Süddeutsche Zeitung

Am Set des ZDF-Dreiteilers "Tannbach":Schaut auf dieses Dorf

Das ZDF erzählt die Geschichte eines geteilten Ortes. Wo einst die deutsch-deutsche Grenze verlief, lässt der Dreiteiler "Tannbach" die Dramen einer ganzen Epoche spielen. Gedreht wird das Riesenprojekt bei Prag. Ein Setbesuch.

Von Katharina Riehl

Der kleine Ort Mödlareuth zwischen Bayern und Thüringen hat heute ein Museum, ein deutsch-deutsches, Schulklassen fahren dorthin. Der Ort, der einst in Ost und West, in BRD und DDR geteilt war, und den sie Little Berlin nannten, lebt von seiner Geschichte, der Geschichte einer Teilung. Und tut sich doch, das kann man nachlesen, schwer mit all den alten Dingen, die seit der Maueröffnung immer wieder ähnlich erzählt werden müssen. In Mödlareuth wissen sie, dass Geschichtstourismus und Seelenruhe zusammen nicht zu haben sind.

Es ist ein eiskalter Frühlingstag in Tschechien, eine Autostunde von Prag, in einem böhmischen Dorf, das dem deutsch-deutschen Mödlareuth sehr ähnlich sehen soll. Die Produzentin Gabriela Sperl (Die Spiegel-Affäre) produziert hier für das ZDF einen Dreiteiler, die Geschichte eines geteilten Dorfes zwischen April 1945 und Juni 1952.

Der Film erzählt nicht die wahren Geschichten von dem Dorf ohne Seelenruhe, durch das der Tannbach fließt. Sperl und die Autoren Josephin und Robert von Thayenthal haben um die Idee des geteilten Ortes herum neue Figuren erdacht. Gabriela Sperl sagt: "Es ist eine archetypische Geschichte, die überall entlang der deutsch-deutschen Grenze hätte stattfinden können."

Ein Film der jungen deutschen Fernsehstars

Vor dem Wirtshaus, in dem heute gedreht wird, steht in Decken und Mäntel gewickelt das Ensemble herum - und weil man beim ZDF neben aller historischer Aufklärung natürlich eine ordentliche Quote will, ist dabei, wer so etwas vielleicht nicht garantieren, aber doch wahrscheinlich machen kann.

Heiner Lauterbach spielt Georg von Striesow, einen Gutsbesitzer, Natalia Wörner seine im ersten Teil von den Nazis ermordete Ehefrau. Nadja Uhl spielt Liesbeth, die Schneiderin aus Berlin, die mit ihrem Sohn von den Wirren der letzten Kriegstage in dieses gottverlassene Dorf getrieben wurde. Martina Gedeck ist Hilde Vöckler, die Mutter des SS-Mannes, der die Ermordung Caroline von Striesows anordnete.

Vor allem aber ist es ein Film der jungen deutschen Fernsehstars, im Mittelpunkt der Geschichte stehen Henriette Confurius und Jonas Nay (Homevideo). Die Tochter des Gutsbesitzers und der Sohn der Schneiderin verlieben sich. Der Film erzählt auch davon, was stärker ist - die Liebe oder die Grenze.

Der Wumms vor einem Jahr

Man kann an einem Tag wie diesem in Prag gut erkennen, wie sehr das deutsche Fernsehen mit sich selbst kämpft. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind quotenverwöhnt, mit inzwischen fast mehr Krimireihen als deutschen Städten haben sie die Millionengarantie, doch dass sie die Quote hin und wieder mit Anspruch verbinden müssen, wissen sie auch.

Und dann ist da neben der Frage nach historisch-politischer Bildung des Publikums noch das Bewusstsein, dass anderswo, in den USA oder in Skandinavien, das Erzählen längst ganz anders gedacht wird. Dass ernste, politische Stoffe dort quasi nahtlos Teil der Unterhaltungskultur geworden sind.

Das ZDF hatte vor einem Jahr einen dieser seltenen Fernseherfolge, bei denen nicht nur die Quote stimmte, sondern Menschen und Feuilletonisten noch Wochen danach über das sprachen, was sie gesehen hatten. Nico Hofmann, mit dem Sperl einst gemeinsam produzierte, erzählte von fünf jungen Leuten, die Anfang des Zweiten Weltkriegs an ein baldiges, glückliches Ende glauben und bald eines Besseren belehrt werden. Unsere Mütter, unsere Väter war in Polen und den USA umstritten, aber gut gemacht und sorgte für einen Wumms, der selten ist im Einheitsgeballere des deutschen Ermittler-TVs.

Natürlich hoffen die Macher, dass Tannbach eine ähnliche Wirkung auf Zuschauer und Talkshowredakteure haben könnte wie UMUV: Spiegel-Mann Cordt Schnibben hat den Mütter-Väter-Film gerade als Grund dafür genannt, dass er sich mit seinem eigenen Nazi-Vaters auseinandersetzte.

Ausgestrahlt werden soll Tannbach kurz nach Weihnachten, und für diesen Sendeplatz, den traditionellen Jahresauftakt im ZDF, ist das so oder so ein besonderes Projekt. Nach dem Hotelkitsch Adlon und dem Mittelalterkitsch Die Pilgerin ist das Projekt ungewöhnlich ernsthaft. Sollte es quotenmäßig schiefgehen, wird man die Folge davon im übernächsten Jahr ganz bestimmt bewundern können.

