Süddeutsche Zeitung

Bowe Bergdahl und "Homeland":Helden wie er

Die Geschichte des befreiten US-Soldaten Bowe Bergdahl kommt vielen Amerikanern seltsam bekannt vor - ist das nicht alles genauso wie damals in "Homeland"? Wie Bilder Geschichte machen.

Von Willi Winkler

Bilder, das ist ihre vornehmste Aufgabe, Bilder lügen. In bester verwackelter Reality-TV-Ästhetik zeigt die Kamera bewaffnete Männer in einer felsigen Landschaft. Sie bewachen einen fast kahl geschorenen Mann, der blinzelt und sich die Augen reibt. Er sitzt hinten in einem Auto, reibt sich wieder die Augen, das linke Lid hängt etwas. Ein Mann mit Kopftuch redet auf ihn ein, und vielleicht sagt er das, was als Schrift in nicht ganz korrektem Englisch eingeblendet wird, "Don' come back to afghanistan" (Komm nicht wieder nach Afghanistan).

Die Kamera fischt einen Hubschrauber vom Himmel, der sich auf Umwegen nähert und in gemessenem Abstand landet. Die Bewacher geleiten den Mann, der nicht gut zu Fuß zu sein scheint, zu den Männern, die aus dem Hubschrauber gesprungen sind. Die bedanken sich mit Handschlag bei den Wächtern, winken ihnen zum Abschied noch mal zu und heben den erkennbar geschwächten Mann, der eine Art Dschellaba trägt, in den Hubschrauber, der mit ihnen abhebt. Noch mal erscheint die Einblendung "Don' come back to afghanistan".

So gut wie jeder der schätzungsweise 250 Millionen erwachsenen Amerikaner kennt dieses Video, das die Taliban vor ein paar Tagen veröffentlicht haben. Es zeigt die Übergabe des Soldaten Bowe Bergdahl, der nach fünfjähriger Gefangenschaft freigelassen wurde. Vielen gilt er als Held, ein Amerikaner, der seinen patriotischen Beitrag im Krieg gegen den Terror geleistet hat und in einem mutigen Einsatz aus einem menschenfeindlichen Land befreit wurde.

Held oder Deserteur

Noch befindet sich der brave Soldat Bergdahl auf dem Stützpunkt Landstuhl, um wieder ganz gesund zu werden, aber längst wird darüber spekuliert, ob er überhaupt ein Held, ob er nicht im Gegenteil ein Deserteur ist, der bei Nacht und Nebel zu ebenjenen Taliban überlief, die er doch bekämpfen sollte.

Auch ohne die seit dem 11. September 2001 verbreitete Furcht vor den kriegerischen Taliban kann das Video aus den Bergen im Osten Afghanistans erschreckend und erschreckend vertraut wirken. Die knapp drei Millionen amerikanischen Fernsehzuschauer, die dafür bezahlen, um Serien wie Homeland anschauen zu können, werden sich die Augen gerieben haben, als sie Bergdahl sahen. Wurde der Gefangene gefoltert, war er unter Drogen gesetzt worden? Für wen wurde die Szene überhaupt gedreht? Ist Bergdahl, und das ist die eigentliche Frage, ist er überhaupt noch einer von uns, ein Amerikaner?

In Homeland wird Nicholas Brody, ein seit Langem im Irak vermisster Soldat, aus dem feindlichen Gebiet herausgeholt und zurück in die Heimat gebracht. Als Kriegsheld ist er bestens für die Kriegspropaganda der Politiker geeignet. Niemand ahnt zunächst, dass er in der Gefangenschaft umgedreht wurde. Brody ist im Irak Muslim geworden und hat miterleben müssen, wie eine amerikanische Drohne einen Buben tötete, der ihm anvertraut war. Der tapfere Soldat Brody hat einen neuen Kampfauftrag: Er ist fest entschlossen, diesen so sorglos in Kauf genommenen Tod seines Schützlings zu rächen.

Irritierendes Taliban-Video

Das ist der schlimmste Albtraum, den sich ein Land nur ausmalen kann, dass ein Mitbürger vom Feind umgedreht worden sein könnte und als lebende Bombe zurückkehrt. Es ist ein Albtraum, der im Kino seit der Invasion der Körperfresser (1956) über Botschafter der Angst (1962) bis zur Alien-Serie (1979-1992) in immer neuen Bildern durchgespielt wurde. Zu den größten Fans von Homeland gehört Barack Obama, den die amerikanische Rechte ohnehin für einen verkappten Muslim hält.

