Süddeutsche Zeitung

"Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" im Kino:Das bisschen Demenz

Erschütternd schlecht: Eine heiter verträumte Komödie hat keine Ahnung von der Krankheit, von der sie erzählt.

Von Johanna Adorján

In Deutschland sind circa 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Das ist, verkürzt, eine fortschreitende Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten, hervorgerufen durch Ablagerungen im Gehirn, deren Ursache man nicht kennt. Zunächst ist meistens das Kurzzeitgedächtnis betroffen, die Erkrankten wiederholen eben bereits Gesagtes, vergessen Schlüssel, wissen nicht mehr, wo ihr Fahrrad steht; später werden auch Worte vergessen, Menschen, Teile der Biografie. Und nicht nur Erinnerungen gehen verloren - alles, was einen Menschen ausgemacht hat, verschwindet nach und nach, blitzt höchstens noch auf. Der Prozess geht über Jahre und ist oft verbunden mit vehementen Aggressionen oder Depression. Herausfordernd in der Begleitung ist auch, dass der Sinn für Hygiene verloren geht und die Kontrolle über Körperfunktionen.

Ohne privat organisierte Pflege aus dem - meist osteuropäischen - Ausland wären viele Angehörige von Demenzkranken aufgeschmissen. Mehr oder weniger erfahrene Frauen und Männer mit oft nur rudimentären Deutschkenntnissen und eigenem Leben zu Hause, das sie aus Geldnot verlassen, kommen, von Agenturen organisiert, die dafür viel Geld nehmen, für mehrere Monate zu den Betroffenen, schlafen oft in verlassenen Kinderzimmern, sind rund um die Uhr im Einsatz und leisten für wenig Geld einen Knochenjob. Das ist die Realität, zu der es jetzt einen neuen deutschen Kinofilm gibt, vom Regiepaar Nadine Heinze und Marc Dietschreit: "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen", eine Art heiter verträumte Demenz-Komödie mit namhaften Schauspielern.

Die Probleme beginnen damit, dass Emilia Schüle die Hauptrolle spielt, eine junge Ukrainerin namens Marija, die ihren Sohn bei ihrer Mutter lassen und nach Deutschland gehen muss, um sich als Pflegekraft etwas, wenig Geld zu verdienen. Schüle ist so hübsch, jung und zierlich, dass man ihr geraten hätte, vielleicht lieber nach Paris oder Mailand zu gehen, um dort ihr Glück als Model zu versuchen. Aber dies ist natürlich ein Film, und im Film soll man wohl vergessen, dass Pflegekräfte idealerweise einen Demenzkranken schon halten können sollten, etwa beim Duschen. Gut, aber halten wir nochmals fest: Dies ist ein Film.

Die Probleme gehen damit weiter, wie Günther Maria Halmer den Demenzkranken spielt. Demenz wird in drei Phasen unterschieden, in der Anfangsphase braucht es noch keine Pflege. Kleine Fehlerchen werden gemacht, aber vieles kann noch überspielt werden. Der Kranke im Film scheint in der mittleren Phase zu sein. Einiges geht noch, anderes macht offenbar solche Schwierigkeiten, dass die Tochter eine 24-Stunden-Pflegekraft engagiert. Curt, so heißt der Demenzkranke im Film, liegt viel im Bett, hat Probleme mit dem Stuhlgang, verläuft sich, kann nicht mehr alleine leben. Aber was auch immer Günther Maria Halmer da spielt - ein Demenzkranker ist es nicht.

Wenn das Demenz ist, ist Demenz Kinderfasching

Sein Auftreten ist viel zu sicher, die Art, wie er geht, zu souverän. Da liegt keine Frage, kein leichter Zweifel in seinem Blick, der seine Unsicherheit verraten würde. Steuert er gerade auf die richtige Tür zu? Hat er den korrekten Namen genannt? Ist gerade wirklich Winter? Julianne Moore hatte in "Still Alice" nach jedem Satz, den sie sagte, diese leichte Sorge im Blick. Ob es auch passte, ob es nicht wieder ein Fehler war. Dieter Hallervorden vermochte in Til Schweigers wirklich sehr rührendem Erfolgsfilm "Honig im Kopf" das Grauen zu zeigen, das eine Welt, die man nicht mehr versteht, in jemandem auslösen kann. Diese Einsamkeit und Verlorenheit.

