Süddeutsche Zeitung

Zur Zukunft Europas:Die Einheit wird furchtbar sein

Europa wächst zusammen. Doch eine Kultur des Putsches, der rasenden Ohnmacht und der individuellen Revolte kündigt sich an. Weil es nicht mehr um politische, sondern um existenzielle Differenzen geht - wie man an Griechenland und Irland sieht.

Thomas Steinfeld

Auf dem Grund der Europäischen Union liegt ein Widerspruch: Ein jeder ihrer Staaten, auch Deutschland, ist zu klein, um sich in einer globalen Konkurrenz durchsetzen zu können. Er braucht die Gemeinschaft mit anderen Staaten, ihren Märkten und ihren Produzenten. Die anderen aber handeln genauso, und müssen so handeln, denn sie verfolgen dasselbe Ziel. Und wenn ein jeder einen Teil seiner staatlichen Souveränität preisgibt, vor allem in wirtschaftlichen Dingen, damit die Gemeinschaft existieren kann, so tut es ein jeder doch um seiner selbst willen - sodass ein Verein entsteht, in dem jedes Mitglied nicht nur der beste Gefährte, sondern auch der heftigste Gegenspieler des ersten sein muss.

Die ausgreifende Umständlichkeit der Europäischen Union, ihr maßlos bürokratischer Charakter, ist ebenso eine Konsequenz dieses grundlegenden Widerspruchs wie der Euro - der eine Einheit der Währung erzwingen sollte, wo es eine politische (und wirtschaftliche) nicht geben konnte.

Zwei Gefährten, die keine mehr sind

Über mehr als fünf Jahrzehnte schien dieser Widerspruch erträglich zu sein. Über fünf Jahrzehnte spielten die Europäische Union (oder ihre Vorläufer) die "Flucht in Ketten", die Geschichte, in der ein weißer und ein schwarzer Häftling unlösbar aneinander gefesselt durch den amerikanischen Süden stolpern. Dieses gigantische Unternehmen ist offenbar nicht nur an sein historisches, sondern auch an sein systematisches Ende gelangt: Die ersten beiden Gefährten, nämlich Griechenland und Irland, haben aufgehört, solche zu sein.

Sie sind auch keine Konkurrenten mehr, sondern so schwach, dass sie nicht mehr allein stehen können. Zwei andere, Portugal und Spanien, kommen kaum noch voran und sinken vielleicht ebenfalls dahin. Und Deutschland, das bislang und immer noch in erheblichem Maße für die Gefallenen bürgt, fragt sich, zu welchem Zweck es diese Lasten tragen soll - denn die Bundesrepublik hat ja von einer solchen Gemeinschaft keinen großen Nutzen mehr.

Dieser Widerspruch, den jeder kannte, den aber keiner aussprach, ist nun offenbar. Es mag sein, dass die Gemeinschaft jetzt, wie der Journalist Gideon Rachman von der Financial Times meint, an ihrem Ende angekommen ist: "Die einheitliche Währung wird vermutlich nicht bestehen können - und der Henker wird Deutschland sein, das mächtigste Land und die stärkste Wirtschaft in Europa."

Sehnsuchtsort war gestern

Der Schaden indessen, der einträte, sollte eines der größten politischen, ökonomischen Projekte überhaupt rückgängig gemacht werden, ein Unternehmen, das ein halbes Jahrhundert und einen ganzen Kontinent für sich beanspruchen konnte, wäre fast unvorstellbar groß - die Kosten, die durch die Abwicklung der Sowjetunion entstanden, dürften dagegen überschaubar ausgefallen sein. Es ist also wahrscheinlich, dass die Europäische Union erhalten bleibt. Es wird allerdings nicht mehr die Gemeinschaft sein, die man seit fünfzig Jahren kennt.

