Süddeutsche Zeitung

Kunst:Weshalb hinsehen?

Lesezeit: 6 min

Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen hat einen gewaltigen Katalog zu 1000 Werken aus den Münchner Pinakotheken vorgelegt. Darin geht es um Kunstgeschichte, aber mehr noch um Psychologie und Politik.

Von Susanne Hermanski

Der Vergleich zur Bibel drängt sich auf, na klar: Das Werk hat mehr als 1400 Seiten, ist in zwei Bände aufgeteilt und wiegt zwölf Kilo oder mehr. Der Verleger Thomas Zuhr, Chef des Hirmer Kunstbuch-Verlages, scherzt bei der Buchpräsentation: "Ja, das ist schon ein Kleinmöbel!" Wie der Autor Bernhard Maaz diese Last gestemmt hat - und binnen nur weniger Monate all die Texte darin schrieb -, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Auch wenn Maaz erklärt: "Das ist ein Produkt der Pandemie." In der Zeit des ersten Lockdowns 2020 habe er mangels Vernissagen und anderer Verpflichtungen, die einen eben in Beschlag nehmen als Generaldirektor, schlicht abends zu Hause geschrieben: "Zwischen 18 und 24 Uhr schaffe ich 20 000 Zeichen."

In dem wortreichen Werk geht es - und das ist dann doch ein Unterschied zur Bibel - ausschließlich um Bilder. Rund 1000 "Gemälde der Münchner Pinakotheken" hat Maaz darin beschrieben. Weitgehend chronologisch und eben doch nicht als bloßen kunsthistorischen Katalog für Spezialisten und Sammler, sondern sortiert und durch ein einzigartiges Begriffsregister vernetzt nach elementaren gesellschaftlichen Themen und Menschheitsfragen.

Den Zweck dieser Übung formuliert Bernhard Maaz - der seit 2015 Chef der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ist, in Jena geboren wurde und unter anderem in Berlin und Dresden Museumsmacher war - mit eigenen Worten so: "Dieses Register soll der Erschließung der Gemälde unter anthroposophischen, theologischen, soziologischen und geistesgeschichtlichen Gesichtspunkten dienen." Anders gesagt: Es soll den Beweis führen, dass Kunst nicht um sich selbst kreist, sondern dass in ihr alles enthalten ist, was den Menschen ausmacht. Das ist es, was der Neugierige, der Suchende, der Wissbegierige in diesen Bänden finden soll.

Die Begriffe des Registers reichen von "Abgewandtheit" bis "Zynismus". Auffallend viele Seitenverweise finden sich zu "Macht" und "Moral", "Stand" und "Sterblichkeit", gar nicht so viele zur "Jugend", aber gar einiges zu "Impotenz", "Geld" und "Ironie". Da versteht es sich fast von selbst, dass Maaz sich nicht nur auf die bekannten Super-Exponate der Pinakotheken konzentriert, von Meistern wie Dürer, Raffael, Leonardo, Rubens, Goya, Picasso, Polke & Co., Maaz stöbert auch in jenen Beständen, die weniger Berühmtheit genießen und trotzdem Aufmerksamkeit verdienen. 20 000 Werke gehören den Pinakotheken insgesamt.

Wer wissen will, wo welches Werk gerade in welchem der 17 Museen ausgestellt ist, wird den Weg über die Homepage der Staatsgemäldesammlung gehen müssen, denn einige der Gemälde hängen nicht an einem festen Ort oder sind gar nicht immer ausgestellt; berühmte Meisterwerke aus der zur Sanierung geschlossenen Neuen Pinakothek sind gerade ausgelagert in die Sammlung Schack und in die anderen Pinakotheken. Aber mal abgesehen davon, ist dieses Opus Magnum ein analoges Meisterwerk, ein herkulischer Akt von Autor wie Verlag. Die Herbert-Schuchardt-Stiftung hat diesen im Wesentlichen finanziert, sämtliche Einnahmen kommen den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zugute.

