Süddeutsche Zeitung

Naturschutz:"Jagd ist kein Hobby, es ist eine Aufgabe"

Mitten im Wald bei Kranzberg hat Claus Heinemanns Familie ein Revier gepachtet, das zweimal so groß ist wie der Englische Garten in München. Denn für den 76-Jährigen hat es nie etwas anderes, wichtigeres als die Jagd gegeben.

Etwa zwei Meter vor dem Zaun beginnt die Zivilisation, wird der Feldweg zur gepflasterten Zufahrtsstraße. Geräuschlos öffnet sich das elektrisch gesteuerte Tor, von einem dicken Baumstamm schaut eine Kamera auf die Besucher herab. Hier, mitten im Wald, in einer ausgebauten Jagdhütte nebst zweier Tümpel und mehrerer Anbauten, wohnt Claus Heinemann. 76 Jahre alt, graues volles Haar, Brille und Schnurrbart. Hier, idyllisch gelegen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen - sofern nicht gerade gejagt wird. Denn Heinemann ist Jagdpächter.

An einem Freitag Ende Juli brennt die Sonne heiß vom Himmel; die Luft über dem gepflasterten Hof flimmert, als Heinemann die Haustür öffnet und seine Hand zur Begrüßung ausstreckt. 1939 hat sein Vater das Anwesen gekauft. 80 Jahre ist das her, zum Jubiläum gab es heuer einen Festakt mit Gottesdienst und zahlreichen Gästen, darunter viele Landwirte. "Das war damals ein Clubhaus von einem Fliegerverein", erzählt Heinemann. "Der Opa meines Vaters war auch Jäger, die hatten bei Landsberg eine ganz große Jagd und mein Vater wollte dann irgendwann auf eigenen Füßen stehen."

Lange Zeit blieb es eine einfache Hütte. Erst 1985 habe er sie zu seinem festen Wohnsitz gemacht, habe um- und angebaut, sagt Heinemann. An damals erinnert heute noch die alte Stube. "Das Wochenendhäusl war so groß wie diese Stube. Da sieht man noch das alte, bemalte Holz", sagt Heinemann. Vor einigen Jahren habe er eine Fichtenstube einbauen lassen. Mit seiner Frau Ursula lebe er hier, am Wochenende komme die Tochter zu Besuch. "Aber wir sind nicht einsam, wir haben laufend Besuch", fügt er hastig hinzu.

Für Claus Heinemann hat es nie etwas anderes, wichtigeres als die Jagd gegeben. "Ich hab schon ganz früh mit der Jagd angefangen, ich hab schon mit acht Jahren meinen ersten Rehbock geschossen, seinerzeit war das noch ein bisserl anders", erinnert er sich. "Ich hab sonst kein Hobby. Wobei ich immer sage: Jagd ist kein Hobby, es ist eine Aufgabe. Wenn man's richtig machen möchte, so ein Revier betreuen möchte, ist es eine Arbeit. Ich bin ab und zu mal noch Ski gefahren, aber sonst steht die Jagd an erster Stelle."

Kurz vor seinem 16. Geburtstag absolviert er die Jagdprüfung, 1965 ist er pachtfähig. "Da bin ich eingestiegen." Sieben Jahre später stirbt der Vater und Heinemann ist alleiniger Pächter. 756 Hektar misst das Jagdrevier, etwa die zweifache Fläche des Englischen Gartens in München. 2004 steigt seine Tochter Sabine Mehring in die Jagd ein. Auch beruflich ist Heinemann in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Der leitete eine Elektrofirma in Unterföhring, die sei 1903 besteht. "Ich war im Betrieb, hab den übernommen und mit 63 meinem Geschäftsführer übergeben." Der Betrieb laufe heute noch unter derselben Bezeichnung, gehört "in München zu den drei größten Elektrounternehmen" mit seinen rund 400 Mitarbeitern.