Es ist nur ein Film, eine Fernsehserie, eine höhere Spinnerei, aber sie präformiert die Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Irritierend an dem Taliban-Video ist vor allem der freundliche Umgang zwischen den Amerikanern und den schwer bewaffneten afghanischen Kämpfern. Ältere Zuschauer erinnern die Bilder vielleicht an eine andere höfliche Geste, die sich 1975 ereignete, als der Terrorist Carlos die Opec-Konferenz in Wien überfallen hatte. Der österreichische Innenminister Otto Rösch war eigens zum Flughafen geeilt, um den Mann, der für drei Morde verantwortlich war und im Begriff stand, mit 33 Geiseln das Land als freier Mann zu verlassen, mit einem Handschlag zu verabschieden. Die österreichische Regierung hat nie einen Versuch unternommen, den Überfall aufzuklären.

Der Verdacht, es könnte noch etwas ganz anderes hinter der Heldensaga stecken, bestätigte sich schnell. Bergdahl war nicht aus reiner Nächstenliebe freigelassen oder gar freigekämpft worden, sondern wurde gegen fünf führende Taliban-Kämpfer ausgetauscht. Das hat der medienkundige Homeland-Fan im Weißen Haus genehmigt.

Das klassische Heldenbild funktioniert nicht mehr so einfach. Dass ein Soldat in der Gefangenschaft gefoltert wurde, rührt das Land, das zu verteidigen er nach Afghanistan oder in den Irak gezogen ist, immer weniger, seit die Folter nicht bloß in populären Serien wie 24, sondern auch in Guantanamo zu einem Mittel der Politik geworden ist.

Noch vor einem Jahrzehnt war das anders. Im März 2003, zu Anfang des amerikanischen Feldzugs gegen Saddam Hussein, wurde die Soldatin Jessica Lynch bei einem Zusammenstoß ihres Fahrzeugs mit einem anderen schwer verletzt und von irakischen Soldaten gefangen genommen. Zehn Tage später brachte das Fernsehen einen bemerkenswert gut ausgeleuchteten Bericht, der zeigte, wie die Soldatin befreit und in die Sicherheit einer amerikanischen Kaserne gebracht wurde. Heldenhaft und erst nach heftigem Widerstand sei sie den Feinden in die Hände gefallen.

Details bringen Glaubwürdigkeit

Davon war so gut wie nichts wahr, Jessica Lynch wurde wegen ihrer Verletzung von den Kriegsgegnern angemessen versorgt, und es war einer der behandelnden irakischen Ärzte, der Lynchs Kameraden auf den Verbleib der Gefangenen hinwies und sogar noch die Karten lieferte, damit sie zu ihr fanden und ihre Rettungsaktion ins beste Licht setzen konnten. Dass sie von den Feinden auch noch vergewaltigt worden wäre, wie es in ihrer autorisierten Biografie zu lesen stand, war zwar erfunden, aber es sind diese prickelnden De-tails, die einer solchen wehrkraftertüchti-genden Legende erst die nötige Prise Glaubwürdigkeit zusetzen.

Bilder machen Geschichte, schon deshalb sind sie reine Inszenierung. Der Gefangene, der auf dem Bildschirm erschien, verdammte die amerikanische Politik, er be-zeichnete sich selber als Soldat eines ver-brecherischen Regimes. Als ihn seine Wärter nach fünf Jahren und grausamen Folterungen endlich freiließen, musste der Soldat aufwändig entgiftet werden, es war ja nicht ausgeschlossen, dass ihn die Vietnamesen zum Guerillero gehirngewaschen hatten.

Bei der Wahl 2008 hatte der ehemalige Kriegsgefangene und amtlich geprüfte Kriegsheld John McCain gute Aussichten, als Präsident ins Weiße Haus einzuziehen. Eine furchterregende Vorstellung, dass an die Spitze des eigenen Landes ein Mann gewählt worden wäre, der als Geheimagent für Vietnam wirkte, das den USA Jahrzehnte lang erbitterten Widerstand geleistet hatte und sie mit diesem Coup sogar erobert hätte.

Wie der Homeland-Zuschauer bei Nicholas Brody weiß auch John McCain nicht, was er von Bergdahl halten soll. Als Doppelagent seiner eigenen Geschichte hat er sich erst dafür ausgesprochen, Bergdahl auszutauschen, dann, als die Kritik immer lauter wurde, dagegen. Bilder lügen zwar, aber Politiker sagen die lautere Wahrheit.

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Quelle:
SZ vom 07.06.2014/nema
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