Die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen gegen die Kultur - dazu gehörte auch die Schließung der Museen, in denen das Abstandhalten üblicherweise kein Problem darstellt - mag auch das Erkenntnisinteresse von Bernhard Maaz beflügelt haben, das sich in diesem Doppelband manifestiert. 2020 sortierte man Kunst und Kultur in die Kategorie Nicht-systemrelevant, weit hinter die Baumärkte zu den Bordellen und Vergnügungparks. Der Grundfrage, die Maaz in seinem Vorwort stellt, erwächst dadurch eine gesellschaftspolitische Komponente: "Warum sollen wir die mehr oder weniger alten Bilder in Museen ansehen, was finden wir darin, wie finden wir uns darin wieder?"

Die Antworten gibt er in 150 Kapiteln, wissenschaftlich belegt, doch durchaus persönlich. Der Leser und Betrachter ist dazu geladen, sich gern auch sprunghaft und selektiv darin zu bewegen. Deshalb an dieser Stelle eine winzige Auswahl aus dem Kosmos dieses Buches.

Anspannung

Zu den frühen Werken aus der Sammlung der Pinakotheken gehören die Werke Albrecht Dürers, auch das "Bildnis des Oswolt Krel" aus dem Jahr 1499. Maaz beschreibt es als "eine bemerkenswerte Schöpfung" des Nürnberger Meisters, nicht nur weil er es in einem quasisakralen Triptychon verbaut hat, sondern gerade weil Dürer den prächtig gekleideten Kaufmann und zeitweiligen Lindauer Oberbürgermeister als Mann dargestellt hat, dem man "die Last der Aufgaben und Ämter aus dem Gesicht herauslesen kann". Wie sich die Anspannung und die Aufmerksamkeit des Oswolt Krel sogar in dessen gestraffter Körperhaltung ausdrückt, gehöre "zur Modernität dieser großartigen und sensibel-einfühlsamen Porträtkunst".

Intimität

Madonnen mit Kind sind in der Sammlung reich vorhanden, sich für eine zu entscheiden, mit der man sich eingehender beschäftigt, ist eine Herausforderung. Maaz wählt die "Madonna Tempi" von Raffael (um 1507/08), erworben von König Ludwig I. Er schreibt: "Ist sie ein Sinnbild des Göttlichen oder ein Abbild des Menschlichen? Die Polyvalenz ist der Schatz. Maria schaut auf den kleinen Jesus, der sich in ihren Händen hält oder halten lässt; sie atmet ein, was das Kind ausatmet, sie atmen dieselbe Luft, sie sind darin - eins." Maaz verweist auf die Schlichtheit des Bildes und folgert: "Maria liebt ihr Kind. Das macht sie verletzlich. Was Raffael aus der seelischen Konstellation macht, (...) das ist die eigentliche künstlerische Leistung. Er schafft Formeln des Humanen; er fragt nach dem, was vom und von Menschen bleibt."

Sodomie

Allzu Menschliches darf ebenfalls nicht fehlen in einer Kunstsammlung, auch nicht in der des Bayerischen Staates. So bekannt wie beliebt ist darin Jean-Honoré Fragonards "Mädchen mit Hund" (um 1770). Maaz beschreibt den "feinsinnigen Kolorismus" und die "sinnlich-feine Motivik", die sich der Franzose bei seinen Lehrmeistern angeeignet habe. "Er hatte Italien von Rom bis Neapel bereist, und ob er nun im legendären erotischen Kabinett in Neapel oder an anderer Stelle gesehen hatte, welch vielfältige explizite Bilder des Koitus seit der Antike existieren, ob er Sodomiedarstellungen dort sah oder anderenorts, das spielt keine entscheidende Rolle", schreibt Maaz. Was Mädchen und Schoßhündchen da miteinander treiben? "Im ersten Moment wirkt die Szene harmlos", meint Maaz, "die Phantasie der Betrachter aber lädt es auf. Fragonard war ein enorm freier und freizügiger Künstler." Um sich diese Freiheit zu erhalten, folgte er nicht mal dem Ruf an die Akademie. Ein nicht unpolitischer Schritt.

