Süddeutsche Zeitung

Henry Kissinger:"Er war Bayer, Franke, Fürther"

Vor 100 Jahren kam Henry Kissinger in Fürth zur Welt. Nach seinem Tod wird er in seiner Heimat in höchsten Tönen gewürdigt.

Von Lina Krauß

Der Tod des früheren US-Außenministers Henry Kissinger am Mittwoch hat auch in seiner Geburtsstadt Fürth große Anteilnahme ausgelöst. Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) würdigte ihn als einen "Fürther, wie es ihn so schnell nicht mehr geben wird". Trotz der Verfolgung seiner Familie durch die Nationalsozialisten und des Verlusts seiner Heimat in jungen Jahren habe er "keinerlei Vergeltungsgedanken gehegt". Kissinger sei den Menschen in Fürth und in Deutschland "mit Offenheit und ehrlichem Interesse begegnet". Jung beschreibt ihn als einen "bescheidenen, bodenständigen und herzlichen Menschen", der an der Entwicklung der Stadt genauso interessiert gewesen sei wie an der "seines Fußballvereins des Herzens".

Dieser - die Spielvereinigung Greuther Fürth - schrieb am Donnerstag: Der Verein trauere um "einen ihrer treuesten, sicherlich aber den bekanntesten Kleeblatt-Fan der Welt".

Während seiner Kindheit in Fürth sei das spätere Ehrenmitglied Kissinger zunächst heimlich zu den Spielen der Spielvereinigung gegangen. Bis ins hohe Alter sei die Liebe für den Verein nicht abgebrochen. Das habe auch die Aussage "Dies ist mein Ronhof!" bei einem Besuch des gleichnamigen Stadions 2010 verdeutlicht, als Kissinger erklärte, wo er als kleiner Junge während der Spiele meistens stand. Er sei immer über die Spielergebnisse informiert gewesen. Früher habe ihm die Deutsche Botschaft diese zeitnah melden müssen. Später konnte er das Fußballgeschehen in Deutschland dann über das Internet verfolgen.

An die Fußballbegeisterung Kissingers erinnert sich auch der Fürther Bundestagsabgeordnete Tobias Winkler. Bei einem Besuch 2011 in New York habe er mit Kissinger über ein Fußballspiel der Spielvereinigung am Vorabend gesprochen. Der Ex-Außenminister sei trotz der Zeitverschiebung bestens über den Spielverlauf informiert gewesen. Mit Kissingers Tod habe Fürth "einen der bedeutendsten Söhne der Stadt" verloren. Man blicke mit Trauer und mit Stolz auf ihn zurück.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) unterstrich die bayerische Herkunft Kissingers: "Er war Bayer, Franke, Fürther und seiner alten Heimat und dem jüdischen Leben bis zuletzt verbunden." Bayern trauere um den früheren Politiker, einen bedeutenden Staatsmann, "der mit Weitsicht und großem analytischem Scharfsinn die Menschen überzeugen konnte".

Der Freistaat werde "seinem berühmten Sohn ein ehrendes Gedenken bewahren". Kissinger sei einer der einflussreichsten außenpolitischen Beobachter und Denker gewesen. "Nicht alle seiner Positionen waren unumstritten. Aber er war einer der wichtigsten und klügsten Außenpolitiker des vergangenen Jahrhunderts."

Die Verbindung zu seiner Heimat Bayern hat der im Alter von 100 Jahren gestorbene Kissinger nie verloren. Zuletzt hatte er im Juni seine Geburtsstadt Fürth besucht und dort seinen 100. Geburtstag gefeiert. "Es ist für mich sehr bewegend, in meinen Geburtsort zurückzugehen und zu erfahren, wie eng die Verbindungen geblieben sind zwischen dem Ort, wo ich geboren bin, und meiner neuen Heimat", sagte er damals. Er starb am Mittwoch in seinem Zuhause im Bundesstaat Connecticut.

Kissinger wurde 1923 in Fürth geboren. 1938 floh er als Sohn jüdischer Eltern mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten. Fürth zeichnete den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen US-Außenminister 1973 mit der Goldenen Bürgermedaille und 1998 mit der Ehrenbürgerwürde aus. An seinem Geburtshaus an der Mathildenstraße erinnert eine Tafel an den verstorbenen Fürther.

Vor dem Fürther Rathaus wurde eine Trauerbeflaggung für Kissinger angebracht. Ab dem 4. Dezember können sich Bürgerinnen und Bürger in ein Kondolenzbuch eintragen.

Das Ludwig Erhard Zentrum (LEZ) in Fürth erinnert mit der Sonderausstellung "Henry - World Influencer No. 1. Die Geschichte der Familie Kissinger aus Fürth" an den verstorbenen Politiker. Dass Kissinger seinen 100. Geburtstag im LEZ feierte, sei eine große Ehre gewesen, sagte Evi Kurz, Vorstandsvorsitzende des LEZ. Sie "habe ihn da erneut von seiner sehr menschlichen und einfühlsamen Art kennenlernen dürfen".

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