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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Wo Seelen sich nicht treffen

Professor Bernhard Maaz, Direktor Staatsgemaeldesammlungen,, Muenchen 03.12.20 Wiese vor der Alten Pinakothek, Gabelsbe

Bernhard Maaz, Direktor er Staatsgemäldesammlungen, bei der Eröffnung einer Lichtaktion im Kunstareal Anfang Dezember.

(Foto: imago images/Lindenthaler)

Kultur-Lockdown, Tag 48: Der Generaldirektor von Bayerns Staatsgemäldesammlungen über die gefährliche Stille in den Museen

Gastbeitrag von Bernhard Maaz

Impf- und Lesestoff, Seh- und Denkstoff beschäftigen uns. Diese Stoffe enthalten elementare, unsichtbar wirksame Ingredienzien. Byung-Chul Han veröffentlichte 2019 "Vom Verschwinden der Rituale", ein Buch, das die Gesellschaft und ihre fragilen Zusammenhänge besichtigt, das Zwischenmenschliche betrachtet, den Bogen von Platon ins Heute spannt. Es wirkt, obgleich vor Corona vollendet, wie für die jetzige gesellschaftliche Situation erdacht. Wichtige Fragen werden mit richtiger Differenzierung aufgeworfen, etwa die nach dem Verhältnis des Einzelnen zum Sozium. "Ohne Resonanz ist man auf sich selbst zurückgeworfen und für sich isoliert." Für Künstler und Kunst, für Theater und Museum ist Resonanz die Essenz. Wir müssen den Blick auf jene ausweiten, die Teil der kollektiven Resonanzkörper sind, auf die Besucher: Sie bilden die Gesellschaft. "Der zunehmende Narzissmus wirkt der Resonanzerfahrung entgegen."

Wofür sind die Künste nötig? Sie wirken dem Narzissmus entgegen und erfüllen das Versprechen auf Dialog, der die Gesellschaft in sich verbindet. Sie wirken gegen Isolation, Verstummen und Vereinzelung. Der Resonanz "wohnt die Dimension des Anderen inne. Sie bedeutet Zusammenklang. Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz." Auf das Nullpunkt-Risiko weist Kunst hin, sie kann es überwinden. Dies Hin- oder Verweisen macht sie unentbehrlich. Der und die 'Andere' ist ein Synonym für Menschen, hier auch für die Museums-, Kino-, Theaterbesucher, die nicht konsumieren möchten, sondern kommunizieren. Isolation ist Gefahr. Diese 'Anderen' sind Sender, Empfänger, Resonanzkörper, Dialogpartner, Stimmen, jetzt verstummte.

Die Begriffe "Depression" und "Defizit" sind einander durch den Mangel an Positivem verwandt. Das Wort Depression beschreibt gemeinhin mentale Niedergeschlagenheit und daraus resultierende Aktionsunfähigkeit. Es definiert aber auch das monetäre und soziale Defizit der als Weltwirtschaftskrise bekannten, fast ein Jahrhundert zurückliegenden weltweiten Erschütterung. In jener Zeit zwischen den Weltkriegen verloren Menschen ihre Resonanzräume. Sie sind vereinsamt oder verhungert, ausgelaugt oder ausgewandert: Das war die "Great Depression". Sie hatte Folgen für die Künstler, für die Kunst, ihre Inhalte, ihre soziale Relevanz, ihre Wahrnehmung und Wirksamkeit.

Von einem solchen Absturz ist man, ökonomisch betrachtet, momentan glücklicherweise entfernt. Es gilt umso mehr, den zwischenmenschlichen Kontakt zu pflegen, den seelischen und den sozialen. Derzeit sind die Museen geschlossen, auch die großen, mit Klimaanlagen, Abstandsmöglichkeiten, Hygienekonzepten versehenen. Ihre Schließung kann man als Akt der Solidarität mit kleineren Museen verstehen, die diese Vorzüge nicht oder unvollständig bieten. Es wäre tatsächlich als Solidarität zu werten, wenn denn eine Wahl bestanden hätte. So aber war es eine Übereinstimmung. Dass der Resonanzraum weiter fehlt, ist unübersehbar, unüberhörbar - es herrscht gespenstische Stille, die das Internet und lichtkünstlerische oder videotechnische Projekte mildern, nicht aber tilgen können. Solche Stille ist gefährlich. Han schreibt: "Die digitale Kommunikation besteht aus Echokammern, in denen man in erster Linie sich selbst sprechen hört." Nach Schließung der kulturellen Bildungsräume braucht es zur Wiederöffnung dringlicher denn je personale Kunstvermittlung, um jene Resonanz wiederherzustellen, die den humanen Grundwerten musealer Räume und Objekte zu gesellschaftlicher Sichtbarkeit und sozialer Wirksamkeit verhilft und die Zauber und Bedeutungstiefe der Kunstwerke erschließt (sz.de/kultur-lockdown).

© SZ vom 19.12.2020
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