Süddeutsche Zeitung

Konjunktur:Der Boom bin ich

Mehr Arbeitsplätze, steigende Börsenkurse, ein höheres Wachstum: US-Präsident Trump behauptet gern, das liege alles an ihm. Doch er irrt sich.

Von Claus Hulverscheidt

Wenn der Aktienmarkt tatsächlich so etwas wäre wie das Spiegelbild wirtschaftspolitischer Regierungskunst, dann müsste man wohl konstatieren, dass Donald Trump der erfolgreichste US-Präsident der jüngeren Geschichte ist. Um mehr als 5000 Punkte oder fast 30 Prozent ist der Dow-Jones-Index der New Yorker Börse seit seinem Wahlsieg gestiegen, und Trump wird nicht müde, sich für das Überschreiten jeder neuen Tausenderstelle zu feiern: Dank ihm, so rechnete er jüngst im Kurzmitteilungsdienst Twitter vor, seien die Aktionäre amerikanischer Firmen binnen weniger Monate um 5,4 Billionen Dollar reicher geworden. Rekord! Was sonst.

Doch der Aktienmarkt ist etwas anderes als die Jury eines Schönheitswettbewerbs, wie sie der heutige Präsident in seinem früheren Leben so gerne veranstaltete. Aktienhändler scheren sich nicht um Anmut, Grazilität und Schminkleistungen, und auch Lautsprecherei und Regierungsbeschlüsse beeindrucken sie nicht, zumindest nicht dauerhaft. An der Börse werden Zukunftshoffnungen gehandelt, Gewinnmöglichkeiten eruiert, unternehmerische Kleinode gesucht. Die Politik spielt gewöhnlich nur eine Nebenrolle.

Das alles bedeutet nicht, dass es an den Börsen keinen Trump-Effekt gäbe. Im Gegenteil: Selbstverständlich lässt die Aussicht auf Steuersenkungen, den Abbau von Bürokratie sowie die Lockerung von Umwelt- und Arbeitnehmerrechten die Herzen von Profi-Anlegern höher schlagen. Die entscheidenden Faktoren für den Boom aber sind andere, da ist sich das Gros der Experten einig; der globale Konjunkturaufschwung etwa, vor allem aber jene Unsummen an Geld, mit denen die Notenbanken in den USA und Europa die Märkte immer noch fluten und die möglichst gewinnbringend angelegt werden wollen.

Dass Trump für den Aktienmarkt nur ein Nebendarsteller ist, zeigen auch zwei weitere Faktoren. Zum einen steigen die Kurse keineswegs erst seit der Präsidentschaftswahl an, vielmehr geht es schon seit der Überwindung der Rezession im Jahr 2009 relativ stetig bergauf. Und zum anderen boomen die Börsen nicht etwa nur in den USA, sondern auch andernorts, in Deutschland zum Beispiel oder in Japan.

Die Erwerbslosenquote ist so niedrig wie zuletzt vor 17 Jahren

Trumps ständiger Hinweis auf die Kursrekorde mag auch daher rühren, dass dem Präsidenten in der eigentlichen Wirtschaftspolitik noch nicht viel gelungen ist. Die Rückabwicklung der Gesundheitsreform seines Amtsvorgängers Barack Obama ist im Kongress wiederholt gescheitert, der Kurswechsel in der Klimapolitik beschränkt sich bisher auf ein paar Verordnungen und viel Symbolisches. Die Steuerreform ist zwar auf den Weg gebracht, steht aber noch nicht im Gesetzblatt.

Dennoch ist Trumps Wirtschaftsbilanz ein Jahr nach seinem Wahlsieg gar nicht so übel. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen also, ist zuletzt zwei Quartale hintereinander um drei Prozent oder mehr gestiegen - das gab es zuletzt in der zweiten Hälfte des Jahres 2013 sowie Mitte 2014. Noch besser sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus: Seit der Wahl im November 2016 legte die Zahl der Beschäftigten um gut zwei Millionen zu, die Erwerbslosenquote fiel von 4,6 auf 4,1 Prozent. So niedrig war sie zuletzt im Dezember 2000, vor fast 17 Jahren also.

Ob der Trend nachhaltig ist, muss sich erst noch zeigen

Puristen werden argumentieren, dass diese Erfolge mehr den Kräften des Marktes geschuldet sind als klugen politischen Entscheidungen - schließlich hat eine Regierung kaum Möglichkeiten, die Wirtschaftsentwicklung direkt und mit sofortiger Wirkung zu beeinflussen. Dennoch ist es Politikern nicht verboten, gute Zahlen für sich zu reklamieren. Frühere Präsidenten haben das genauso getan - wenn auch vielleicht ein wenig unaufdringlicher als der jetzige Staatschef.

Ob der Trend zu höheren Wachstumsraten aber nachhaltig ist, muss sich erst noch zeigen. 2013 und 2014 etwa wurden die beiden starken Quartale mit Zuwächsen von bis zu 5,2 Prozent jeweils von erheblich schwächeren Vierteljahren eingerahmt. Im Jahresschnitt blieb es damit bei einem Wachstum von rund zweieinhalb Prozent.

Kein Trump-Erfolg, sondern Spätfolge der Ära Obama

Auch die gute Arbeitsmarktlage muss in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Vergleicht man etwa das Jahr seit der Präsidentschaftswahl mit den unmittelbar davor liegenden zwölf Monaten unter Obama, so stellt man fest, dass die Beschäftigungsdynamik zuletzt sogar ein wenig nachgelassen hat: Unter Obama wurden monatlich im Schnitt 202 000 zusätzliche Jobs geschaffen, unter Trump sind es bisher "nur" 167 000.

Hinzu kommt, dass Arbeitsmarktzahlen etwas sind, das Ökonomen als "nachlaufenden Indikator" bezeichnen. Soll heißen: Firmenmanager versuchen stets, eine wachsende Produktion zunächst einmal mit dem vorhandenen Personal zu bewältigen. Erst wenn das nicht mehr geht, stellen sie - mit einer Verzögerung von durchschnittlich sechs bis neun Monaten - neue Mitarbeiter ein. Der Beschäftigungszuwachs unter Trump ist also eher eine Spätfolge der Ära Obama.

Solche Zusammenhänge sind allerdings recht kompliziert für jemanden, der einfache Botschaften mag. Trump verwies deshalb während seines Asien-Besuchs einmal mehr auf den Börsenboom, dessen Ursachen er genau kenne: "Der Grund, warum der Aktienmarkt so erfolgreich ist, bin ich!"

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SZ vom 08.11.2017/vit
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