Süddeutsche Zeitung

Favoriten der Woche:Die Ausstellung des Jahres

In mehreren europäischen Städten erzählt eine Ausstellung vom Krieg in der Ukraine. Diese und weitere Empfehlungen der Woche aus dem SZ-Feuilleton.

Von Thomas Kirchner, Peter Laudenbach, Michael Stallknecht, Kai Strittmatter und Susan Vahabzadeh

Ausstellung: Die Kiew-Biennale

Die Macher der Kiew-Biennale müssen geizen mit Heizen. Es verschlinge, sagt Kurator Georg Schöllhammer, ein Drittel des bescheidenen Budgets. Bleibt der Mantel halt an in den hohen Ausstellungsräumen, man ist ohnehin gleich gefangen von der Energie, die von dieser Kunstschau ausgeht. Sie findet, fünf Jahre nach ihrer Entstehung, nicht mehr in Kiew statt. Sondern in Iwano-Frankiwsk und Uschhorod, in Warschau, Antwerpen, Berlin. Überwiegend aber in Wien, verteilt über die Stadt, vor allem im seit Jahren leer stehenden Augarten-Atelier, das der naziverbandelte Georg Lippert dem ähnlich gesinnten Bildhauer Gustinus Ambrosi in den Fünfzigerjahren erbaute.

Die Biennale ist auch eine Solidaritätsaktion für ukrainische Künstler, die es teilweise in die Welt verschlagen hat und hier nun, hochprofessionell inszeniert, in Dialog treten können mit europäischen Kollegen. Räume voller Kraft und Poesie sind entstanden, Variationen über Krieg und Leiden: Alyna Kleytmans bewegende Hängeskulptur aus verschmurgelten Leichensäcken, an der Wand ein blutroter Fleck der Griechin Georgia Sagri, wie eine klaffende Wunde, gegenüber der Schriftzug der dänischen Gruppe Superflex: "There is an elephant in the room". Wer das wohl ist? Ein Gebäude weiter eine Installation von Nikolay Karabinovych: Neben Birkenstämmen hallen "Attack"-Rufe aus Lautsprechern, ein Kommandeur jagt seine Leute aus dem Schützengraben. Derweil sägt Franz Kapfer in einem Laden-Atelier in der Leopoldstadt in aller Ruhe maßstabsgetreue Tötungswerkzeuge in seiner "Waffenschmiede" und öffnet die Augen für aggressive Männlichkeit. In einem besetzten Gebäude hängen Anton Shebetkos Porträts von Soldaten eines queeren ukrainischen Bataillons. Im Kunstverein am Rennweg eine Arbeit von Hito Steyerl, Clemens von Wedemeyer führt virtuell in ein sowjetisches Büstendepot. Noch mehr ins Taumeln gerät man durch die Video-Oper des Schweizers Yves Netzhammer, in Farben und Formen an russische Konstruktivisten erinnernd.

In den deutschen Kunstkalendern taucht diese Biennale kaum auf. Ist sie trotzdem, wie die New York Times jubelt, "die anregendste Ausstellung des Jahres"? Mindestens. Am Wochenende bieten die Kuratoren Führungen an, noch bis 17. Dezember. Thomas Kirchner

Theater: "Silence" an der Berliner Schaubühne

Dass das Private politisch ist, muss man dem Theaterregisseur Falk Richter nicht zweimal sagen. Nachdem er in den vergangenen Jahren in "In My Room" das schwierige Verhältnis zu seinem Vater untersucht und in dem wütenden Manifest-Stück "Small Town Boy" ein (auch: sein) schwules Coming-Outs gefeiert hat, stellt er sich jetzt an der Berliner Schaubühne mit "The Silence" dem nicht ganz unkomplizierten Verhältnis zu seiner Mutter. Weil Richters Regie und Dimitrij Schaad als Bühnen-Alter Ego des Autors diesem ungeschützt persönlichen Monolog eine leicht komödiantische Distanz und Selbstironie schenken, badet der Abend erfreulicherweise nicht in Betroffenheit: Die Fremdheit zwischen Eltern und Kindern kann schrecklich sein, aber sie hat natürlich auch ihre Komik. Indem sich Richter den Verletzungen des jungen Falk stellt, scheint er sich gleichzeitig mit seinen Eltern zu versöhnen. Peter Laudenbach

Klassik: Anna Lucia Richter "Licht"

