Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Regensburg:Als die Moderne in Fahrt kam

Das Haus der Geschichte präsentiert die Ausstellung "Tempo, Tempo - Bayern in den 1920ern". Sie dokumentiert ein Jahrzehnt des Umbruchs, in dem der Siegeszug von Mobilität und Massenkultur begann.

Von Hans Kratzer, Regensburg

Obwohl er schon mehr als 90 Jahre auf dem Buckel hat, rollt er auch heute noch gelegentlich über Bayerns Straßen. Dass der Faun K3 bei solchen Touren neugierige Blicke auf sich zieht, ist verständlich, handelt es sich doch um ein Gefährt von wahrer Rarität. Der Faun bringt also die besten Voraussetzungen mit, um als eines der größten Objekte die künftige Bayernausstellung "Tempo, Tempo - Bayern in den 1920ern" zu bereichern. Die Schau wird am 26. September im Erdgeschoss des Hauses der Bayerischen Geschichte in Regensburg eröffnet.

Der Faun hat mittlerweile seine Parkposition an prominenter Stelle im Museum eingenommen, zurzeit wird die Ausstellung drum herum aufgebaut. Hinter dem Begriff Faun stehen die Fahrzeugfabriken Ansbach und Nürnberg AG, die 1920 zu den Faun-Werken vereint wurden. Sie spezialisierten sich auf den Bau von Fahrzeugen für Abfallentsorgung und Straßenreinigung. Am Unternehmenssitz in Ansbach wurden von 1924 bis 1928 aber auch Automobile in echter Handarbeit produziert. Ausgestattet waren sie mit Vierzylindermotoren, die letztlich bis zu 30 PS leisteten.

Die Ausstellung blickt zurück auf eine Welt, die sich rasant beschleunigte, was nicht nur Vorteile mit sich brachte. "Viele Menschen waren dadurch überfordert", sagt Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte. Exemplarisch verdeutlicht dies das Foto eines Mottowagens vom Münchener Faschingsumzug von 1929. Auf der Stoffdrapierung ist mehrmals das Wort Tempo aufgedruckt. Auf dem Wagen selbst hängt ein Mann schlaff über der Weltkugel, an seinem Hintern prangt ein Flugzeug-Propeller, der Mann ist von zu viel Tempo total erschöpft.

"Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken", klagte der Schriftsteller Erich Kästner im Jahr 1928. Der Verkehr wurde damals zunehmend dichter und gefährlicher. Es war notwendig, Ampeln und Verkehrspolizisten zu installieren, um das chaotische Nebeneinander von Fußgängern, Radlern und motorisierten Verkehrsteilnehmern zu regeln. Bayern war dabei ein klassisches Motorradland. Die Unfallzahlen stiegen rapide an. Plakate und Filme mahnten zur Vorsicht im Verkehr, aber es half nur wenig.

Die neue Mobilität und ihre Begleiterscheinungen sind eines von vielen Themen, die in der Ausstellung aufgegriffen werden. Die 1920er-Jahre waren ein kontroverses Jahrzehnt des Auf- und Umbruchs. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, die Hyperinflation und die Extremisten des linken und rechten Spektrums belasteten die junge Demokratie. Trotzdem ermöglichte von 1923 an ein wirtschaftlicher Aufschwung bescheidenen Wohlstand und persönliche Mobilität. Das Tempo dieses Jahrzehnts machen auch die neuen Tanz- und Musikstile deutlich. Film und Radio boten zudem innovative Unterhaltungsformen und Informationsquellen und prägten bald das Verhalten der Menschen.

Die gesellschaftliche Entwicklung wurde von manchen aber auch kritisch betrachtet. Der Schriftsteller Thomas Mann machte sich über den Einfluss der Nationalsozialisten berechtigte Sorgen. Der Volkssänger Weiß Ferdl befürchtete hingegen: "Wir amerikanisieren uns", wie er eines seiner populären Lieder überschrieb.

Die Besucher der Ausstellung dürfen sich auf eine Premiere gefasst machen. Das Haus der Bayerischen Geschichte hat nämlich ein neues Format entwickelt, das eine Zweiteilung der Ausstellung vorsieht. Im ersten Segment werden klassischerweise Objekte, Fotografien und Schautafeln präsentiert, im zweiten Abschnitt wird hingegen eine neuartige Medienpräsentation geboten. Dort werden Filme, Musik und Hörstationen einen etwas anderen Einblick in dieses Jahrzehnt ermöglichen. Der Moderator Christoph Süß hat dazu ein Drehbuch für einen Kurzfilm über die 20er-Jahre erstellt, in dem viele bekannte Gesichter aus der bayerischen Kabarettszene mitwirken, darunter Luise Kinseher, Helmut Schleich, Christian Springer, Max Uthoff und Schauspieler des Münchner Volkstheaters.

Die Akteure schlüpfen dabei in unterschiedliche gesellschaftliche Rollen, um - auch frech und ironisch - die Entwicklungen und Aspekte jener 20er-Jahre und jenes bayerischen Existenzialismus zu hinterfragen, die Lion Feuchtwanger in seinem Roman "Erfolg" (1929) unnachahmlich geschildert hat: "Die Bayern knurrten, sie wollten leben wie bisher, breit, laut, in ihrem schönen Land, mit einem bisschen Kultur, einem bisschen Musik, mit Fleisch und Bier und Weibern und oft ein Fest und am Sonntag eine Rauferei. Sie waren zufrieden, wie es war. Die Zugreisten sollten sie in Ruhe lassen, die Schlawiner, die Saupreußen, die Affen, die gselchten."

Tempo, Tempo - 1920er in Bayern. 26. September 2020 bis 7. Februar 2021, Regensburg, Haus der Bayerischen Geschichte, Donausaal.

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SZ vom 02.09.2020/vewo
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