Süddeutsche Zeitung

Älteste Höhlenmalerei der Welt entdeckt:Wer malte die rote Scheibe?

Vor mindestens 40.800 Jahren malte ein Steinzeitkünstler eine rote Scheibe an eine Wand in der Höhle von La Castillo in Spanien. Es ist die älteste bislang bekannte Zeichnung der Welt. Doch malte hier einer der ersten Vertreter des "Homo sapiens" in Europa? Oder hinterließen bereits die Neandertaler Höhlenbilder?

Markus C. Schulte von Drach

Steinzeitmenschen haben offenbar deutlich früher begonnen zu malen, als bislang angenommen. Auf eine Entstehung vor 40.800 Jahren haben Wissenschaftler eine Zeichnung in einer spanischen Höhle datiert - damit ist sie etwa 4000 Jahre früher entstanden als die bislang ältesten bekannten Höhlenbilder.

Nicht nur das Alter des Bildes - es handelt sich um eine rote Scheibe - ist eine Sensation. Wenn die Datierung, die auf einer relativ jungen Technik basiert, korrekt ist, hätten unsere Vorfahren ihre künstlerische Ader schon entdeckt, als sie gerade erst begannen, Westeuropa zu besiedeln. Dann könnte es sein, dass der moderne Homo sapiens Kunst aus Afrika oder Asien nach Europa importierte. Doch wo sind die überzeugenden Belege?

Wahrscheinlicher erscheint, dass die einfache Scheibe am Anfang einer langen Entwicklung der Malerei stand, die in den folgenden Jahrtausenden schließlich zu großartigen Darstellungen von Menschen und Tieren an den Höhlenwänden etwa in der Höhle von Chauvet in Frankreich führten.

Nicht ausgeschlossen ist allerdings auch, dass die alten und einfachen Höhlenmalereien gar nicht vom Homo sapiens stammen, sondern von Neandertalern. Diese Menschenart lebte vor 40.000 Jahren noch in Spanien.

50 Malereien in insgesamt elf Höhlen in Spanien haben die britischen Forscher Alistair Pike von der University of Bristol und Paul Pettitt von der University of Sheffield gemeinsam mit spanischen Kollegen untersucht. Dazu nutzten sie die Uran-Thorium-Methode, um das Alter der Kalkschichten und Tropfsteine zu bestimmen, die häufig über den Bildern liegen. Diese enthalten Uranisotope (Uran-238), die sich mit einer bekannten Zerfallsrate in Thorium-230 verwandeln. Das Verhältnis der beiden Elemente in diesen Gebilden gibt deshalb Auskunft, wann sie sich zu formen begannen. Zeichnungen, die darunter liegen, müssen dann älter sein, Bilder, die darauf gemalt wurden, entsprechend jünger.

Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin Science berichten, stießen sie in der Höhle von El Castillo in Kantabrien auf die älteste Zeichnung, die rote Scheibe. Sie muss vor mindestens 40.800 Jahren an die Wand gemalt worden sein. Umgeben ist sie von anderen Scheiben und etwa 40 Abbildungen von Händen. In der Höhle Tito Bustillo in Asturien entdeckten die Forscher den Abdruck einer Hand, der auf 37.300 Jahre datiert wurde, in der kantabrischen Altamirahöhle bestimmten sie das Alter eines zapfenförmigen Musters auf 35.600 Jahre. Die Zeichnungen dort waren bislang nur auf ein Alter von etwa 17.000 Jahre geschätzt worden.

Auch die kürzlich als älteste bekannte Kunst der Welt vorgestellten Bilder in der Höhle von Abri Castanet in Frankreich wurden "nur" auf etwa 37.000 Jahre datiert und sind somit deutlich jünger als die rote Scheibe von El Castillo.

Doch wer war nun der Künstler? Ein Vertreter des Homo sapiens oder ein Neandertaler?

Eine Lanze für den Neandertaler

Einer der beteiligten Forscher, João Zilhão von der Universitat de Barcelona, hält es für sehr wahrscheinlich, dass nicht die gerade in Europa angekommenen modernen Menschen die rote Scheibe gemalt haben. Er tippt vielmehr auf ihre nahen Verwandten. Schließlich hätten die Neandertaler auch schon Schmuck anfertigten und Ocker nutzten, um sich selbst zu bemalen.

Die Datierung gibt tatsächlich nur ein Mindestalter an - und die Neandertaler hatten in El Castillo und andernorts schon lange vor der Ankunft des Homo sapiens Gelegenheit, ihre Spuren zu hinterlassen. Davon gehen auch spanische Forscher um José Luis Sanchidrián von der Universidad de Córdoba aus. Sie berichteten kürzlich von Robbenzeichnungen in einer Höhle bei Málaga, die ihrer Einschätzung nach sogar mehr als 42.000 Jahre alt sein sollen und demnach auf Neandertaler zurückgehen müssten. Allerdings hatten sie nicht das Alter der Felszeichnungen selbst datiert, sondern Reste von Holzkohle, die sie in der Nähe der Bilder entdeckt hatten.

Experten wie der Brite Thomas Higham von der University of Oxford halten das zwar nicht für ausgeschlossen. Doch da das Alter der roten Scheibe zeitlich mit dem Auftreten des modernen Menschen in Europa zusammenfällt, halte er es für wahrscheinlicher, dass dieser tatsächlich Urheber des Kunstwerks sei, erklärte er ScienceNow.

Wie Pettitt, Pike und ihre Kollegen in Science berichten, sprechen ihre Ergebnisse dafür, dass die ersten europäischen Künstler weniger an der Darstellung von Tieren oder anderen Objekten interessiert waren und sich auf einfachere Motive, Punkte, Scheiben und Handabdrücke beschränkten. Das einzige Beispiel von Höhlenmalerei, das nicht in dieses Bild passe, seien die Zeichnungen in der Höhle von Chavet in Frankreich. Die komplexen Bilder etwa von Pferden sollen mehr als 32.000 Jahre alt sein. Die Datierung hält Pettitt jedoch für falsch.

Französische Wissenschaftler halten dagegen, dass das Alter der Chavet-Bilder durch etliche Untersuchungen bestätigt worden sei. Sie stellen nun die aktuellen Datierungen der Bilder in den spanischen Höhlen in Frage. Schließlich sei es möglich, dass Uranisotope nach der Entstehung der Kalkschichten durch Wasser ausgewaschen wurden, sagte etwa Helene Valladas vom Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement in Gif-sur-Yvette. Dann würden die darunter liegenden Objekte älter erscheinen, als sie sind.

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