Psychogramm

Nicht als Familienidyll - eine solch "simplifizierende Deutung" lehnt Maaz ab -, sondern als "Psychogramm" schildert er "Die junge Bäuerin mit 3 Kindern im Fenster" von Ferdinand Georg Waldmüller (1840): das propere Baby, das den Betrachter "vorbehaltlos anblickt". Das Kleinkind, das mit dem Zeigefinger auf den Betrachter weist und damit Bewusstsein zeigt, selbst der Beobachtung ausgesetzt zu sein. Das Kind links, das kokettiert mit dem Betrachter - der der Vater beziehungsweise der Maler sein mag. Die Mutter, "ganz bei sich", weil wach, offen und vertrauensvoll. "Kühne Wahrheitsfindung zwischen naivem Kleinstkind und integrer Erwachsener, welch eine differenzierte Psychologie - ein halbes Jahrhundert vor Sigmund Freud!", ruft Maaz aus und versäumt nicht, auf den künstlerischen Kniff mit dem Rahmen im Rahmen sowie die Provenienz-Problematik des Bildes zu verweisen.

Todessehnsucht

"Wieviel Sinnlichkeit darf sein?" Das fragt Maaz im Zusammenhang mit der "Sünde" von Münchens Malerfürst Franz von Stuck. Gemalt hat sie Stuck 1893, in einer Zeit, in der die christlichen Glaubensinhalte durch das Rationalitätsprinzip der Industriegesellschaft rasant an Relevanz und Glaubwürdigkeit verloren. Auch der Begriff "Sünde" selbst wurde hinterfragt und zum Zentralstück im "Künstleraltar", wie ihn viele aus der Stuckvilla kennen. Die wiederum gehört nicht zur Staatsgemäldesammlung, zelebriert aber nicht weniger magisch, wie die potenziell tödliche Schlange die Brüste der Frau umschmeichelt und wie der Maler Geschlechtstrieb und Todessehnsucht hauteng verwebt.

Ironie

Warum sich das Hinsehen immer lohnt, besonders, wenn es mit einer gewissen Akribie verbunden ist, davon zeugen auch Maaz' Ausführungen zu "Großes Stillleben mit Fernrohr", gerade ist es in der herrlichen Max-Beckmann-Ausstellung "Departure" in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Denn dieses Bild verschleift wie manches anderes Schlüsselwerk der Kunstgeschichte "die Grenze zwischen opulent dargebotener Dingwelt und integriertem Mensch". Das Fernrohr (rechts im Gemälde) vermag alles Irdische zu relativieren, die Figur (links im Bild), die gelb gekleidet ist, verbirgt ihr Gesicht und gibt aktiv Rätsel auf, weniger geheimnisvoll als voller Ironie. Beckmanns Bilder markieren eine Zeitenwende, in der Malerei wie in der Menschheitsgeschichte. Doch ein Phänomen ändert sich auch mit ihnen nicht, das Maaz schon in seinem Vorwort "die Doppelnatur des Kunstwerks" nennt. "Das Gemälde verkörpert Geist und Geld gleichermaßen", schreibt er, und dass es "einen offenkundigen Hunger" gebe, nach jener Art von Bild, das "nicht in Sekundenschnelle vom Bildschirm geklickt" werden kann.

Bernhard Maaz: Die Gemälde der Münchner Pinakotheken, Band 1: Vom Mittelalter zur Aufklärung, Band 2: Von der Romantik zur Moderne, Hirmer Premium, im Schmuckschuber

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Artikels befand sich eine falsche Jahreszahl. Franz von Stuck hat "Die Sünde" 1893 gemalt, nicht etwa 1803.

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