Süddeutsche Zeitung

Die CDs der Woche - Popkolumne:Göttlicher Kaugummi-Pop

Auch mit "Sheezus" bleibt Lily Allen luftig-leicht und kreiiert eine Hommage an Kanye West und den Herrn höchstpersönlich. Das ist klug, lustig - und sogar selbstironisch. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.

Ein fabelhaftes, Augen, Ohren und Herzen öffnendes Album der Woche drängt sich leider nicht auf. Mindestens den Titel des Monats hat aber natürlich das am Freitag erscheinende neue Album der britischen Sängerin Lily Allen: "Sheezus" (Warner). Ein freundlicher britischer Gruß an den Größenwahnsinnigen amerikanischen Rapper Kanye "Yeezus" West. Und an den Herrn und all seine männlichen Stellvertreter und Helfershelfer auf Erden selbstverständlich ebenso.

Und überhaupt wäre die Welt womöglich ein kleines bisschen besser, wenn sie mehr so kluge, lustige, selbstironische Bubblegum-Pop-Königinnen hervorgebracht hätte wie Lily Allen. So viel steht fest. Ansonsten zündet auf dem musikalisch doch etwas zu leicht geratenen "Sheezus" eigentlich nur die erste Single "Hard Out Here", das dann aber dafür auch gleich im Text sehr schön: "Sometimes it's hard to find the words to say / I'll go ahead and say them anyway / Forget your balls and grow a pair of tits / It's hard, it's hard, it's hard out there for a bitch".

Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Umgekehrt - ein Album erfüllte Erwartungen, die man gar nicht gehabt hatte - erging es einem am Wochenende beim Geburtstagsfestival des Zündfunks in den Studios des Bayrischen Rundfunks in München. Der in Wien lebende britische Sänger und Produzent Sohn trat dort mit seinem Debütalbum "Tremors" auf. Und was zu Hause noch wie arg polierte schleppende elektronische Popmusik mit etwas allzu wehleidigem Soul-Gesang klang, war im Konzert plötzlich ein wirklich eindrucksvolles, säkular-sakrales Erlebnis. Der aktuelle Hype um Künstler und Album geht doch völlig in Ordnung.

Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Gestorben ist am vergangenen Samstag der 34-jährige amerikanische DJ und Produzent Rashad Hanif Harden alias DJ Rashad, vermutlich an einer Überdosis Drogen. In den Nachrufen wurde allseits so getan, als sei die hektisch-eklektische elektronische Tanz-Musik, zu deren Pionieren er gehörte (sie trägt den Namen Chicago Footwork) ein im allgemeinen Popwissen so eingeführtes Genre wie Rock oder Blues. Tatsächlich ist Chicago Footwork der selten gewordene Fall einer Musik, bei der selbst die abgebrühtesten Kenner zugeben, kaum noch dabei zu sein, sie zu verstehen. Vielleicht kann man sie auch wirklich nur begreifen, wenn man dazu schwindelerregend schnell Beine und Füße bewegt, wie es - auf Youtube kann man das bewundern - die Tanzwütigen in Chicago tun.

Bass Sultan Hengzt

In seiner aktuellen Ausgabe erinnert der Musikexpress daran, dass Nena vor 30 Jahren sagte: "Deutscher Pop wird sich in Amerika durchsetzen." Ihre "99 Luftballons" waren damals sogar in den USA ein Nummer-2-Hit. Vergleichbares ist seither nicht mehr passiert. Die Prophezeiung harrt ihrer Erfüllung. Ein Blick auf die Spitze der neuen deutschen Alben-Charts legt allerdings die Vermutung nahe, dass den USA auch in dieser Woche nicht allzu viel entgeht: Auf dem dritten Platz wird der Berliner Gangster-Rapper Fabian Cataldi alias Bass Sultan Hengzt mit seinem neuen Album "Endlich erwachsen" stehen, der - "isch", "disch", "misch", "rischtisch" - im Wettbewerb "Wie viele "Ischs passen in einen einzigen deutschen Rap-Text?" auch diesmal wieder weit vorne landen wird.

Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Auf Platz zwei steht "Power-Metal" aus Fulda, also die Platte "Space Police - Defenders Of The Crown" von der Band Edguy. Und den ersten Platz holt sich - völlig überraschend - die leider gar nicht selbstironische deutsche Bubblegum-Pop-Königin Helene Fischer mit ihrem Album "Farbenspiel" zurück. In Deutschland, das muss man inzwischen wohl sagen, hat sich der deutsche Pop durchgesetzt. Wenigstens vergehen hoffentlich noch mindestens weitere 30 Jahre bis er sisch auch in Amerika durchsetzt.

Die im Übrigen im Zusammenhang mit populärer deutscher Unterhaltungsmusik von Pop-Snobs gern gestellte Frage: "Wer bitte hört denn so was?" soll hier aber ausdrücklich nicht im Raum stehen bleiben. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Antwort könnte einen nämlich noch unglücklicher machen, als man ohnehin schon ist. Im Zweifel sind es nämlich immer mehr Freunde, Familienangehörige, nette Kollegen und gute Bekannte, als man denkt. Der Pop bittet bei der Geschmackspolizei noch immer nicht um einen Durchfahrtsschein.

Man kann nur hoffen, dass es einem dann und wann so geht wie dem Nirvana-Drummer, Foo-Fighters-Kopf und Rock-Gott Dave Grohl. Dem amerikanischen Rolling Stone erzählte er in der vergangenen Woche davon, wie er zum ersten Mal die Sängerin und Grammy-Gewinnerin Lorde hörte: "Ich saß im Auto mit meinen zwei Töchtern Violet und Harper, die acht und fünf Jahre alt sind, und plötzlich begannen sie mitzusingen. Ich war sofort glücklich und erleichtert, dass sie einen populären Song mochten, der eine gewisse Tiefe und Substanz hat. Das erschien mir irgendwie gut für die beiden als Kinder, gesund. Wobei mir klar ist, dass das ziemlich elternhaft klingt."

Fortlaufende Popkolumne der SZ. Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an. Auf der rechten Seite finden Sie mit der Maus den (sehr kleinen) Scrollbalken. Wenn Sie nach unten scrollen, finden Sie die Alben, die in den vergangenen Wochen in der Popkolumne besprochen wurden und gleichzeitig bei Spotify enthalten sind.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1947255
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.04.2014/nema/pak
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.