Süddeutsche Zeitung

Kinofilm "The Artist":Stumme Leinwand-Revolution

Schwarz-Weiß, dazu noch ohne Worte: Wenn im Jahr 2012 ein Stummfilm bei den "Golden Globes" Preise abräumt, muss irgendetwas ganz besonders an diesem Film sein. Mit "The Artist" hat der französische Regisseur Michel Hazanavicius das Kino neu erfunden - und musste lange dafür kämpfen.

Jetzt ist offiziell, was man Michel Hazanavicius lange einfach nicht glauben wollte: Ja, man kann im Jahre 2011 einen schwarz-weißen Stummfilm herausbringen und damit auch noch abräumen, dass die Wände wackeln. Nun also auch die Golden Globes 2012, wo Michel Hazanavicius' Herzenswerk The Artist an diesem Wochenende gleich drei Preise errang: Beste Komödie, bester Komödien-Darsteller, beste Filmmusik.

Schon im Vorjahr in Cannes hatte der Film fünfzehnminütige Standing Ovations und Hauptdarsteller Jean Dujardin den Preis für die beste männliche Hauptrolle bekommen, der Erfolg in Los Angeles war also erwartbar. Und doch bleibt er verblüffend - am meisten wohl für diejenigen, die jetzt verdient für The Artist gefeiert werden.

Berlin, einige Wochen vor der Golden Globes-Verleihung: Die Franzosen Michel Hazanavicius und Jean Dujardin sitzen am Tag nach der Berliner Premiere im Kempinski am Kurfürstendamm. Sie sind erschöpft von sehr vielen Interviews, aber noch immer euphorisch. Im Dezember wurden die Nominierungen für die Golden Globes bekanntgegeben, ihr Film war nicht weniger als sechsmal dabei, Hazanavicius war noch für "Beste Regie" und "Bestes Drehbuch" im Rennen. Es ist erst sein vierter Film.

Lange hat der Regisseur um sein Projekt gekämpft. Die Idee liegt sieben, acht Jahre zurück. Da hatte Hazanavicius nach diversen Fernsehfilmen erst einen einzigen Kinofilm gedreht, die Komödie Mes Amis, mit sehr bescheidenem kommerziellen Erfolg. Einen Blankoscheck für verrückte Projekte verdient man sich so nicht. "Wenn ich von meiner Idee erzählte, fragten mich die Leute: Aber warum einen Stummfilm?", sagt Hazanavicius. "Dabei dachte ich immer nur: Wie mache ich das?"

Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und King Vidor als Vorbild

Mit seinem graugesprenkelten Bart, den zerzausten Haaren und der sanften Stimme würde der 44-jährige auch als Philosophiedozent durchgehen. Doch seine Leidenschaft sind Filme. Schon als Kind habe er die alten Hollywood-Filme gemocht; er wohnte neben einem Kino, das viele Klassiker-Festivals veranstaltete. Erst später habe er angefangen, sich auch für noch ältere Stummfilme zu interessieren, vielleicht vor fünfzehn Jahren. Nicht nur Fritz Lang bewundert er, auch Friedrich Wilhelm Murnau, King Vidor, Frank Borzage - viele seiner Vorbilder sind längst zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

Für ihn waren die Stummfilme eine Offenbarung. "Worte sind sehr praktisch. Aber ohne Worte wird eine Geschichte ganz anders erzählt, es gibt mehr Platz für Interpretation, für Geheimnis, für Suggestion; das ist etwas ganz Anderes", sagt Hazanavicius. Sicher, man müsse die Zuschauer bei der Hand nehmen.

"Ich wollte, dass sie aus Neugier in den Film gehen, aber dann sollte die Geschichte die Dinge übernehmen." Das kann nur eine gute Geschichte, eine einfache, echte, vielleicht etwas naive, ohne Künstelei und Komplikationen. Und sie sollte rechtfertigen, warum es denn partout ein Stummfilm sein muss, glaubt Hazanavicius, sonst hätte das niemand eingesehen.