Es ist ein Riesenprojekt, das Gabriela Sperl und die Firma Wiedemann und Berg, unter deren Dach sie produziert, da angehen. 80 Drehtage, 40 Drehorte, auf dem Gutshof des Georg von Striesow werden innerhalb weniger Wochen ganze Gebäude hochgezogen. An diesem Tag wird im Inneren des Wirtshauses gedreht, es ist eine Szene aus dem ersten Teil, die Amerikaner beginnen mit der Entnazifizierung, Tannbach Ende April 1945.

Georg von Striesow, der Gutsherr, ist ins Wirtshaus gekommen. Hilde Vöckler ist da, Liesbeth, der Bauer Schober mit seiner Familie. Sie alle sitzen da, ordentlich aufgereiht vor einer weißen Leinwand. Was sie zu sehen bekommen ist ein Schwarz-Weiß-Film, nur ein paar Minuten lang.

Gleichgültigkeit und Schock, nur ein paar Stühle auseinander

1200 Deutsche kommen darin zu Fuß ins gerade erst befreite Konzentrationslager Buchenwald. Sie lächeln, bis sie verstehen, was sie dort erwartet. Im Hof zeigt man ihnen einen Lampenschirm aus Menschenhaut, später Leichen, gerade noch benutzte Hochöfen. An den Gesichtern auf der Leinwand und an denen vor der Leinwand lässt sich das Grauen inzwischen ablesen.

Den Film im Film hat Stefan Aust, der ehemalige Spiegel-Chef, aus dem historischen Material zusammengeschnitten, die Produzentin Gabriela Sperl hat ihn darum gebeten. Die Szene im Wirtshaus des kleinen Ortes Tannbach, in der die Amerikaner den Deutschen ihre jüngste Geschichte auf Zelluloidrollen präsentieren, in der alle denkbaren Emotionen von Gleichgültigkeit bis Schock nur ein paar Holzstühle auseinanderliegen, ist eine der Kernszenen eines Fernsehgroßprojekts, das den Deutschen ihre Geschichte erzählen soll.

In Prag wird deshalb gerne (nicht nur deutsches) Fernsehen gedreht, weil man hier für deutlich weniger Geld gute Maskenbildner und Kulissenbauer bekommt. Für Tannbach aber ist Prag und Umgebung aber noch aus einem anderen Grund der ideale Ort: Unter etwa 100 Dörfern hat man am Ende eines gefunden, das sich leicht in jede Zeit hineinerzählen lässt, in der die drei Filme spielen.

"Es hat nie eine Stunde Null gegeben"

Soll heißen: Im Dorf Besno musste zwar eine Brücke aus Pappe über den kleinen Bach gebaut und das ein oder andere Haus "nachpatiniert" werden. Ansonsten sieht es dort noch ziemlich ähnlich aus wie in Deutschland nach dem Krieg. Keine Straßenschilder, die umgeflext werden mussten. Nur ein paar Häuser, deren rosa Außenwände hinter Pappwänden versteckt wurden. Wochenlang ist Besno jetzt ein Filmset mit begehbarer Pappbrücke. Die Bewohner, sagen die Filmemacher, tragen es mit Fassung.

Gabriela Sperl, die Tannbach-Produzentin, hat mit Maria Furtwängler als fliehender ostpreußischer Gräfin in Die Flucht eines der ganz großen historischen Quotenevents der vergangenen Jahre geschaffen. Als der Dreh zu Tannbach begann, hat Sperl den Schauspielern zunächst einmal das Make-up aus dem Gesicht kratzen lassen, Bauern von 1945 sollen nicht aussehen, als kämen sie gerade vom Einkaufsbummel aus dem KaDeWe.

Dass Tannbach komplexer wird als Die Flucht, mit mehr Figuren und Handlungssträngen, könnte dabei weniger mit der Suche nach neuen Erzählweisen fürs Fernsehen zu tun haben als mit dem unbedingten Willen von Gabriela Sperl, ein umfassendes und exaktes Gemälde dieser Zeit zu präsentieren. Die Geschichten, sagt sie "enden normalerweise 1945. Wir erzählen: dass es nie eine Stunde Null gegeben hat". Vieles sei in "neuen Kleidern" einfach weitergegangen.

Möglicherweise Stoff für eine ganze Serie

Ob sich das alles - Kriegsende, Entnazifizierung, Gefangenschaft, Bodenreform, Enteignung, Kommunismus, Teilung - in drei Filmen unterbringen lässt, sodass die Figuren am Ende mehr sein können als nur Träger einer historischen Botschaft, das wird Tannbach beweisen müssen.

Funktioniert hat so ein Prinzip im deutschen Fernsehen schon einmal. In der Serie Löwengrube wurde die deutsche Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Fünfzigerjahre am Beispiel der Münchner Familie Grandauer erzählt. Auch Gabriela Sperl hofft, dass die Geschichte des zerrissenen Ortes nach den drei Teilen in einer Art Serie weitererzählt werden kann.

Mödlareuth, das lange wiedervereinte Dorf, braucht die erinnerte Teilung fürs Geschäft. Und Gabriela Sperl wird für ihr Geschäft die Quote brauchen.

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Quelle:
SZ vom 30.04.2014
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