Süddeutsche Zeitung

Ökologische Landwirtschaft:Boom, Boom, Bio

Alle reden von Bio. Doch manche Experten sagen, dass positive Effekte der Bio-Landwirtschaft auf Natur und Gesundheit nicht erkennbar seien. Zugleich häufen sich die Klagen von Öko-Bauern, das Überleben werde schwieriger trotz Boom. Nachgefragt bei Bio-Landwirt Andreas Hopf: Was ist los in der Branche?

Als Süddeutsche.de die Recherche zum Thema Ernährung ankündigte, bekamen wir eine Mail von Andreas Hopf. Er arbeite seit knapp 20 Jahren im Bereich ökologische Landwirtschaft, schrieb er. Nunmehr als Verwalter eines Bioland-Ackerbaubetriebes, der der Familie von Gumppenberg in Pöttmes gehöre, also in der Nähe von Augsburg gelegen. Ob wir nicht mal vorbeikommen und uns das anschauen wollten, fragte er. Wollten wir. Denn wir hatten viele Fragen.

SZ.de: Wann haben Sie sich zuletzt über Ihren Job geärgert?

Andreas Hopf: Da gab es im vergangenen Jahr viele Momente, weil das Wetter hinten und vorne nicht gepasst hat. Im Frühsommer regnete es zu oft, wir konnten den Mais und die Sojabohnen nicht rechtzeitig zum Hacken reinfahren. Das Unkraut wuchs uns davon. Ein konventioneller Betrieb kommt dann einfach mit der Spritze.

Jährlich kehren in Deutschland mehr als 400 Betriebe von der Biolandwirtschaft zur konventionellen zurück. Ist das Geschäft so schwierig?

Der größte Teil dieser Betriebe hört ganz mit der Landwirtschaft auf, weil sie entweder keinen Nachfolger haben oder zu klein sind. Das ist im konventionellen Bereich noch viel schlimmer, wo wir einen drastischen Rückgang der Betriebszahlen hatten: Hier in Bayern hat in den vergangenen 20 Jahren fast jeder zweite Betrieb aufgehört. Ein paar wenige Betriebe haben auch einfach keinen Spaß gefunden am Öko-Landbau. Der braucht viel Erfahrung und bringt trotzdem geringere Erträge.

Kann die Bio-Landwirtschaft Betriebe retten, die es im konventionellen Bereich nicht mehr schaffen?

Die Hoffnung ist schon da, weil die Bio-Produkte höhere Preise erzielen und gleichzeitig die Landwirte mit weniger Geld auskommen, weil etwa keine Pflanzenschutzmittel mehr gekauft werden müssen. Doch die Erfahrung lehrt, dass Betriebe, die es konventionell nicht schaffen, auch ökologisch meist baden gehen.

Profitieren die, die nicht baden gehen, dann umso mehr von dem Bioboom?

Über Jahrzehnte hatten die Öko-Betriebe etwas besser als die konventionellen Betriebe abgeschnitten. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Die Öko-Betriebe liegen derzeit etwa gleichauf - im Schnitt verdienten beide Betriebsformen zuletzt etwa 50 000 Euro im Jahr. Speziell im Ackerbau, wozu auch wir gehören, schneiden die Öko-Betriebe allerdings schon schlechter ab. Etwas besser sieht es noch in der Milchwirtschaft aus.

Trotz Boom? Das müssen Sie genauer erklären.

Einerseits kommen immer mehr Bio-Produkte aus dem Ausland. Zugleich schrumpfen die Anbauflächen der Bio-Bauern, weil in den vergangenen fünf bis zehn Jahren der Teil der Ackerfläche, der zum Anbau von Mais für Biogas-Anlagen genutzt wird, stark gewachsen ist. Das hat die Pachtpreise in die Höhe getrieben. Biobauern, die zu wenig eigene Flächen haben, können da nicht mithalten.

Können Sie ein paar Zahlen nennen?

Hier in der Region bei Augsburg lagen die Pachtpreise vor fünf Jahren bei 300 bis 350 Euro pro Hektar, neu verpachtete Flächen liegen zwischen 700 und 1200 Euro. Wenn die Pachtverhältnisse meist nach sechs bis zwölf Jahren verlängert werden, geben viele Bio-Landwirte die Flächen auf. Dann wird da Mais angebaut.

Aber wer kann sich das dann leisten? Ist die konventionelle Landwirtschaft zu Geld gekommen?

Die Preise im konventionellen Bereich haben sich erholt. Das hat die Einkommenssituation deutlich verbessert. Bauern, die Bauland verkaufen, stecken die Einnahmen aus steuerlichen Gründen wieder in Ackerfläche. Das ist vor allem hier in Bayern der Fall.

Und wie sieht es anderswo aus?