In seinen 54 Jahren als Pächter hat sich vieles verändert in der Jagd. Auf heute bezogen, spricht er von "kleinen Treibjagden", denn "die großen Treibjagden gibt's ja nicht mehr. Wir hatten viele große Treibjagden, aber aufgrund der weit zurückgegangenen Niederwildstrecken mit Hasen und Fasanen, machen wir nur noch kleine Jagden mit zehn oder 15 Teilnehmern". Früher seien es mehrere Dutzend gewesen. Aber: "Es nützt ja nix, wenn man 30, 40 Jäger einlädt und dann werden fünf Hasen geschossen. Da macht man sich lächerlich", sagt Heinemann. Nichtsdestotrotz, wenn ein guter Bock geschossen werde, "dann wird halt mal eine Halbe mehr getrunken als sonst oder man ruft Freunde an, die kommen von den Jagdnachbarn und freuen sich über die Trophäe".

Veränderungen ergeben sich aus dem Umfeld. "Die intensive Landwirtschaft hat schon die Jagd als solche, die Jagdmöglichkeiten verändert", sagt er. "Da muss man halt schauen, dass man schonend jagt und Wildarten, die nicht mehr so häufig vorkommen, hegt und pflegt und ab und zu Fasane wieder einsetzt als frisches Blut." Auch die Jagdgesellschaft verändere sich. "Nicht jeder, der einen Jagdschein hat, ist ein Jäger. Es gibt heute Schnellkurse, wo sie in drei Wochen einen Jagdschein machen. Zu meiner Zeit hat man eineinhalb Jahre gebraucht, hat Jagdpraxis nachweisen müssen und so weiter."

Wie er mit den Naturschützern im Landkreis auskommt? Man habe schon Berührungspunkte, teilweise negative. "Ich sag' oft: Beim Naturschutz sind Leute, die von Jagd eigentlich nichts verstehen, nicht verstehen, dass Jagd eine gewisse Flora und Fauna braucht." Er erzählt von Brachvögeln, die es früher gegeben habe. "Die haben die Raubvögel alle geholt", meint er. Raben etwa, "wo man nicht weiß, warum die überhaupt geschützt werden, oder die Schusszeiten so eng gehalten werden".

Warum der Fuchs geschützt werde, der Niederwild und Vögel jage, kann Heinemann nicht verstehen. Oder den Vorwurf, dass Jäger Wildschweine schießen. "Die einen schimpfen wegen der Schweine, sei es in den Großstädten oder in der Landwirtschaft, und die anderen sagen, die Jäger gehen wegen der Jagdlust auf die Schweine los. Das verträgt sich nicht ganz." Mit Matthias Maino vom Landschaftspflegeverband verstehe er sich aber gut.

Und wie steht er zum Wolfsabschuss? "Das ist ein zweischneidiges Schwert", sagt Heinemann. "Solange nichts passiert, sag ich: ist okay. Aber wenn er Schaden macht, der Wolf, dann gehört er geschossen. Sag ich ohne Hehl." Dass er auch zum Abschuss von Wildkatzen bereit ist, zeigt ein ausgestopfter Gepard, der die Besucher im Eingangsbereich empfängt. Den habe er mit einem Freund vor rund 20 Jahren auf einer Jagdreise in Südafrika und Namibia erlegt, sagt er.

Heinemann ist Jäger durch und durch. Auch wenn er nicht mehr so oft mit dem Gewehr unterwegs ist und sich zuletzt leidenschaftlich dem Bau von Kanzeln gewidmet hat, wie er sagt; er hoffe, dass seine Enkel sein Erbe antreten werden. Er scheint gerne hier draußen zu leben, weit weg vom städtischen Trubel. "Ich hab in München auch ein Haus, wo meine Tochter wohnt. Aber mich treibt nix rein." Von Zeit zu Zeit fahre er zu einem Jagdfreund in Unterammergau, um Gams- und Rotwild zu jagen. Oder nach Russland, wo er einen russischen Jagdfreund besuche, der ihn ab und zu einlade. "Die Stadt", sagt Heinemann, "die ist nix für mich, nicht mehr."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4559226
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.08.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.