Süddeutsche Zeitung

Nahverkehr:Verwirrende Vorgaben beim Neun-Euro-Ticket

Lesezeit: 2 min

Nicht überall im Freistaat gilt vom 1. Juni an das günstige Monatsticket. Warum das so ist, ist manchmal nur schwer nachvollziehbar.

Von Maximilian Gerl

Während sie sich anderswo in Bayern auf den Start des Neun-Euro-Tickets und Heerscharen von Ausflüglern vorbereiten, herrscht im Landkreis Freyung-Grafenau so etwas wie Ernüchterung. "Wir erwarten uns, ehrlich gesagt, gar nichts", sagt Thomas Schempf, Geschäftsführer der Ilztalbahn. Dabei ist deren Strecke von Passau nach Freyung wie geschaffen für Touristen - doch weil sie von Ehrenamtlichen nur an Sommerwochenenden und ohne staatliche Zuschüsse betrieben wird, ist sie vom Neun-Euro-Ticket ausgenommen. "Da sind wir nicht die Einzigen", sagt Schempf.

Neun-Euro-Ticket lösen, einsteigen, losfahren: Das könnte zum Juni mancherorts nicht so einfach werden, wie es klingt. Denn das Ticket gilt zwar theoretisch bundesweit in allen Regionalzügen und Regionalbussen, doch praktisch finden sich ein paar Ausnahmen. Gerade im Freizeitverkehr gebe es "wenig übersichtliche Regelungen", warnte der Fahrgastverband Pro Bahn jüngst.

In Bayern ist das Problem noch einmal besonders. Seit Jahren bemängeln Schempf und andere Betreiber sogenannter Freizeitbahnen, dass der Staatsregierung ein Konzept zur Förderung touristischer Verkehre fehle. Die Folge: Während man in Sachsen mit dem Neun-Euro-Ticket per Dampflok den Kurort Oberwiesenthal besuchen kann, muss man im Freistaat für den Ausflug mit Ilztal-, Mainschleifen- oder Chiemseebahn weiter extra zahlen. "Die Ilztalbahn läuft als eigenwirtschaftlicher, nicht bestellter Schienenpersonennahverkehr", heißt es vonseiten des bayerischen Verkehrsministeriums. "Dementsprechend übernimmt der Bund hier auch keine Kosten."

Das macht es nur bedingt einfacher, den Überblick zu behalten. So ist die Zahnradbahn an der Zugspitze auch eine Freizeitbahn, zählt aber zwischen Garmisch-Partenkirchen und Grainau auch offiziell als ÖPNV. Zwischen diesen beiden Stationen kann man also mit dem Neun-Euro-Ticket pendeln, nicht aber nach Eibsee. Dieser ist dafür mit den blau lackierten Eibsee-Bussen erreichbar: Hier gilt das Ticket auf der gesamten Strecke.

Kompliziert ist es auch bei Verbindungen ins Ausland

Auch On-Demand-Verkehre wie Rufbusse und andere alternative Mobilitätskonzepte sind vom Neun-Euro-Ticket ausgeschlossen. Allerdings dürfen die Verbund- und Tarifregionen abweichende Regelungen treffen. Laut Pro Bahn kann man daher mit dem Ticket die "Rosi"-Busse rund um den Chiemsee nicht nutzen - in Murnau hingegen das vergleichbare Angebot namens "Omobi" schon. Und beim "Freizeitbus Landkreis Kelheim" sollte das Ticket erst nur auf Streckenabschnitten mit Verbundtarif anerkannt werden; nun gilt es laut Pro Bahn doch auf beiden Linien.*

Ähnlich kompliziert sind mitunter die Verbindungen ins Ausland. Denn eigentlich gilt das Neun-Euro-Ticket nur bis zum letzten Halt auf deutscher Seite, dieses wird schließlich aus dem Bundeshaushalt finanziert. Von Oberstdorf aus erreichen Ausflügler damit also nicht per Buslinie 1 das österreichische Kleinwalsertal. Doch nach Salzburg oder Kufstein können sie trotzdem fahren, weil das mit dem Bayern-Ticket normalerweise auch möglich wäre.

Bei der Ilztalbahn versucht man nun, aus dem Regel-Wirrwarr das Beste zu machen. Zwar befürchtet Schempf, dass die für die Freizeitbahnen so wichtigen Ticketerlöse sinken, weil "viele ihre Ausflüge da machen, wo das Neun-Euro-Ticket gilt". Allerdings wäre dann die Ilztalbahn auch vergleichsweise leer - was sich, sollte der befürchtete Ansturm auf die Regionalzüge wahr werden, zumindest als kleiner Marketingvorteil erweisen könnte. "Wir freuen uns über jeden, der trotzdem unsere Region erkunden will", sagt Schempf.

*Anmerkung der Redaktion: Zunächst sollte das Ticket nur auf Streckenabschnitten mit Verbundtarif anerkannt werden. Nach dem Hinweis eines Lesers haben wir die Textstelle aktualisiert.

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