Süddeutsche Zeitung

Vier Favoriten der Woche:Traumtagebuch

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Chöre aus englischen Kathedralen, Farbfetischismus auf Fotos, Detektiv-Hörspiele und eine Indie-Platte mit ein wenig Disco: Empfehlungen der SZ-Redaktion.

Von Jakob Biazza, Stefan Fischer, Helmut Mauró und Peter Richter

Professor van Dusen: Genialischer Ermittler

Nicht alle Engländer haben einen Hang zum Understatement, darunter der derzeitige Premierminister und der Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Der ist im Vergleich zum amerikanischen Kollegen Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen jedoch in jeglicher Hinsicht ein Amateur - auch, was das Ausmaß des Selbstlobs anbelangt. Und wo Holmes immer noch Nachforschungen anstellen muss, genügt dem noch genialischeren Hobbyermittler der bloße Augenschein eines Tatorts, um 77 komplizierte Kriminalfälle, die zwischen 1899 und 1912 handeln, mit nicht nachvollziehbarer Logik zu lösen. Michael Kosers Hörspielserie, von 1978 an produziert vom Rias, ist auf angenehme Weise schrullig, großmäulig und hanebüchen. Das Deutschlandradio macht in seiner Audiothek monatlich eine weitere Folge zugänglich. Stefan Fischer

Chorgesang: Ein großes Vermächtnis

Wahrscheinlich wird es diesen Typus hoch qualifizierter englischer Kathedralchöre in Bälde nicht mehr geben. Tatsächliche oder vermeintliche politische Korrektheit trifft die Tradition reiner Knabenchöre in ihrer Existenz, gewachsene Mobilität und veränderte Sozialfaktoren mindern den Vorteil von Schulinternaten, die höher qualifizierte Bildung bieten. Der King's College Choir in Cambridge gehört seit jeher, neben dem Westminster Cathedral Choir, zu den herausragendsten Chören, nicht nur in Großbritannien. Er zeichnet sich nicht nur durch den perfekten Klang aus, sondern auch durch die Pflege eines Repertoires, das kaum noch live zu hören ist, nicht einmal im Rahmen der christlichen Liturgie, wo die meiste Vokalmusik der Blütezeit zwischen 1450 und 1650 ihren Ursprung hat und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gepflegt wurde. Deshalb ist die CD-Edition, die schlicht "The Choir of King's College Cambridge" (Decca) heißt, ein großes Vermächtnis. Es umfasst Aufnahmen unter der Leitung von Stephen Cleobury mit Musik der Renaissance bis heute, darunter wahre Schätze. Nicht nur von Gombert, Lasso, Palestrina, Victoria oder Gabrieli, sondern auch Vivaldi, Händel, Mozart, Mendelssohn, Brahms oder Verdi. Und zwar nicht etwa dessen Requiem, sondern die selten aber meist umso lauter herausgebrüllten "Quattro pezzi sacri". Wie man die aber, ohne an geeigneter Stelle auf ein kräftiges Forte zu verzichten, mit fein ziselierter Klangstruktur und gleichsam nach innen gerichteter Gestaltungskraft hochdifferenziert entwickeln kann, das zeigt dieser Chor exemplarisch. Es ist zudem eine Musik, die wesentliche Klangparameter offenlegt, die diese Besetzung von anderen Chören unnachahmlich unterscheidet. Obwohl hier im Gegensatz zur Renaissance-Musik ein großer gemischter Chor durchaus angemessen ist, entdeckt man in dieser Klangfassung Feinheiten und musikalische Visionen, die in anderer Besetzung oft hinter großflächig gestaltetem Sänger-Ehrgeiz verborgen bleiben. Gleiches gilt für die Messen Mozarts. Man hat sich hier an moderne Chöre gewöhnt, aber die Originalbesetzung bietet noch einmal Einblicke in die Klangvorstellungen Mozarts, die in der vornehmlich instrumental orientierten Alte-Musik-Bewegung kaum zu finden sind. Hier werden sie Ereignis. Helmut Mauró

Elizaveta Porodina: Selbstbewusste Hommagen

Hatje Cantz hat ein Buch mit den Bildern der Münchener Fotografin Elizaveta Porodina gemacht, das heißt "Unmasked", und wer darin blättert, geht dabei auf einen unwahrscheinlichen, aber faszinierenden Trip von Modefotos wie aus der "Vogue" in das Traumtagebuch einer Farbfetischistin, die nachts aus schimmernden Benzinpfützen trinkt, dann wieder durch ein Museum mit Schwarz-Weiß-Schätzen aus den Zwanzigern und schließlich zu idealen Plattencovern für Bands, die ungefähr klingen müssten wie die mittleren The Cure in weiblich. Abgesehen vom Atmosphärischen ist vor allem bemerkenswert, wie selbstbewusst hier Hommagen an die Foto-Avantgarde eben nicht nach Hommage an Altmeister aussehen, sondern als wären sie frisch von dem Instagram-Kanal, den sich Rodtschenko heute mit Moholy Nagy und Man Ray teilen würde. Peter Richter

Destroyer: Wunderbar verstrahlt

Es bleibt ein wenig schade, dass Destroyer nicht, wie man es bei dem Namen ja wohl vermuten würde, Heavy Metal spielen. Man könnte sich doch so herrlich eine Doppel-Tournee vorstellen: Destroyer und Kreator. Aufbauen, zerstören, weiterfahren, repeat. Wäre toll! Aber nun, ach, die Kanadier um Frontmann Daniel Bejar spielen ja keinen Metal. Sie spielen ganz wunderbar verstrahlt schwelgende, sehr ambitionierte und in Summe durchaus kryptische Indie-Hymnen. Nebelschwaden-Gitarren und -Keys, trocken hustende Bässe, offensiv verpatsche Drums. Auf "Labyrinthitis" (Bella Union/PIAS) kommt jetzt noch etwas koks-glitzeriger Disco dazu - ein paar fein angezeckte Synthies, hübsch gefilterte Drums, zickige Akkorde. Die Hit-Quote ist eher niedrig. Aber für alle 713 Menschen auf der Welt, die noch ganze Alben hören, ist schon sehr viel Lohnendes dabei. Jakob Biazza

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