Denn die alte Gemeinschaft war immer ein Projekt gewesen, das Projekt eines größeren, innigeren Zusammenseins, das von Etappe zu Etappe voranschritt, von Zusammenschluss zu Zusammenschluss und doch nie den Charakter einer Utopie, eines Sehnsuchtsortes verlor. Umgekehrt: Die Sehnsucht, das permanente Delegieren an die Zukunft, war der Beweggrund, der das gesamte Unternehmen über das Kalkül des relativen Nutzens hinaus zusammenhielt. So setzte sich, was im Jahr 1950 mit der Montanunion und sechs Mitgliedstaaten begonnen hatte, über die Römischen Verträge und den Vertrag von Maastricht fort - bis hin zur Aufnahme Rumäniens und Bulgariens im Jahr 2007.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, vor welchen Entwicklungen Europa nun steht.

Das Projekt aller Projekte (und der einfache Ausdruck des grundlegenden Widerspruchs) aber war der Euro: die gemeinsame Währung ohne gemeinsame Wirtschaft. Wenn der Euro nun erhalten bleiben soll, allen Zusammenbrüchen zum Trotz, dann nur um den Preis einer Auflösung jenes Widerspruchs. Es mag also gut sein, dass Europa jetzt, viel schneller als ersehnt oder auch nur erträumt, seiner wirtschaftlichen Einheit entgegengeht. Diese Einheit aber wird als Sehnsuchtsort nicht mehr erkennbar sein.

Beispiele für solche Einigungen gibt es in der Geschichte einige. Keine verlief schnell, und keine verlief ohne ein erhebliches Maß an Gewalt: die Einigung der griechischen Stämme zum hellenistischen Staatenbund, die Einigung des halben Mittelmeerraums zu einem einheitlichen Staatengebilde unter römischer Herrschaft, die Entstehung des fränkischen Reiches unter Karl dem Großen, die Entstehung des Deutschen Reiches unter preußischer Führung mitsamt Hochsprache und national einheitlichem Zahlungsmittel.

Politik des Händchenhaltens

Es mag sein, dass Europa jetzt, da die Union vom Status eines Projekts in eine von lauter "Sachzwängen" beherrschte Wirklichkeit übergehen muss, vor einer ähnlichen Entwicklung steht - und wenn sich Nicolas Sarkozy und Angela Merkel nicht mehr darauf einigen können, was sie jeweils gesagt haben, dann ist das eine sanfte Ankündigung für das, was an Auseinandersetzungen noch kommen wird.

Eben weil das geeinte Europa eine Sehnsuchtsformel war, entwickelte die Gemeinschaft ein enges Verhältnis zur Kultur. Sie machte sich, über die symbolische Politik des Händchenhaltens unter Staatschefs, über Städtepartnerschaften und Geschichtsmuseen hinaus, auch in der kulturellen Produktion im engeren Sinne bemerkbar, in der Formulierung von Perspektiven.

Von Jacques Tatis Ferien des Monsieur Hulot bis zum Projekt Mitteleuropa, von Claudio Magris' Kulturgeschichte der Donau bis zu Helle Helles Rødby Puttgarden (2005), dem Roman einer Fährverbindung, schuf die Kultur Veranschaulichungen europäischer Geschichte, europäischer Lebensläufe und europäischer Orte, oft in Parallelbewegungen zu politischen und wirtschaftlichen Ereignissen, mindestens ebenso häufig aber diesen vorausgreifend.

Wann hat dieser Impuls aufgehört zu wirken, vor ein paar Monaten, vor ein paar Jahren? Und warum? Weil das neue Europa zu groß geraten war, unüberschaubar, weil das Römische Reich oder die deutschsprachige Ökumene im neunzehnten Jahrhundert als geschichtliche Vorbilder zu klein geworden waren? Vielleicht. Wichtiger aber ist, dass die Auflösung des Widerspruchs, der in der Einheitlichkeit eines Wirtschaftsraums bei fortbestehenden nationalen Souveränitäten besteht, sich nicht mehr in mehr oder minder sehnsuchtsvollen Bildern darstellen lässt.

