in Schutz. Die tue schon etwas, sagt er und sieht auch Defizite in der Autobranche, die lange keine attraktiven, bezahlbaren Fahrzeuge im Angebot gehabt habe. "Man hat immer ein bisserl das Gefühl, das wird hin- und hergeschoben", sagt Bogenberger und erinnert daran, dass es in Tesla einen Autobauer gibt, der selbst Ladestationen aufbaut. In Unterschleißheim sind neuerdings welche geplant.

Bogenberger hat 2018 Szenarien für einen Ausbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur im gesamten Landkreis entwickelt. Bis zu 938 Ladesäulen könnten demnach bestenfalls in den 29 Kommunen flächendeckend geschaffen werden. Der Landkreis knüpft nach diesem Masterplan gemeinsam mit den Kommunen ein Netz. Bis jetzt sind in elf Kommunen an 41 Standorten 105 Ladepunkte entstanden. Nun soll der Ausbau Fahrt aufnehmen. In einigen Monaten sollen an weiteren 79 Standorten in 18 Kommunen Stromtankstellen entstehen. 190 Ladepunkte stehen als Ziel auf der Agenda. An all diesen Stationen kann man per Ladekarte oder App auf dem Smartphone laden. Anfang kommenden Jahres soll es noch kundenfreundlicher werden. Es werde zudem die Zahlung mit EC-Karten, Kreditkarten sowie mehreren Online-Zahlungsdienstleistern zur Verfügung stehen, teilt das Landratsamt mit. Auch mit gängigen Ladekarten anderer Anbieter werde man an den Ladesäulen per Roaming laden können.

Zu dem von der öffentlichen Hand aufgebauten Netz kommen Ladestationen bei Supermärkten oder andere, die Energieversorger oder Gemeindewerke mit den Kommunen installieren. Wöchentlich werden neue Stationen eröffnet. Ein Überblick sei nur noch schwer zu bekommen, heißt es vom Landratsamt, das aktuell von etwa 300 öffentlichen Ladepunkten im Landkreis ausgeht, und 32 Schnellladestationen. Aber egal, wie viele es auch sind: Die öffentlichen Ladestationen sind nur eines von zwei Standbeinen. Mobilitätsforscher Bogenberger sagt: "Das Wichtigste ist das Daheim-Laden."

Eine neue Tiefgarage - nicht für Elektroautos gemacht

Und das ist immer noch nur selten möglich. Michael Zaigler betreut als Geschäftsführer der Oberbayerischen Heimstätte mit Sitz in Haar Wohnungen in ganz Oberbayern. In Haar im Jugendstilpark hat die Heimstätte gerade erst eine Tiefgarage gebaut, doch von den 250 Stellplätzen sollen nur zehn bis 15 für die Installation einer sogenannten Wallbox vorbereitet werden. Noch steht dort kein einziges Elektroauto. Ihn habe bisher keine Anfrage erreicht, sagt Zaigler, der selbst einen Hybrid fährt und im Fuhrpark der Gesellschaft einige Elektrofahrzeuge stehen hat. Zaigler ist auch Kaufmann und sagt, Tiefgaragenplätze seien kostspielig und rechneten sich so schon nicht. Die Versorgung einer hohen Anzahl an Fahrzeugen in einer Tiefgarage sei kaum zu stemmen. "Den Strom würden wir nicht herkriegen von den Gemeindewerken." Es fehle in Deutschland ein einheitliches Abrechnungssystem. Vor allem könne er nicht ins Blaue investieren. "Den echten Bedarf wissen wir nicht."

Der wächst. Auch Zaigler beobachtet, dass im ländlichen Raum viele Hauseigentümer den Kauf eines Elektroautos erwägen, den sie gerne mit Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage auf dem Dach betanken würden. Felix Wiesenberger ist E-Mobilitätsberater bei der Energieagentur Ebersberg-München und propagiert das. Kürzlich informierte er in einem Online-Seminar über die Möglichkeiten, sich eine Ladestation zu Hause zu installieren, 170 Interessierte folgten seinen Ausführungen. Wiesenberger sprach über die Novelle des Wohneigentumsgesetzes, die zum 1. Dezember in Kraft getreten ist, und die in der Branche als großer Schritt nach vorne gefeiert wird. Wer sich ein Elektroauto zulegt und in der Tiefgarage seiner Wohnanlage eine Ladestation installieren möchte, ist nicht mehr auf die Zustimmung aller Eigentümer angewiesen.

Für Stefan Schürle ist das eine echte Erleichterung. Sieben Nachbarn wollen bisher mitmachen, zwei denken darüber nach, später eine Wallbox montieren zu lassen. Technische Fragen sind weitgehend geklärt, die Kosten mittlerweile abzuschätzen. Ein Kabel müsste vom nächsten Verteilerkasten zur Tiefgarage verlegt werden. Eine Münchner Spezialfirma würde ein Lastenmanagement installieren, damit möglichst viele Fahrzeuge mit der begrenzten Strommenge geladen werden können. Dazu gebe es 900 Euro Förderung je Wallbox vom Bund, sagt Schürle, und 800 Euro über die Gemeinde. Was dann noch zu zahlen sei, "ist dann nicht mehr so viel".

Auf derart aktive Bürger wie Schürle setzt Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) Hoffnungen. Er sagt, öffentliche Säulen könnten "immer nur ein Anstoß für die E-Mobilität" sein. "Den echten Durchbruch gibt es erst, wenn private Haushalte besser laden können." Seiner Meinung nach ist es genau der richtige Schritt, ganz praktisch durch die Gesetzesänderung Entscheidungen bei Eigentümergemeinschaften zu erleichtern. "Hier sollte die Förderung ansetzen. Und weniger bei Kaufprämien."

Die haben immerhin dazu geführt, dass im Autohaus in Unterschleißheim die Verkäufe von E-Autos anziehen. Autos, die klimafreundlich mit Wasserstoff betrieben fahren, gibt es dagegen dort noch nicht zu kaufen. Dabei gehört der Landkreis München zur Wasserstoffmodellregion. Autos, die mit Brennstoffzelle fahren, gibt es laut Zulassungsstelle aktuell: null.

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Quelle:
SZ vom 12.12.2020/belo
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