Süddeutsche Zeitung

Corona:Schulhunde in Kurzarbeit

Die Pandemie wirbelt nicht nur den Alltag von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften durcheinander, sondern auch den von tierischen pädagogischen Helfern. Ein Besuch in der Schulhund-Klasse am Grafinger Gymnasium.

Von Johanna Feckl

Es ist schwer auszumachen, wer sich mehr freut, als Petra Köpf mit ihrem Hund Horkoló das Klassenzimmer der 5 e erreicht: Die sechs Mädchen und sechs Buben, die davor warten, oder der Labrador-Mischling. Während Köpf den Schlüssel umdreht, schlängelt sich Horkoló mit erhobener und wedelnder Rute durch 24 Kinderhände, von einem Paar zum nächsten - bevor die Deutsch-Stunde von Petra Köpf beginnt, haben alle dem neunjährigen Hund durchs Fell gestreichelt. Eigentlich logisch, denn schließlich ist Horkoló ein bisschen so etwas wie ihr Hund: Er ist Schulhund am Max-Mannheimer-Gymnasium in Grafing, und die zwölf Schülerinnen und Schüler um ihn herum gehören zur Schulhund-Klasse.

Schulhunde sind pädagogische Helfer auf vier Pfoten. Ihre Anwesenheit im Unterricht soll für die Schülerinnen und Schüler eine ruhige und geschützte Atmosphäre schaffen sowie die Bindung zur Lehrkraft, aber auch untereinander stärken - alles Voraussetzungen für gutes Lernen. Außerdem üben die Kinder so einen verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit Tieren. Nun aber ist Corona: Seit mehr als einem Jahr sind Schulfamilien gebeutelt von Digital- und Wechselunterricht, von verlängerten und ausgefallenen Ferien, von Abstands- und Hygieneregeln, Masken- und Testpflicht - kurz: gebeutelt von Unsicherheiten. Aber wie ergeht es den Schulhunden in all diesem Tohuwabohu?

Im Klassenzimmer der 5 e haben mittlerweile alle Schülerinnen und Schüler Platz genommen. Das heißt: die eine Hälfte davon. Die andere befindet sich im Homeschooling; in der ersten Woche nach den Osterferien herrscht Wechselunterricht. Es ist die dritte Stunde, Deutsch, an diesem Tag geht es um Präpositionen. Während alle Augenpaare nach vorne gerichtet sind, wo Lehrerin Petra Köpf vor einer Präsentation an der Wand mit Beispielsätzen steht, liegt Horkoló unter dem Tisch einer Schülerin - auch sein Blick scheint der Präsentation zu folgen. Ab und an taucht die Hand des Mädchens hinab und fährt dem Hund sachte durch das dunkle Fell. Zum Melden und Schreiben schnellt sie in die Höhe. Horkoló kümmert das nicht, er bleibt liegen, ganz ruhig.

Seit dem Schuljahr 2019/2020 ist Horkoló Schulhund am Grafinger Gymnasium. Zustande gekommen ist das Projekt auf Initiative des damaligen Schulleiters Paul Schötz hin. Als er den Labrador-Mischling einmal zufälligerweise erlebte, war er begeistert und fragte Petra Köpf, ob sie sich seinen Einsatz als Schulhund vorstellen könnte. So erzählt es die Lehrerin. Sie konnte es sich vorstellen - und nachdem das Schulforum der Idee zugestimmt hatte, und Horkoló ein halbes Jahr probeweise mit in den Unterricht kam, startete im Herbst 2019 die erste offizielle Schulhund-Klasse: In jeder der sechs Deutsch-Stunden pro Woche, die Köpf in dieser fünften Klasse unterrichtet, ist Horkoló mit dabei - bis auf eine Ausnahme.

"In der ersten Stunde erkläre ich erst einmal die Regeln im Umgang mit ihm", so Köpf. Zum Beispiel: Nicht sofort die Hand ausstrecken und streicheln, sondern warten, bis der Hund Kontakt aufnimmt. Oder: Ihn nicht mit dem Namen rufen, denn wenn das 25 Kinder gleichzeitig tun, kennt er sich am Ende gar nicht mehr aus. Und: Nicht alle auf einmal auf dem Hund herumtapsen. "Das ist auch ein sehr gutes Training für die Kinder, um aufeinander Rücksicht zu nehmen", so Köpf weiter, "sich selbst wieder zurücknehmen und andere vorlassen, sodass jeder mal dran ist mit Streicheln".

