Süddeutsche Zeitung

Skizze des Holocaust:Brief belegt Judenhass des jungen Hitler

Bereits 1919 schwadronierte Adolf Hitler von der systematischen "Entfernung der Juden". Das Simon-Wiesenthal-Zentrum veröffentlichte nun den ersten schriftlichen Beleg für den furchtbaren Antisemitismus Hitlers - Hass, der im Holocaust mündete.

Es ist ein Dokument des Grauens: In einem Brief aus dem Jahr 1919 forderte Adolf Hitler bereits sechs Jahre vor der Veröffentlichung seines Buches Mein Kampf eine "Entfernung der Juden". Die Hetzschrift hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum nun gekauft.

Die vier maschinengeschriebenen und von Hitler handschriftlich unterzeichneten Seiten seien "das bedeutendste historische Dokument, das das Simon-Wiesenthal-Zentrum je erworben" habe, sagte der Leiter der US-amerikanischen Holocaust-Forschungsstelle, Rabbiner Marvin Hier. Bei dem Schreiben handele es sich vermutlich um das erste schriftliche Zeugnis der antisemitischen Gesinnung Hitlers.

Für das Dokument zahlte das Zentrum nach Angaben Hiers 150.000 US-Dollar (103.000 Euro) an einen privaten Händler für historische Gegenstände. Ein US-Soldat soll das Schriftstück 1945 aus einem Nazi-Archiv bei Nürnberg mitgenommen haben.

In dem auf einer deutschen Militärschreibmaschine verfassten Schreiben vom 16. September 1919 antwortet Hitler auf die Frage des gleichfalls nationalistisch eingestellten Soldaten Adolf Gemlich nach seiner Haltung gegenüber dem Judentum. Dabei wird der damals 30-jährige Hitler bereits sehr deutlich: Gelegentliche Pogrome seien nicht genug; letztes Ziel müsse "unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein".

"Magna Charta einer ganzen Nation"

Rabbiner Hier kommentierte das Dokument so: "Was als Privatbrief, als Meinung eines Mannes begann, wurde 22 Jahre später die Magna Charta einer ganzen Nation und führte zu der fast vollständigen Auslöschung des jüdischen Volkes." Darin liege "eine wichtige Lektion für kommende Generationen", so Hier. "Demagogen meinen, was sie sagen, und wenn sie können, führen sie aus, was sie versprechen."

Als Hitler den Brief verfasste, war er der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, zeigte allerdings erstes Interesse an der Politik. Als Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg diente er in einer Propaganda-Einheit der deutschen Armee, die kommunistische Einflüsse bekämpfen sollte. Sein vorgesetzter Offizier, Hauptmann Karl Mayr, hatte ihm befohlen, auf die Anfrage Gemlichs zu antworten. Der Soldat hatte wissen wollen, welche Haltung die Armee bezüglich der "jüdischen Frage" habe.

Hitlers Antwort geriet zur antisemitischen Schmähschrift, in der er die Juden als "reine Materialisten" bezeichnet. Für die Nation seien sie wie die Tuberkulose. Der Brief enthält auch bereits den Gedanken, im Umgang mit den Juden nicht emotional vorzugehen, sondern durch planmäßiges Regierungshandeln: "Der Antisemitismus aus rein gefühlsmässigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden in der Form von Progromen. Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muss führen zur planmässigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte der Juden die er zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt", schreibt Hitler.

Die Schrift soll dauerhaft im "Museum der Toleranz" in Los Angeles im Eingangsbereich der Holocaust-Abteilung gezeigt werden, die am 11. Juli eröffnet. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum selbst besitzt nach eigenen Angaben eine der größten historischen Sammlungen zur nationalsozialistischen Judenvernichtung. Zu den Beständen gehören 50.000 Dokumente, Fotografien, Tagebücher und Kunstwerke.

Der "Gemlich-Brief" soll der Organisation bereits 1988 angeboten worden sein, die damals aber noch vom Ankauf zurückschreckte. Denn die Abfassung der Zeilen mit einer Schreibmaschine ließen die Herkunft des Briefes dubios erscheinen. Eine Schreibmaschine war 1919 ein wertvoller Gegenstand, den Hitler damals unmöglich besessen haben konnte. Die Zweifel hätten sich aber verflüchtigt, so Hier, als bekannt wurde, dass Hitler damals für die Armee arbeitete und Zugang zu deren Schreibmaschinen hatte. Das Staatsarchiv in München besitzt eine nicht unterschriebene Kopie des Schreibens.

Es war Mord

Unterdessen kaufte das Landesarchiv Baden-Württemberg einen weiteren Beleg für den Jahrhunderte währenden Antisemitismus in Deutschland an. Es handelt sich dabei um ein Schlüsseldokument aus dem Prozess gegen den jüdischen Finanzrat Joseph Süß Oppenheimer aus dem Jahr 1737. Der Fall ging als einer der großen Justizmorde in die Geschichte ein. Später wurde der Stoff unter dem Titel Jud Süß literarisch verarbeitet und von den Nationalsozialisten für einen Propagandafilm missbraucht.

Das Stuttgarter Archiv bezog die Verteidigungsschrift Oppenheimers, die offenbar aus dem Nachlass eines an dem Prozess beteiligten Richters stammte, über ein Berliner Auktionshaus.

Historiker werten sie als Beleg dafür, dass sich die Richter keineswegs juristisch mit den diversen Vorwürfen gegen den Berater des württembergischen Herzogs Karl Alexander auseinandersetzten, ehe sie ihn wegen "an Herren und Leuten verübter verdammlicher Misshandlung" zum Tod am Galgen verurteilten.

Damals waren Tausende Stuttgarter Bürger auf den Pragsattel geströmt, um dem grausamen Spektakel beizuwohnen. Seine in einem Käfig baumelnde Leiche wurde noch sechs Jahr lang zur Schau gestellt, um eine ehrbare Bestattung zu verhindern.

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