Süddeutsche Zeitung

Lech-Stahlwerke:Bayerns größter Recyclingbetrieb hält den Kreislauf für Schrott am Leben

Alle anderen Stahlwerke haben im Freistaat längst zugemacht: zu alt, zu klein, zu unrentabel. Nur die Lech-Stahlwerke im Landkreis Augsburg sind übrig.

Von Maximilian Gerl, Meitingen

Vor dem Besuch steht ein Kleiderwechsel an. Kein Zutritt ohne Arbeitskittel, Stiefel, Schutzbrille, Gehörschutz, Helm. Am Ofen bereiten Mitarbeiter einen Abstich vor. Die 1700 Grad heiße Suppe aus Metall kocht, Feuer schlägt meterhoch, ein kontrolliertes Inferno. Der Kontrollraum dazu verbirgt sich hinter einer Tür, Lärm und Hitze dringen gedämpft durch die Fenster. Angesichts der Flammen und Funken zieht Knut Rummler einen Vergleich. "Das ist das Herz der Anlage", sagt er, "es darf nie stillstehen." Tatsächlich hält der Ofen den Verwertungskreislauf am Leben: den des Schrott-Recyclings. Und den der Firmengruppe.

Die Lech-Stahlwerke wirken herrlich altmodisch. Ein Unikum. Während die Wirtschaft über die Digitalisierung als das große Zukunftsding debattiert, raucht und schnauft die Industrie in Meitingen (Landkreis Augsburg), wie man sie von früher kennt. Alle anderen Stahlwerke im Freistaat haben dichtgemacht, zu klein, zu alt, zu unrentabel. Längst lässt sich anderswo günstiger produzieren. Und nun erhebt US-Präsident Donald Trump Strafzölle auf europäischen Stahl - theoretisch noch ein Wettbewerbsnachteil. Praktisch machen sie am Lech einfach weiter Stahl.

Knut Rummler und Max Aicher führen durch die Hallen. Der eine ist Geschäftsführer, der andere sein Chef. Die Lech-Stahlwerke gehören zur Max Aicher Unternehmensgruppe, einem Konglomerat aus rund 40 Firmen. Gefühlt gehört dem 84-Jährigen alles zwischen Freilassing und Bad Reichenhall. Doch das Herz seines Imperiums schlägt in Schwaben. 1976 stieg der Bauunternehmer bei den damals jungen Lech-Stahlwerken ein, in Etappen übernahm er alle Anteile.

Seitdem ist der Standort mehr als ein Zahnrad in der Aicherschen Firmenmaschine, er ist der Dreh- und Angelpunkt. Der hier gefertigte Stahl wird teils von Aicher-Betrieben veredelt und weiterverkauft; andere Unternehmen der Gruppe kümmern sich um Lieferung und Aufbereitung des Rohstoffs Schrott. Entsprechend zufrieden wirkt Aicher während des Rundgangs. Der Laden brummt, im wahrsten Sinne. Gehörschutz tragen Menschen hier mit Grund.

Der doppelte Zyklus beginnt auf einem Schrottplatz. Krallenbewehrte Kräne laden Altmetall auf eine überdimensionale Lohre, Schrottfähre genannt. Sie versorgt zwei Öfen mit Nachschub. In deren Inneren sorgen Tausende Grad heiße Lichtbögen dafür, dass sich der Schrott verflüssigt. Nach dem Abstich erhält das Roheisen Legierungen, um seine Qualität zu heben: "Das Salz in der Suppe", sagt Rummler.

Die glühende Masse wird zu acht Meter langen Balken gegossen. Die "Knüppel" ruhen drei Tage, bevor ein Walzwerk sie erneut erhitzt und in Stangen presst. Dicke und Länge gibt der Kunde vor. Sensoren prüfen die Stränge auf Haarrisse, fehlerhafte Ware landet auf einem Nebenband. "Am liebsten ist mir, wenn das leer ist", sagt Rummler. Ausschuss kostet, wie überall.

