Süddeutsche Zeitung

Seilbahn von Dachau nach München:30 Millionen Euro pro Kilometer

Eine neue Untersuchung beziffert erstmals die zu erwartenden Kosten für eine Seilbahnlinie von Dachau nach München. Sie zeigt: Ohne staatliche Beteiligung hat das Projekt keine Chance.

Von Julia Putzger, Dachau

Schon seit geraumer Zeit geistert die Idee einer Seilbahn, mit der man bequem von Dachau nach München über den Stau schweben kommen könnte, durch die Köpfe der Dachauer. Was anfänglich nur eine Träumerei schien, wird nun mehr und mehr zu einer konkreten Vision. Vor einem Jahr hatte sich der Umwelt- und Verkehrsausschuss der Stadt auf Basis der Potenzialanalyse der PTV Group für den Korridor von Dachau über Karlsfeld nach Moosach als mögliche Seilbahnverbindung entschieden. Im nächsten Schritt untersuchte die PTV Group nun die verschiedenen Varianten für die Trassenführung. Die Ergebnisse sind zwar hinsichtlich des Fahrgastpotenzials erfreulich. Klar wird jedoch auch, dass die Stadt Dachau ein solches Projekt finanziell keinesfalls alleine stemmen kann.

Untersucht wurden nun drei Streckenvarianten zwischen Dachau und Moosach, die jeweils in vier Abschnitte unterteilt sind. Die Gutachter schlagen auf Basis dieser Untersuchungsergebnisse, die auch online im Ratsinformationssystem der Stadt eingesehen werden können, folgende Streckenführung vor: Von der KZ-Gedenkstätte soll die Seilbahn zum Kennedy-Platz und weiter zur Bahnhofostseite führen. Die Stadtverwaltung hielt jedoch bereits fest, dass man keinen Parallelverkehr zum Busverkehr aufbauen wolle und dieser Abschnitt deshalb nicht zwingend notwendig sei. Mit Stopp am Schulzentrum in Oberaugustenfeld fährt die Seilbahn weiter nach Karlsfeld zur Münchner Straße.

Auf dieser Strecke wäre auch ein Halt am Karlsfelder See möglich. Da dieser jedoch nur von saisonaler Bedeutung ist, stünden die Kosten in keinem Verhältnis zum Nutzen. In Karlsfeld könnte die Seilbahn dann direkt entlang der Münchner Straße führen und mit einem Halt vor den Werken der MAN und MTU auch den Ortsteil Ludwigsfeld erschließen. Von dort aus geht es mit Stopp in der Saarlouiser Straße in Moosach weiter zum Endpunkt, der Westseite des Moosacher Bahnhofs. Somit gäbe es insgesamt acht Haltestellen, eine Verlängerung ins Dachauer Gewerbegebiet wäre zudem möglich. Inklusive der Halte von je rund einer Minute würde die gesamte Fahrt ungefähr 32 Minuten dauern.

Für diese fast 13 Kilometer lange Trasse errechnet die PTV Group ein Fahrgastpotenzial von 24 000 Einwohnern. Allerdings sind auch die Kosten für ein solches Projekt nicht unerheblich: Die Gutachter schätzen, dass der Bau der Seilbahn in dieser Form - bedingt durch die bauliche Enge im städtischen Raum sowie eine entsprechend aufwendigere Ausbauform der Seilbahn - zwischen 325 und 390 Millionen Euro kosten würde. Das entspricht 25 bis 30 Millionen Euro pro Kilometer. Im Vergleich dazu kostet beispielsweise ein Kilometer U-Bahn-Strecke im Bau schätzungsweise 50 bis 60 Millionen Euro. Jedenfalls könnte die Stadt Dachau eine solche Summe nicht allein aufbringen, weshalb nun die Gemeinde Karlsfeld, die Stadt München und der Freistaat zu konkreteren Beratungen herangezogen werden sollen.

Verkehrsreferent Volker C. Koch (SPD) könnte sich vorstellen, dass die gemeinsame Umsetzung "finanziell möglich" wäre, wie er in der Ausschusssitzung vorsichtig formulierte. Trotz der momentan angespannten Lage, in der noch nicht genau abzuschätzen sei, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf den städtischen Haushalt habe, dürfe man sich diese Chance nicht entgehen lassen: "Das werden wir nicht in drei Jahren haben, aber wenn wir jetzt nicht anfangen, dann schaffen wir es nie", so Koch. Peter Gampenrieder (ÜB) plädierte dafür, den Freistaat nicht nur zu Beratungen hinzuzuziehen, sondern federführend einzubinden, da zwar "jeder die Seilbahn haben will, aber realistisch gesehen keiner das Geld hat." Die Finanzierung sei nur über die Staatsregierung möglich.

Der Gemeinde Karlsfeld käme das ebenfalls sehr gelegen: Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) hält eine Seilbahn zwar für durchaus "spannend", denn dass man über Alternativen und Lösungsmöglichkeiten für das Verkehrsproblem der Gemeinde nachdenken müsse, sei nichts Neues. Doch solche Lösungen müssten auch finanzierbar sein - angesichts der klammen Haushaltslage dürften weitere Millionenbeträge vorerst jedoch eher schwierig aufzubringen sein.

Die Stadt München ist unterdessen mit eigenen Planungen für eine urbane Seilbahn beschäftigt, die über den Frankfurter Ring führen soll. Denkt man jedoch an das interkommunale Verkehrskonzept München Nord, das die Landkreise Dachau, Freising und München sowie die Landeshauptstadt München in den vergangenen Jahren gemeinsam erarbeitet haben und in dem sie die Bereitschaft zu interkommunalen Zusammenarbeit beim Thema Verkehr festhalten, wäre die gemeinsame Verwirklichung der Seilbahn von Dachau nach Moosach trotzdem nicht abwegig.

Doch nicht nur die Frage nach der Finanzierbarkeit stellte sich angesichts der neuen Untersuchungen zur Trassenführung. Peter Strauch (CSU) hob als sehr störend hervor, dass die Seilbahn stets auch über Privatgrund führen werde und es deshalb, sollte es tatsächlich zur Umsetzung kommen, Konflikte mit Anwohnern geben werde. Weitere Probleme, die im Gutachten angeführt werden, sind unter anderem die Kreuzung von Hochspannungsleitungen sowie das Überfahren der Autobahn A99 und des Rangierbahnhofs München Nord.

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SZ vom 04.06.2020/syn
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