Günther Maria Halmer dagegen schreitet zügig durch sein Haus. Dieser Mann hat Dinge vor. Wenn er rausgehen will, setzt er sich einen eleganten Hut auf. Natürlich, er vertut sich mit Kleinigkeiten, macht Fehler. Aber in seinen Augen ist Schalk. Wenn das Demenz ist, ist Demenz Kinderfasching.

In weiteren Rollen sind, teilweise so überdreht spielend, als hätten sie sich aus einem Splatter-Genrefilm hier hinein verirrt, Anna Stieblich und Fabian Hinrichs zu sehen. Sie sind Curts Kinder, duzen die Pflegekraft sogleich, der Sohn will sie abwechselnd heiraten oder brüllt sie an, und das geschieht im Film genau so überraschend wie in dieser Zusammenfassung. Man versteht es einfach nicht.

Das größte Problem des Films aber ist sein unverbrüchliches Bestehen auf den Gesetzen der Logik, auch innerhalb des Denkens eines Demenzkranken. Dabei hat Demenz nichts mit Logik zu tun. Es folgt nicht länger B aus A, sondern die Melodie dieser Krankheit besteht aus überraschenden Sprüngen, Dissonanzen und wahnsinnig vielen Wiederholungen. Doch Curt glaubt, in Marija seine gestorbene Frau Marianne zu erkennen und inszeniert, ganz der alte Macher, eine erneute Verlobung mit ihr. Als ob Demenzkranke etwas Vergangenes nachspielen wollten - oder: könnten. Als ob ihr Gehirn ihnen erlauben würde, von einem Mini-Denkfehler ausgehend dramaturgisch stringente Geschichten zu erfinden. Ja, was wäre das schön.

In diesem Film steckt kein Fünkchen Wahrheit, so sehr man auch sucht

Und so lässt das erschütternd blöde Drehbuch, das von den Regisseuren stammt, den Demenzkranken so psychologische Einsichten verkünden wie: "Es tut mir leid, Marianne, dass ich mich nie für deine Sachen interessiert habe." Oder: "Ich hätte mehr für dich da sein müssen." Jetzt, wo er seine verstorbene Frau wieder da glaubt, will er nämlich alles wiedergutmachen, was er früher versäumt hat, will in seiner Vergangenheit aufräumen. Wie niedlich.

Um nochmals auf "Honig im Kopf" zu verweisen: Es ist absolut möglich, Demenz in einer Komödie für die ganze Familie vorkommen zu lassen, ohne die Krankheit zu beschönigen, Betroffene zu verhöhnen oder die traurigen Begleiterscheinungen weichzuspülen. In "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" jedoch wird Demenz einfach als witzige Drehbuchidee benutzt.

Der Titel des Films bezieht sich auf den wahren Umstand, dass Eichhörnchen nicht alle Nüsse wiederfinden, die sie fürs Überwintern vergraben. Darüber sinniert Curt einmal, als er vom Bett aus auf der Terrasse ein Eichhörnchen sieht. Die Natur habe es vielleicht doch ganz gut eingerichtet, dass die Tiere auf diese Weise verhungern, sagt er traurig. Doch Marija weiß ihn zu trösten: So entstünden im Jahr darauf Bäume, erklärt sie ihm.

Da sehnt sich ein Kranker nach dem Tode, und der Trost soll sein, dass der Tod zur Natur gehört, dass etwas vergeht und, daraus sich ergebend, etwas Neues entsteht. Was aber entstünde aus Curts Tod? Auf den Film übertragen bedeutet diese Parabel: nichts. Aber sie klingt bedeutungsvoll. Als gäbe es einen tieferen Sinn, als wolle dieser Film irgendetwas sagen. So etwas lieben ja deutsche Filmredakteure, so eine Art tiefere Wahrheit, die sich hier nur leider nicht findet. In diesem Film steckt kein Fünkchen Wahrheit. Dieser Film ist ein saudummes Märchen.

Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen, D 2021 - Regie und Buch: Nadine Heinze, Marc Dietschreit. Kamera: Holly Fink. Mit Günther Maria Halmer, Emilia Schüle, Anna Stieblich, Fabian Hinrichs. Verleih: Filmwelt, 109 Minuten.

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