Fotos darf man im Werk nicht machen, wegen Umbauarbeiten, heißt es. Derzeit wird auf dem Gelände gegraben und gebohrt. Eine neue Werkstraße soll die Qualität des Stahls verbessern und den Ausstoß erhöhen. In der alten Werkstraße ist vieles automatisiert. Um alles andere kümmern sich 700 Menschen in vier Schichten. In der Szenerie fallen sie kaum auf, so klein, fast verloren wirken sie.

Die Herausforderungen liegen im Abfall

Allein der Schrottplatz ist 330 Meter lang, gesäumt von mehr als 20 Meter hohen Wänden. Hinter den Hallen erheben sich Schlackeberge. Wo in den Hallen Wasser auf glühendes Metall trifft, zischt und dampft es. Die Luft flimmert. Draußen rollt Lkw um Lkw vorbei. Etwa 100 Tonnen Schrott schaffen die Lichtbogenöfen pro Stunde, das macht die Lech-Stahlwerke nach eigenen Angaben zum größten Recyclingunternehmen Bayerns. Die Jahresproduktion liegt bei etwa 1,1 Millionen Tonnen Stahl. Der Strombedarf entspricht ungefähr dem Augsburgs.

Wie überall in der Industrie gilt: Wo Massen entstehen, ist jeder gesparte Euro ein Kostenvorteil. Trotzdem sieht man in Meitingen die Debatte um US-Strafzölle auf ausländischen Stahl betont entspannt. Der schwäbische Anteil am internationalen Stahlhandel ist klein. Führend sind chinesische Hersteller. Wenn sie wollen, fluten sie den Weltmarkt innerhalb von Wochen mit Billigstahl.

Die Lech-Stahlwerke könnten da nicht mithalten - was ihnen die Freiheit gibt, die Sache gleich anders anzugehen. Sie liefern hauptsächlich in die Region und nur auf Bestellung. Der günstigere Betonstahl findet auf Baustellen im Umkreis von 200 Kilometern Verwendung. Der teurere Qualitätsstahl geht an andere Firmen der Aicher-Gruppe oder an Automobilzulieferer, die daraus Antriebsstränge oder Fahrwerkskomponenten schmieden.

Die Herausforderungen liegen aus Sicht der Lech-Stahlwerke anderswo. Etwa im Abfall. Beim Abstich fällt Schlacke an, ein Schmelzrückstand aus verschiedenen Stoffen. Aicher würde seine Schlacke gern günstig im Straßenbau verbuddeln, aber das, sagt er, sei nicht erlaubt. Jedenfalls nicht in Bayern. Also karren Laster seine Schlacke regelmäßig nach Thüringen, mehrere Millionen Euro soll das im Jahr kosten.

Aicher schneidet das Thema mehrmals an. Es scheint ihn umzutreiben, wie die Sache mit dem Lärmschutz. Jahrelang hat er sich mit Anwohnern einer nahen Siedlung darüber gestritten. Die derzeit stattfindenden Bauarbeiten lassen sich deshalb als eine Art Kompromiss werten: Der Schrottplatz wird komplett eingehaust - dafür darf das Gelände um ein paar Hektar und neue Anlagen vergrößert werden.

Wenn Aicher wollte, müsste er nicht mehr arbeiten. Seine Firmen sind in eine Familienstiftung überführt, die Bilanzsumme liegt bei einer Milliarde. Aber Aicher ist ein Patriarch alter Schule. Die haben gern Kontrolle über ihr Lebenswerk. Während im Stahlwerk der nächste Abstich vorbereitet wird, beobachtet er draußen den Baufortschritt.

Gerade werden Fundamente für die Erweiterung gesetzt. Wenn alles klappt, soll die neue Werkstraße August 2019 in Betrieb gehen. Ein straffer Zeitplan, aber "straff ist gut", sagt Rummler. Der Bauleiter steigt aus der Grube und schüttelt dem Chef die Hand. Auf der Jacke steht, natürlich, "Max Aicher Bau".

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Quelle:
SZ vom 26.06.2018/amm
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