Süddeutsche Zeitung

Ausstellung zum Krieg in der Ukraine:Hier werden wir Zeugen

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Zhanna Kadyrovas Ausstellung "Out of Home" im Münchner NS-Dokumentationszentrum ist ein Symbol des Überlebenswillens in der Ukraine.

Von Evelyn Vogel

Als die Geschosse der russischen Armee einschlugen, hatten sich die Menschen zwar schon in Sicherheit gebracht. Doch was die Wucht der Einschläge und die Brände nicht zerstörten, besorgten die Soldaten: Sie plünderten, verwüsteten, brandschatzten. Sinnlose Zerstörung, ein sinnloser, ungerechter Krieg gegen eine Zivilbevölkerung, die über Nacht ihre Heimat verlassen musste, und gegen soziale und kulturelle Einrichtungen, weil der Aggressor die ukrainische Identität zerstören will.

Seit Beginn der russischen Invasion ist nach Angaben der UN ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung auf der Flucht, allein mehr als fünf Millionen Menschen innerhalb des Landes. Auch die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova musste im Februar 2022 ihr Zuhause verlassen, als die russische Armee die ukrainische Hauptstadt Kiew angriff. Sie floh in den Westen des Landes, wo sie eine Sinnkrise durchlebte, bevor sie wieder zur Kunst zurückfand. Inzwischen lebt sie wieder in Kiew, ihre Werke wurden schon mehrfach ausgestellt.

Das vermeintliche Brot ist aus Stein geformt

Die Erfahrungen, die sie auf der Flucht in verschiedenen Landesteilen gemacht hat, bilden die Grundlage der Ausstellung "Out of Home", die nun im Rahmen des Kunstevents "Various Others" im NS-Dokumentationszentrum in München gezeigt wird.

Für die Installation "Palianytsia" sammelte sie in einem Flussbett große Steine, aus denen sie täuschend echt aussehende Brotlaibe formte. Aufgeschnitten wie frisches Brot liegen sie auf einem Tisch und locken die Ausstellungsbesucher an, die gern zugreifen würden. Palianytsia heißt auch das traditionelle ukrainische Brot, das Besuchern als Gastgeschenk überreicht wird. Kadyrova schenkt es den Besatzern, damit sie sich die Zähne daran ausbeißen. Eine stille Anklage, dass Putin das Getreideabkommen mit der Ukraine als Kornkammer der Welt gekündigt hat.

"Russian Rocket" ist nicht nur ein Kunst-, sondern auch ein Hilfsprojekt gemeinsam mit der Hilfsorganisation "Kyiv Angels". So künstlich der Aufkleber auch wirkt, wenn sich die Rakete im Film dem VW-Werk in Wolfsburg nähert, wird deutlich, dass die Bedrohung nicht an der ukrainischen Grenze haltmacht.

Das Hauptwerk der Ausstellung aber ist die Fotoserie "Refugees". Kadyrova hat ein medizinisches Zentrum in der Region Charkiw, eine Schule bei Kiew und eine Bibliothek in Cherson besucht, als die Orte noch in den Sperrzonen lagen. Sie hat sie hastig mit einer geliehenen Kleinformatkamera fotografiert und später digital zu großformatigen Bildern zusammengesetzt. Vielleicht strahlen die Aufnahmen auch deshalb mehr aus als nur dokumentarischen Charakter, wirken besonders intensiv durch ihre räumliche Struktur und Tiefe.

Kadyrova fand Orte der Verwüstung: zersplitterte Fenster, herabhängende Decken, aufgerissene Schubladen und Fächer, umgekipptes Mobiliar, zerstreute Papiere. Am schlimmsten hat es die Schule in Kiew getroffen. Ein Brand hat das Klassenzimmer fast vollständig vernichtet, die Hitze des Feuers hat den Verputz von Decken und Wänden gesprengt. Inmitten des rußig-schwarzen Raumes: zwei fast vollständig verbrannte Monstera deliciosa. Das "köstliche Fensterblatt", auch in deutschen Büros ist es eine seit Jahrzehnten gern gehaltene Zimmerpflanze, weil es so pflegeleicht und robust ist. In diesem ausgebrannten Klassenzimmer einer ukrainischen Schule macht die Pflanze ihrem Ruf auf beinahe erschreckende Art und Weise Ehre.

Kadyrova hat diese wie andere Pflanzen aus den Einrichtungen gerettet und aufgepäppelt. Bei einer Monstera, die komplett verbrannt wirkt, schiebt sich inzwischen ein neuer, kraftvoller Trieb aus der Erde. Im NS-Dokumentationszentrum steht sie neben dem Foto und wirkt nicht nur wie ein stummer Zeuge, sondern vor allem wie ein Symbol des Überlebenswillens des ukrainischen Volkes.

Zhanna Kadyrova: Out of Home, NS-Dokumentationszentrum München , bis 8. Oktober

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