Ohne Licht kein Leben, das wissen die ältesten Mythen. Ohne Licht auch keine Lieder, das lernen wir nun von Anna Lucia Richter. Ihr neues Album folgt der Metapher von Hell und Dunkel im deutschen Kunstlied, beginnend bei Walter von der Vogelweide im Mittelalter bis zu Wolfgang Rihm in der Gegenwart. (Challenge Classics / SWR 2) Fast ein Jahrtausend Musikgeschichte ist das, in der die unterschiedlichsten Tasteninstrumente die menschliche Stimme begleiteten: die Drehleier, das Cembalo, das Hammerklavier, der moderne Flügel - der Pianist Ammiel Bushakevitz spielt sie alle. Und ebenso abwechslungsreich ist, was Richter mit ihrer Stimme macht, wie sie mit Vokalen und Konsonanten spielt, mit Klangfarben. Ihr intensiv schillernder Mezzosopran lotet Extreme aus, Langsames und Schnelles, Melancholie und Ironie, Dunkel und Licht. Michael Stallknecht

Sachbuch: "Das Zeit und Raum Buch"

Das "Zeit und Raum Buch" des Umweltwissenschaftlers und Autoren Rainer Winters ist ein unwahrscheinliches Projekt. Es ist die Vermessung der Welt in einem Buch, 10 000 Fakten, aufgeteilt in zwei Bände, und darin nicht ein Bild, nicht eine Grafik. Dafür insgesamt knapp 500 Seiten voller Daten, die man bitte um Himmels willen nicht pflichtbewusst von Seite eins an chronologisch durcharbeitet, sondern nach Lust und Laune einfach mittendrin aufschlagen darf, nein: soll.

Heraus purzeln Attometer und Yoctometer und Lichtjahre, vor allem aber ein großes Vergnügen und ein Staunen. Es werden ganze Wolken ebenso vermessen wie der Krümmungsradius eines Regentropfens in ihrer Mitte - da hat einer für uns das Universum geordnet. Und berichtet nun, dass der Eiffelturm im Sommer um bis zu 30 Zentimeter höher ist als im Winter, während der Gipfel des Nanga Parbat von Jahr zu Jahr nur um die Größe einer Blattlaus (sieben Millimeter) dem Himmel näher kommt.

2021 schon war der Band über die Zeit erschienen, nun endlich folgt der über den Raum. Es beginnt mit der vermuteten Größe des Weltalls beim Urknall (100 Quadrilliardstel Millimeter) und endet beim Durchmesser des beobachtbaren Universums (93 Milliarden Lichtjahre). Und irgendwo auf den 262 Seiten dazwischen erfahren wir, dass Napoleon Bonaparte gerade so groß war, dass er vom Scheitel bis zur Fußsohle zwar noch die maximale Länge des vorderen Horns eines Breitmaulnashorns (1,58 Meter) übertraf, dafür aber, der Länge nach ausgestreckt, wohl bequem in die Spurweite der indischen Breitspur-Eisenbahn (1,676 Meter) gepasst hätte. Alles aufgezählt mit der gebotenen hochwissenschaftlichen Knappheit und Trockenheit, und dabei in der Lektüre assoziativ, spielerisch und oft absurd.

Besonders dringend sei der Band all jenen ans Herz gelegt, die die Welt bislang ausschließlich in Fussballfeldern und Vielfachen des Saarlandes messen. Das "Zeit und Raum Buch" selbst misst in der Breite übrigens genau so viel wie die Distanz, die Speisebrei im Rinderdarm in der Stunde zurücklegt (17 Zentimeter). Obwohl kaum vorstellbar, gibt es wohl tatsächlich auch Zahlen und Maße, die in dem Buch nicht auftauchen. "Wenn Sie sie finden", schreibt der Autor, "dürfen sie sie behalten". (Verlegt hat der Autor sein Buch selbst; erhältlich ist es unter anderem bei Manufactum und im Kaufhaus Beck.) Kai Strittmatter

"S1m0ne" von Andrew Niccol

Wer sich wundert, warum die Filmstudios sich monatelang nicht mit der Schauspieler-Gewerkschaft über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz einigen konnte, der sollte sich unbedingt "S1m0ne" von 2002 anschauen, der jetzt über den Streamingdienst Prime abrufbar ist. Im Film von Andrew Niccol ("Gattaca") geht es um den Produzenten und Regisseur Victor Taransky (Al Pacino) vor. Als der sich seine eigene Hauptdarstellerin am Computer schafft, tut er das nicht aus Gier, sondern vor allem deswegen, weil er sich von der makellosen Blondine aus dem Computer erhofft, sie werde immer schön tun, was er von ihr verlangt. Die Sache wächst Taransky bald über den Kopf. "Aber ich habe sie doch geschaffen", jammert er seine Ex-Frau (Catherine Keener) an, und die sagt: "Nein, Victor - sie hat dich geschaffen." Susan Vahabzadeh

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