Angst vor dem Spielen ohne Text

Darum erzählt sein Film das Schicksal eines Stummfilm-Stars, der vom Tonkino überholt wird, während seine einstige Protegé und heimliche Liebe darin einen kometenhaften Aufstieg erlebt. "Vielleicht ist es das, was die Leute so berührt", sagt Hazanavicius. "Die Welt verändert sich so schnell, man schaut kurz nicht hin und bumm, ist es zu spät, und man ist aus der Mode."

Dass Hazanavicius seinen Film drehen konnte, verdankt er vor allem seinem zweiten und dritten Kinofilm, bei denen er ebenfalls mit Jean Dujardin zusammenarbeitete: Die Geheimagenten-Parodie "OSS 117" und ein Nachfolger waren in Frankreich sehr erfolgreich, danach traute man ihm mehr zu. Und schließlich ließ sich der Produzent Thomas Langmann überzeugen, bei dem waghalsigen Projekt mitzumachen und es zum Teil selbst zu finanzieren - ein großes Risiko. Dann blieb nur noch ein Hindernis. Der Hauptdarsteller musste überzeugt werden. Jean Dujardin, 39, ist in Frankreich bekannter als sein Regisseur.

Um die Jahrtausendwende war er vier Jahre lang in einer Fernseh-Soap zu sehen und heiratete schließlich seine Serienpartnerin Alexandra Lamy, das dürfte wenigen französischen Illustrierten-Lesern entgangen sein. Im Kino wurde der gelernte Schlosser mit Komödien bekannt, mit Ausflügen ins Autorenkino hat er bislang weniger Erfolg gehabt.

Als Hazanavicius ihm die Hauptrolle in "The Artist" antrug, hatte Dujardin erst einmal Selbstzweifel: "Ich habe mich gefragt, ob die Leute mich darin sehen wollen", sagt er. Vielleicht war es Angst vor dem Spielen ohne Text. Feige, findet er heute. Aber schließlich sei ihm klar geworden, wie idiotisch es sei, das Projekt abzulehnen. Hazanavicius werde schon wissen, was er tut, schließlich hat er ihm die Rolle des George Valentin auf dem Leib geschrieben; ebenso wie die weibliche Hauptrolle von vornherein für Hazanavicius' Frau Bérénice Bejo gedacht war.

"Wenn der Film nicht funktioniert, kommen wir alle ins Irrenhaus"

Und dann begannen die Dreharbeiten. Ein Vorteil von Stummfilmen ist, dass man am Set viel Lärm machen kann. "Es lief Musik, und wir haben geredet; Englisch, Französisch, irgendwas; ich habe mich sehr wohlgefühlt", sagt Dujardin. Aber dass der Film diesen Zauber entwickelt, das habe niemand verstanden.

"Das ist wie Chemie, man mischt etwas zusammen, und plötzlich wird etwas daraus - das hat uns alle überrascht", sagt er. Schon ist die Rede von den Oscars, aber darüber will er sich keine Gedanken machen. Völlig verrückt sei es, was da passiert, man dürfe sich nicht daran gewöhnen. Und jetzt? Eigentlich würde er gerne einmal ein Musical drehen. "Ah, Michel könnte das. Aber ich werde mich hüten, ihm davon zu erzählen; er muss die Idee selber haben."

"Wenn der Film nicht funktioniert, kommen wir alle ins Irrenhaus", hat der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein gesagt, der noch vor der Premiere in Cannes eine Millionensumme für die Verleihrechte an dem Film für die USA, Großbritannien und China ausgab.

The Artist hat funktioniert, und wie. Es ist eine Liebeserklärung an das Kino geworden, tieftraurig und federleicht, rasend komisch und bitterernst. "Das Kino ist die gemeinsame Sprache von mir und den Zuschauern", sagt Hazanavicius. Es ist nicht ganz klar, was er damit meint. Aber was soll's, er hat es ja jetzt geschafft.

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Quelle:
SZ vom 17.01.2012/rela
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