Süddeutsche Zeitung

SZ-Führungstreffen:Die Leiden der Chefs

Große Krise, dickes Fell: Wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Bertelsmann-Boss Hartmut Ostrowski mit Kritik umgehen.

Harald Freiberger

Es war ein seltener Moment: Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, gewährte am Samstag Einblick in seine Gefühlswelt. "Es tut mir manchmal weh, wenn ich höre, Banker wollten nur Geld verdienen", sagte er in Berlin. Er kenne keinen, der seinen Ruf mit riskanten Geschäften absichtlich aufs Spiel gesetzt habe und der nicht schwer betroffen sei, wenn er seine Bank vor die Wand gefahren habe. "Viele leiden unter psychologischen und familiären Problemen", sagte Ackermann.

Der Deutsche-Bank-Chef sprach als oberster Vertreter seiner Branche für Kollegen, deren Institute schlechter dastehen als das seine. Mit sich selbst sieht er sich im Reinen. Der ehemalige Bundesbank-Chef Karl-Otto Pöhl habe ihm schon bei seinem Amtsantritt 2002 gesagt, dass es künftig zwei Ackermanns geben werde: den privaten, den seine Familie und Freunde kennen, und den öffentlichen, der die Deutsche Bank verkörpert und deswegen gelegentlich einstecken muss. "Das macht mir nichts aus", sagte Ackermann - so lange man ihm nicht vorwerfen könne, dass er versagt und sein eigenes Unternehmen in die Krise geführt habe. Dann würde er zurücktreten.

Auch Hartmut Ostrowski, Chef des Medienkonzerns Bertelsmann und damit ein Vertreter der realen Wirtschaft, zeigte Gefühle. Er erzählte eine ähnliche Geschichte: "Als ich Konzernchef wurde, kam Liz Mohn auf mich zu und sagte: 'Sie werden künftig ein dickes Fell brauchen'." Liz Mohn, die Frau des in diesem Jahr verstorbenen Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn, ist inzwischen die mächtige Figur im Medienkonzern. Als Vorstandschef eines Familienunternehmens habe er den Vorteil, ein "nachhaltigeres und glaubwürdigeres" Geschäftsmodell verfolgen zu können als Unternehmen, die vor allem auf die Rendite schauen müssten, sagte Ostrowski. Er würde sich manchmal nur wünschen, dass die Deutschen im Ausland optimistischer auftreten. "Wenn man sie fragt, wie es geht, dann hört man oft ein ,Naja, geht so'", sagte Ostrowski. So etwas komme bei Amerikanern nicht vor.

Überzogene Kritik

Dabei sei die Lage nicht so schlecht, wie sie manchmal gemacht werde. Zum Beispiel bei Bertelsmann: "Wir haben beim Umsatz in diesem Jahr bisher einen Rückgang von rund sechs Prozent, das ist nicht so dramatisch." Im TV-Bereich sei es sogar gelungen, gleichzeitig zu sparen und die Reichweite zu erhöhen. Die Krise sieht Ostrowski als Chance, die Strukturen seines Unternehmens anzupassen. Aber richtig sei: Dafür brauche man ein dickes Fell.

Das gilt auch für Ackermann. "Es ist in der Finanzkrise öfter passiert, dass Vorschläge von mir stark kritisiert wurden", sagt er. Am Ende sei es trotzdem genauso gemacht worden - etwa, als er als einer der ersten gefordert habe, dass der Staat den Banken helfen müsse. Im Moment ist es wieder so bei seinem Vorschlag, einen Notfallfonds zu schaffen, den Banken und Staat gemeinsam finanzieren sollen. Politiker und Aufseher sind entrüstet, dass der Staat schon wieder für die Banken einspringen soll. Ackermann fühlt sich missverstanden: "Der Fonds soll nicht zu Lasten des Steuerzahlers gehen, er ist dazu da, künftig systemische Risiken zu vermeiden." Im übrigen hätten ihn mehrere Regierungen angerufen und Interesse an seinem Vorschlag gezeigt. Sein Vorschlag: "Ruft einfach mal an, fragt, was der Inhalt meiner Vorschläge ist."

Kanzlerin Angela Merkel hat offenbar nicht angerufen. Sie hatte den Bankern am Vortag vorgeworfen, dass "mancher schon wieder ein dicke Lippe riskiert", was offensichtlich an Ackermann adressiert war. "Einfach mal einen Fonds einrichten, finanziert aus Banken- und Steuergeldern, um gewappnet zu sein gegen die nächste Katastrophe, reicht nicht", hatte sich Merkel ereifert.

Nach dem besten Weg aus der Krise suchen Regierungen weltweit. Großbritannien hat Banken, darunter die Royal Bank of Scotland, verstaatlicht. "Wir müssen jetzt zeigen, dass wir unsere Lektion gelernt haben", sagt Deutschland-Chefin Ingrid Hengster dazu. Auch Ackermann beteuerte, dass die Banken keineswegs weitermachten wie vor der Krise. "Dass die Party weitergeht, stimmt so nicht", sagte er. Sein eigenes Institut habe Bilanzsumme und Handelsaktivitäten zurückgefahren, das Eigenkapital erhöht und die Vergütungsrichtlinien angepasst. Ackermann räumte Fehler ein. "Viele Annahmen waren falsch", sagte er. Er könne es verstehen, wenn in der Bevölkerung das Gefühl entstanden sei, das Bankensystem sei "selbstreferenziell" geworden.

Ostrowski sprach sich für die Prinzipien des "ehrbaren Kaufmanns" aus. Dazu gehöre auch, "nur Produkte anzubieten, die man auch selbst versteht". Er appellierte an die Unternehmer, sich wieder mehr auf traditionelle Werte zu besinnen: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit. Das Vertrauen komme dann ganz von selbst zurück.

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Quelle:
SZ vom 23.11.2009/mel
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