In Ostdeutschland kaufen häufig Finanzinvestoren und große niederländische Agrarkonzerne Land. Seit der Wirtschaftskrise 2007 ist viel Kapital aus Angst vor Inflation in Boden geflüchtet. Riesige Flächen werden da von Nicht-Landwirten übernommen, die dann von konventionellen Biogas-Großbetrieben bewirtschaftet werden. Die versprechen eben die höchste Rendite. Und das ist keine kurzfristige Preistreiberei, die Biogasanlagen laufen 20 Jahre lang.

Aber die Landwirtschaft wollte es doch einst genauso haben, als es den Betrieben schlecht ging ...

Die Förderung der Biogas-Anlagen war ein agrarpolitischer Notnagel, als die rot-grüne Regierung vor zehn Jahren mit großen Summen den Anteil der erneuerbaren Energien erhöhen wollte. Speziell in Bayern hatte sich der Bauernverband im Verbund mit der Landesregierung sehr dafür eingesetzt.

Kommen die hohen Preise in den Biomärkten den Bauern zugute?

Die Getreidepreise waren ja auch derart niedrig, dass kein Betrieb mehr davon leben konnte. Damals dachte man, wenn ein Teil der Fläche für die Energieproduktion eingesetzt werden könnte, hätte die Landwirtschaft auch in Bayern wieder eine Chance. Für die Milchviehbetriebe und Getreidebauern ist das nun zum Bumerang geworden.

Nun sagen manche Experten, Bio-Produkte seien eh nicht gesünder und hätten auch für die Natur keinen nennenswerten Vorteile. Brauchen wir Bio überhaupt?

Jede Aussage kann mit einer passenden Statistik untermauert werden. Und so gibt es nun mal genauso Untersuchungen, die zeigen, wie viel mit ökologischer Landwirtschaft erreicht wird. Wir verzichten auf Pflanzenschutzmittel, auf den synthetischen Dünger. Wir bepflanzen Felder nie gleich, sondern haben eine Fruchtfolge. Das macht die Pflanzen widerstandfähiger. Wir leben nicht von der Substanz, sondern versuchen sogar, Humusschichten wieder aufzubauen, die Kohlenstoff binden und damit die CO₂-Bilanz verbessern.

Kommen die hohen Preise in den Bio-Märkten den Bauern zugute oder dem Handel?

Schwer zu sagen. Tendenziell bekommen die Bauern einen etwas höheren Anteil als von den herkömmlichen Supermärkten. Aber es gibt auch im Naturkost-Bereich Firmen, die sehr preisaggressiv arbeiten.

In den Supermärkten sehen die Leute auf den Packungen oft Namen wie Bioland oder Demeter. Die kosten dann noch mehr. Warum?

Das sind Verbände, denen sich Bio-Landwirte anschließen können. Dort gelten strengere Richtlinien als im Standard-Öko-Landbau, etwa, was die Verwendung von Zusatzstoffen angeht. Für die Landwirte kann das bedeuten, dass die Erträge noch geringer ausfallen. Die kompensieren das über höhere Preise.

Es heißt immer, der Geiz der Kunden sei an allem schuld. An der Massentierhaltung, der hemmungslosen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln und den Mühen der Bio-Bauern. Ist das so?

Nein. Die großen Rahmenbedingungen werden von der Politik gemacht. Landwirtschaft ist extrem politisch gesteuert und vorbelastet. Die Verbraucher könnte sicher einen Beitrag leisten, um den Öko-Landbau weiter zu befördern. Aber die Ursache für die ungleichen Verhältnisse liegen in der Politik.

Wenn Sie Landwirtschaftsminister wären - was würden Sie dann ändern?

Ich würde versuchen, die Nebeneffekte, die der konventionelle Anbau mit sich bringt, auf die Preise draufzuschlagen. Wissenschaftler sagen beispielsweise, dass man den Stickstoffdünger besteuern könnte, der eine unglaublich schlechte Energiebilanz hat. Auch das Grundwasser, das verschmutzt wird, ist in dem Preis nicht sichtbar. Die Klimawirkung steckt nicht drin. Die Umweltverschmutzung bei der Produktion von Dünger und Spritzmitteln genauso wenig. Wenn all das in den Preisen berücksichtigt werden würde, müssten die Verbraucher für Bio-Lebensmittel keinen Cent zusätzlich zahlen.

Konventionell zu bio verhält sich also wie Atomenergie zur nachhaltigen Energie?

Genau.

Ansonsten sind Sie zufrieden?

Nicht ganz. Bio bedeutet zwar, dass die Rohstoffe höher bezahlt werden, nicht aber die Arbeit der Landwirte. Wir bräuchten eine Art Fair-Trade-Kampagne für die hiesigen Landwirte. Bislang gibt es das nur für Bauern ärmerer Länder.

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