Süddeutsche Zeitung

Schulstart in Bayern:Schwangere Lehrerinnen dürfen wieder in die Schulen

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Bayerns Kultusministerium hebt zu Beginn des neuen Schuljahres das Betretungsverbot auf. Alle Schwangeren, die wollen und dürfen, können wieder unterrichten. Den Lehrermangel wird das kaum lindern.

Von Anna Günther

"Ein Tag der Freude" soll der erste Schultag sein, wenn es nach Kultusminister Michael Piazolo (FW) geht. Die Freude ist den 130 000 Erstklässlern, die am Dienstag mit ihren Schultüten in die Grundschule marschierten, sehr zu wünschen. Denn hinter den Kulissen knirscht es gewaltig. Der Lehrermangel ist die größte Herausforderung im neuen Schuljahr - trotz Corona und 30 000 ukrainischen Schülern an Bayerns Schulen. Die Besetzung ist an vielen Schulen so knapp, dass Schulleiter sich vor Gesprächen mit jungen Lehrerinnen geradezu fürchten. Sie könnten ja schwanger sein. "Man hofft halt, dass es einen nicht trifft", sagt ein erfahrener Rektor aus dem Oberland dazu. Mit dieser Haltung ist er nicht allein.

Immerhin für einige schwangere Lehrerinnen und deren Schüler konnte der Kultusminister am Dienstag nach dem Ministerrat eine frohe Botschaft verkünden: Der strenge Corona-bedingte Arbeitsschutz wird gelockert. Künftig dürfen alle Schwangeren, die wollen und deren Ärzte dies erlauben, in ihren Klassen unterrichten. Bisher gilt für diese Frauen ein Betretungsverbot. Sie dürfen nicht in die Schule, also nur digital unterrichten oder daheim Verwaltungsaufgaben übernehmen. Aus Sicht der Schulleiter ist das aber kein Ausgleich. Piazolo lässt die entsprechende Allgemeinverfügung nun ändern.

Wann die neuen Regeln gelten, konnte er nicht sagen. Der Minister nannte die neue Situation eine "Möglichkeit für jene, die das wollen und für die es medizinisch verantwortbar ist". Die Lösung des Problems Lehrermangel sei davon nicht zu erwarten. Derzeit sind etwa 2900 Lehrerinnen schwanger, wie viele von ihnen in den Schulunterricht zurückkehren wollen oder dürfen, ist ungewiss. Aber wer mit Schulleitern spricht, hört immer wieder von Kolleginnen, die kommen wollen, aber bisher nicht durften.

BLLV klagt über dramatische Zustände

Insgesamt nannte Piazolo die Unterrichtsversorgung zum Schulstart "solide". Zwar gebe es regional Unterschiede und einige Hundert Verträge seien offen, aber das ändere sich jeden Tag. Wie zu Beginn jedes Schuljahres. Dagegen hatte der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) über dramatische Zustände an Grund-, Mittel und Förderschulen geklagt und 4000 fehlende Lehrkräfte genannt.

Dass es dort heuer besonders eng ist, leugnete der Minister nicht. Aber die BLLV-Zahlen stufte er als Rechenkonstrukt ein. Im Januar 2020 hatte er die Lehrer und Lehrerinnen an Grund-, Mittel-, und Förderschulen als oberster Dienstherr angewiesen, mehr zu arbeiten, um fehlendes Personal mittelfristig auszugleichen. "Da sagt dann der Verband, die fehlen. Die sind aber da und die sollen unterrichten." Mithilfe dieser Maßnahmen würden Piazolo zufolge 3500 der 4000 benannten Lehrer ersetzt.

Es sei üblich, dass am ersten Schultag noch Bewerber abspringen, weil sie eine Stelle näher an der Heimat oder ein besseres Angebot bekommen hätten. "Es ist so, dass die Zahlen sich ständig ändern", sagte der Kultusminister. Es wäre aber "unredlich", eine exakte Zahl zu nennen - auch weil er diese nicht kenne, weil die Zahlen aus dem Grund-, Mittel- und Förderschulbereich nicht tagesaktuell von den Bezirksregierungen gemeldet würden. Piazolo hielt seine eigenen Zahlen dagegen: 2016 lernten ebenfalls 1,68 Millionen Mädchen und Buben an Bayerns Schulen, heute gebe es aber 7000 Lehrerstellen mehr für die gleiche Anzahl Kinder. Allerdings auch mehr Aufgaben, die Lehrerstunden binden.

Für die allermeisten Schüler dürfte diese Rechenschieberei irrelevant sein. Den Landesschülerrat beschäftigte mehr, ob wieder Distanzunterricht droht und wie es mit Corona-Lernlücken oder Angeboten für Schüler mit psychischen Problemen weitergeht. Diese Programme sollen auch im neuen Schuljahr weiterlaufen, sagte Piazolo. Die oberste Maxime fürs angehende Schuljahr sei "Präsenzunterricht und so viel Normalität wie möglich, mit Veranstaltungen, Schulfahrten und Abschlussfeiern".

Aktuell gebe es auch keinen Anlass für neue Corona-Regeln. Es gebe keine Maskenpflicht, empfohlen werden sie für Begegnungsflächen wie Flure. Getestet wird freiwillig, in den ersten beiden Wochen und daheim.

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