Süddeutsche Zeitung

iPhone 13:Die Zeit der großen Hypes ist vorbei

Apple-Fans sind enttäuscht: Das neue iPhone 13 bietet nur wenige technische Innovationen. Ist das Smartphone ausentwickelt?

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Das Urteil war schnell gefällt: Die neue iPhone-Generation, schrieben viele Beobachter nach der Präsentation, hätte doch eher 12s heißen müssen statt 13. So hatte es Apple sonst immer gemacht, wenn die neuen Modelle sich zumindest äußerlich kaum von den vorherigen unterschieden. Ein bisschen unfair ist das zwar schon, ein paar Neuerungen stecken schon in den nahezu identischen Gehäusen. Die Verbesserungen aber bewegen sich alle in einem erwartbaren Rahmen und haben viele Beobachter enttäuscht.

Daran ist Apple nicht schuldlos, schließlich präsentiert man sich stets als technologischer Vorreiter. Dieses Mal hatten viele erwartet, Apple könnte eine Verbindung zu einem Satellitennetzwerk einführen, so dass man etwa in Notsituationen mit dem iPhone auch dort um Hilfe rufen kann, wo es kein Mobilfunknetz gibt. Andere hatten darauf gehofft, Apple würde endlich seinen Sonderweg verlassen und wie die übrigen Hersteller auch eine USB-C-Buchse einbauen.

Stattdessen gab es lediglich Verbesserungen in kleineren Schritten. Das zeigt sich auch daran, dass Apple besonders bei den Pro-Modellen vor allem die Kameras hervorhebt. Die gehören in der Tat zum Besten, was der Markt zu bieten hat. Es fehlt allerdings ein Periskop-Teleobjektiv, also eine liegend eingebaute Linse, die größere Brennweiten ermöglicht. Immerhin gibt es eine Makro-Funktion, die es erlaubt, bis zu zwei Zentimeter an ein Objekt heranzurücken.

Wozu die neuen Chips im Bauch der iPhones gut sind, zeigt sich auch viel beim Fotografieren und Filmen. Sie können beispielsweise dafür sorgen, dass beim Filmen automatisch von einer Person auf die andere scharfgestellt wird, wenn die erste sich wegdreht - ein Effekt, den man aus dem Kino kennt. Und um sich vielleicht nicht Hollywood, aber doch Reportern als Immer-Dabei-Kamera anzubieten, können die Pro-iPhones nun auch im Pro-Raw-Format aufzeichnen, das sich in gängigen Schnittprogrammen gut weiterverarbeiten lässt.

Das führt aber zum nächsten Problem: dem Speicherplatz. Wer ausgiebig im Raw-Format filmen will, sollte nicht zu knausrig sein bei der Speicherplatz-Ausstattung. Und wie immer langt Apple hier mächtig hin. Während man eine gute Speicherkarte mit einem Terabyte Platz für 200 bis 250 Euro bekommt, verlangen die Kalifornier satte 580 Euro mehr, wenn man statt der kleinsten Ausstattung von 128 Gigabyte auf ein Terabyte aufrüsten will. Das iPhone 13 Pro kostet dann 1729 Euro, das etwas größere iPhone 13 Pro Max nochmal einen Hunderter mehr.

Dass nun gleich eine Reihe von Kommentatoren sich enttäuscht zeigen, ist ungewohnt für Apple. Es macht allerdings auch deutlich, dass die Zeiten des großen Hypes vorbei sind. Und es zeigt die Gefahr, in die sich der Konzern begibt. Apple hat, man muss das anerkennen, ein ausgezeichnetes Marketing. Doch wer diese Branche ein bisschen kennt, weiß auch, dass die Produkte, die beworben werden, den Anspruch, den das Marketing erhebt, auch erfüllen müssen. Wer sich selbst in den Himmel heben lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Kunden dann auch viel erwarten und womöglich enttäuscht sind, wenn klar wird, dass auch in Cupertino nur mit Wasser gekocht wird.

Größere Entwicklungssprünge gab es schon länger nicht mehr

Wobei man eines nicht unterschlagen sollte: Was ein Smartphone wie das iPhone 13 Pro kann, ist schon erstaunlich. Alleine für die "Hollywood-Funktion" muss jedes Einzelbild daraufhin gecheckt werden, was mit den im Bild erkannten Gesichtern los ist - das leistet erst modernste Chiptechnologie. Bei der ist Apple tatsächlich weit vorne und investiert auch weiter, unter anderem in München, wo an 5G-Chips gearbeitet wird.

Größere Entwicklungssprünge, wie es sie zu Anfang der Smartphone-Entwicklung noch gab, hat man aber schon länger nicht mehr gesehen. Zu einem Teil liegt das sicher daran, dass es außer bei Messungen kaum auffällt, wenn ein Chip soundsoviel Prozent schneller rechnet als sein Vorgänger. Letzterer war schon für die Aufgaben, die er für gewöhnlich zu bewältigen hat, fast übermotorisiert. Manche sind auch der Meinung, das Genre Smartphone sei ausentwickelt, mehr als kleine Verbesserungsschritte kaum noch zu erwarten. Vielleicht ist das so, vielleicht aber wird in irgendwelchen Laboren schon an der nächsten Revolution getüftelt. Zu schnell abschreiben könnte einem auf die Füße fallen: Anfang des 20. Jahrhunderts glaubte man, in der Physik sei alles entdeckt. Dann kam Einstein.

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