Vielmehr scheint, wenn Griechenland und Irland unter Vormundschaft gestellt werden, wenn ganze Länder innerhalb der Europäischen Union verarmen, weil sie die gerade empfangenen Kredite nie mehr werden zurückzahlen können, ein wirtschaftlicher Automatismus, ein Sachzwang, zum Subjekt der Geschichte zu werden - ein Automatismus, der selbst nicht mehr ästhetisch darstellbar ist, der aber eine Kultur der rasenden Ohnmacht, des Putsches und der individuellen Revolte hervorbringen muss.

Sofi Oksanens Roman Fegefeuer (2008), die theoretische Wiederkehr des leninistischen Aufstands in den Schriften Slavoj Zizeks und die französische Programmschrift Der kommende Aufstand sind schon Ausdruck eines solchen Bewusstseins der Revolte, für die eine Unterscheidung nach Lagern, nach "links" und "rechts" sinnlos ist, weil es nicht mehr um politische, sondern um existentielle Differenzen geht, also um "drinnen" und "draußen". Dass diese Revolte nicht allein ästhetisch bleiben wird, zeigen schon die Unruhen in Griechenland und in Großbritannien.

Das Projekt aller Projekte

Je schärfer die wirtschaftlichen Lebensbedingungen der schwachen Volkswirtschaften innerhalb der Europäischen Union werden und je deutlicher wird, dass sich als souveränes politisches Subjekt in der Gemeinschaft nur wird behaupten können, wer über die Geldschöpfung verfügt (und das sind nur wenige Staaten, und das ist vor allem Deutschland), desto mehr scheint sich alle Kritik in ein Toben vor verschlossenen Türen zu verwandeln. Gewiss, die europäische Einheit konnte lange Zeit als Projekt zunehmender Zivilisierung gelten, und gewiss, seit fünfundsechzig Jahren gibt es in Europa, Jugoslawien ausgenommen, keinen Krieg mehr.

Zumindest mit dem Projekt der zunehmenden Zivilisierung scheint es aber schon vorbei zu sein: Wenn Griechen, die bis vor kurzem die Touristen in ihrem Land vor allem als freundlich und nett empfanden, aus ihrem Hass gegen die Leute, die ihnen Kühlschränke und Autos verkauften, keinen Hehl machen, wenn umgekehrt Deutsche in den Griechen vor allem Menschen erkennen, die das von Deutschen erarbeitete Geld verprassen, wenn Iren vor allem als "Zocker" wahrgenommen werden, und die Iren die Übernahme ihres Landes durch die Deutschen fürchten (oder ersehnen) - dann ist nicht nur das gesamte europäische Projekt auf seinen harten Kern, nämlich auf das Geld, zurückgeführt. Sondern dann erweist sich auch das ganze Gerede von einer europäischen Kultur als ideologischer Überbau, durchaus im marxistischen Sinn.

Überhaupt, war es nicht der Marxismus, der behauptete, die Wirtschaft sei die eigentliche Macht, sozial wie politisch? Jetzt denken viele Leute dasselbe, sogar Menschen, die noch vor kurzer Zeit für allerhand humanistische Ideale zu haben waren. Von Marxismus aber keine Spur, und die wenigen Menschen, denen man vielleicht ein Urteil über die derzeit so verworrene Gesamtlage zutraute, wie Jürgen Habermas zum Beispiel, bereichern mit einem Tadel über "unsere schlappen politischen Eliten" die psychologischen und völkerpsychologischen Deutungen der Krise, wie sie die Bild-Zeitung auch beherrscht. Das kann aber nicht so bleiben: Wir werden, wie es früher die Philosophie zu tun versprach, unsere Zeit wieder in Gedanken fassen müssen.

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Quelle:
SZ vom 24.11.2010/lena
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