Schulhunde wie Horkoló in Grafing gab und gibt es noch mehr im Landkreis Ebersberg - wenn auch nicht unbedingt viele. So war an der Seerosenschule in Poing über einige Jahre hinweg Hündin Stella im Einsatz, an der Karl-Sittler-Grundschule, ebenfalls in Poing, gab es in den vergangenen Jahren Lola, mittlerweile befindet sich Labrador-Ridgeback-Mischling Louie dort in seiner Eingewöhnungsphase. Und an der Anni-Pickert-Grundschule in Poing ist mit Mio auch aktuell ein Schulhund unterwegs.

Mio - weißes Fell mit schwarzen Klecksen an Rücken und an den Partien um Ohren sowie Augen - ist in seinem Job ein alter Hase. Pardon: Hund. Seit gut sieben Jahren ist der neunjährige Border-Collie-Mischling immer dabei, wenn Besitzerin und Grundschullehrerin Anette Scheffler-Usener unterrichtet, aktuell in einer ersten Klasse. "Allein seine bloße Anwesenheit sorgt schon für ein wahnsinnig angenehmes Klima in der Klasse", sagt die 48-Jährige. Sie sitzt in ihrer Wohnung, neben ihr hat sich Mio auf den Boden gelegt - es ist ein Videotelefonat. Die Münchnerin erzählt, dass sie ihren Hund beispielsweise als Lesehund einsetzt: Die Kinder setzen sich zu ihm und lesen ihm eine Geschichte vor. "Mio urteilt nicht, wenn es mit dem Lesen vielleicht noch nicht ganz so flüssig klappt, und das beruhigt die Kinder unglaublich - sie fühlen sich sicher."

Während der Zeit des reinen Digitalunterrichts gibt es für Schulhunde wie Mio und Horkoló weniger zu tun. Also: Für die Tiere gilt Home-Office und Kurzarbeit zur gleichen Zeit. Klar tauchen die Hunde mal auf den Computer-Bildschirmen der Schülerinnen und Schüler auf. Bei den digitalen Morgengrüßen im Winter von Anette Scheffler-Usener etwa war die Kamera oft auf Mio gerichtet, die Stimme der Lehrerin kam aus dem Hintergrund. "Aber ich habe gemerkt, dass ihm seine bisherigen Aufgaben als Schulhund einfach fehlen", sagt Scheffler-Usener. "Wie ein typischer Border Collie, der auf einmal nicht mehr seine Schafe hüten darf." Ähnliches berichtet Petra Köpf. Vor allem aus dem vergangenen Winter seien ihr die erwartungsvollen Blicke von Horkoló in Erinnerung geblieben. Sie schienen gefragt zu haben: "Gehen wir? Gehen wir heute endlich wieder in die Schule?"

Es gongt. Die Deutsch-Stunde der 5 e ist zu Ende. Es ist erst die dritte Woche in diesem Jahr, in der Horkolós fragende Blicke von seinem Frauchen mit einem "Ja, heute gehts wieder in die Schule" erwidert wurden. Jetzt aber ist erst einmal Pause. Gemeinsam haben die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenhof einen kleinen Berg aus Schnee gebaut - in der Nacht zuvor hat es geschneit, ungewöhnlich spät für diese Jahreszeit. Als Köpf und ihr Schulhund hinzustoßen, tapst Horkoló auf den Hügel zu, beginnt mit seinen Vorderpfoten zu buddeln und - Schwupps! - liegt er mitten im Schnee, einmal nach links gedreht, dann wieder nach rechts und noch einmal zurück nach links. Die Kinder der 5 e ringsum sehen zu. Sie lachen. Horkoló und die Mädchen und Buben seiner Klasse, sie brauchen einander.

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Quelle:
SZ vom 19.04.2021
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