Süddeutsche Zeitung

Staatsschulden außer Kontrolle:Moody's senkt Ungarns Bonität auf Schrottniveau

Trotz Hilferufs an den IWF kann Ungarns Premier Viktor Orbán die Ratingagenturen nicht mehr besänftigen: Moody's wertet Staatsanleihen des Landes nur noch als Ramsch, weil die Politik Defizit und Schulden nicht ausreichend reduziert habe. Die Landeswährung Forint verliert rapide an Wert. Orbán fühlt sich als Opfer von "Finanzangriffen".

Ungarns Staatsanleihen sind junk; auf Deutsch: Müll. Zumindest Moody's sieht das so. Die Ratingagentur hat die Kreditwürdigkeit des Landes auf Ramschniveau gesenkt.

Die Analysten begründeten die Herabstufung von Baa3 auf Ba1 unter anderem mit der zunehmenden Unsicherheit, ob Ungarn angesichts eingeschränkter Wachstumsaussichten mittelfristig seinen Staatshaushalt konsolidieren und die öffentlichen Schulden senken könne. Der Ausblick für das EU-Mitgliedsland bleibe negativ. erst am Donnerstag hatte Moody's Konkurrent Fitch die Anleihen Portugals zu Schrott erklärt.

Mit einem schlechten Rating wird es teurer für Staaten, sich Geld zu leihen. Mit der Ramsch-Note wird es quasi unmöglich, für die Tilgung alter Kredite nicht noch weitere Schulden anzuhäufen.

Ungarns vorheriges Rating Baa3 ist die niedrigste Ratingstufe, auf der ein Staatspapier noch als investment grade gilt - also als akzeptabel für eine Investition. Von Ba1 abwärts halten die Agenturen es für möglich, dass Investoren ihr Geld nicht mehr wiederbekommen.

Die Regierung von Premier Viktor Orbán kritisierte die Herabstufung. Der Schritt sei fachlich nicht zu begründen, hieß es am Freitag in einer Erklärung des Wirtschaftsministeriums. Er sei ein Teil der "Finanzangriffe gegen Ungarn".

Die Herabstufung der ungarischen Staatsanleihen war bereits von den Rating-Agenturen angedroht worden, nachdem die Staatsverschuldung vom zweiten zum dritten Quartal dieses Jahres von 75 auf 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen war. Für seine Staatsanleihen musste Ungarn zuletzt mehr als acht Prozent Rendite bieten, um sie zu verkaufen und so an Kapital zu kommen - das ist mehr als das schwächelnde Italien zahlen muss. Erst vor kurzem hatte Ungarn den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die EU um Finanzhilfe gebeten. Bereits im Sommer hatte sich Ungarn in China Geld besorgt.

Ungarn hatte noch am Montag angesichts der drohenden Herabstufung durch die Ratingagenturen IWF und EU um vorsorgliche Finanzhilfen gebeten. Die Regierung Orbán vollzog damit eine Kehrtwende. Seine nationalistisch-populistische Regierung hatte zuvor die Zusammenarbeit mit dem IWF verweigert. Orbáns Partei Fidesz regiert mit absoluter Mehrheit.

János Lázár, Fraktionschef der Partei, sagte, das Land wolle sich weiter selbst Geld am Markt beschaffen. Die internationalen Hilfen dienten als Sicherheitsnetz, um ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent im Jahr zu erreichen.

Die Landeswährung Forint hat im Devisen-Wechselkurs rasant an Wert verloren. Auch in diesem Zusammenhang glaubt die ungarische Regierung, dafür die Schuldigen ausgemacht zu haben: Spekulanten. In jüngster Zeit hätten sie gegen den Forint spekuliert. Die Ermittlungsbehörden seien deshalb angewiesen worden, Nachforschungen anzustellen, sagte ein Regierungssprecher. "Die makroökonomischen Daten geben keinerlei Anlass, gegen den Forint zu wetten", sagte er. Dass die Wirtschaft robust ist, ist zumindest die Version der ungarischen Regierung. Moody's sieht das anders.

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