Süddeutsche Zeitung

Dürre:Brauchen die Bauern wirklich eine Milliarde Soforthilfe?

  • Die Dürre wird bei vielen Landwirten für Einbußen sorgen. Daher fordert der Bauernverband eine Milliarde Euro an Soforthilfe.
  • Agrarforscher sind skeptisch, ob tatsächlich alle Erzeuger Unterstützung benötigen. Schließlich sind die Folgen der Hitze je nach Betrieb und Region unterschiedlich dramatisch.
  • Und sogar manche Bauernvertreter hinterfragen den Ruf nach Geld des Staats kritisch.

Glühende Hitze, verdorrte Äcker, Flüsse und Bäche, die langsam austrocknen - die anhaltende Dürre macht den deutschen Bauern zu schaffen, aber längst nicht allen. Während Getreideerzeuger im Norden und Osten des Landes erhebliche Einbußen verzeichnen und Milchviehhalter über Futtermangel klagen, freuen sich Winzer im Süden auf einen Spitzenjahrgang, Obstbauern pflücken so viele Äpfel, Zwetschgen und Kirschen wie lange nicht - größer könnten die Gegensätze kaum sein.

Noch ist die Ernte nicht abgeschlossen, aber schon jetzt zeichnen sich bei Getreide, Mais und Kartoffeln deutliche Einbußen ab, der Deutsche Bauernverband (DBV) schlägt Alarm. "Betriebe, egal ob Ackerbau oder Viehhaltung, sind hart getroffen, sie brauchen zügig eine Unterstützung, damit sie liquide bleiben und Insolvenzen vermieden werden können", sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied und verlangt eine Milliarde Euro an Soforthilfe, die Politik hat bereits Entgegenkommen signalisiert.

Doch ist es wirklich so schlecht um die Erzeuger bestellt? Das ist zumindest umstritten. Agrarforscher Professor Harald Grethe von der Berliner Humboldt-Universität ist skeptisch: "Die Lage in einigen Landkreisen ist dramatisch, aber das ist nicht in allen Betrieben der Fall und auch nicht überall in Deutschland." Seiner Ansicht nach ist es zu früh für Entscheidungen über pauschale Subventionen. "Wir müssen erst einmal die Erntebilanz abwarten", sagte Grethe, der dem wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik und Ernährung in Julia Klöckners Agrarministerium vorsitzt. Professor Friedhelm Taube von der Universität Kiel teilt diese Einschätzung. Er hält Rukwieds Forderungen für unseriös. Weizenpreise seien jetzt schon um 25 Prozent höher als vor einem Jahr, das gleiche die geringere Ernte zum Teil aus.

Matthias Zentgraf ist einer der Landwirte, die die Trockenheit hart trifft. Der Hof seiner Familie liegt in der Rhön, im Grenzgebiet zwischen Hessen, Thüringen und Bayern. Ein typischer Nebenerwerbsbetrieb, in dem alle mit anfassen. Auf sechs Hektar Land baut Zentgraf Kartoffeln an. Dazu hält er 60 Rhön-Kartoffelschweine, die auf der Liste der bedrohten Nutztierrassen stehen. Die Tiere werden auf Stroh gehalten, haben Auslauf ins Freie.

Die ersten Proben auf dem Feld hat er bereits gezogen. "Ich rechne mit 50 Prozent weniger Kartoffeln als im letzten Jahr", sagt der 47-Jährige. Die Dürre wirke sich extrem aus, in den Hanglagen gebe es keine Möglichkeit zu bewässern. Dennoch bleibt er gelassen. Von einem Katastrophenjahr will er nichts wissen. "Das derzeitige Gerede, auch über die Verluste bei Getreide, halte ich für übertrieben." Dass er sich mit solchen Sätzen nicht beliebt macht, weiß er. Auch Zentgraf ist Mitglied im Bauernverband. Viele sehen das anders, vor allem diejenigen, die viel investiert haben in neue Ställe, Maschinen, Tiere. Bricht die Ernte weg, fehlt ihnen das Geld, um Kredite abzuzahlen.

60 Milliarden Euro zahlt die EU an Europas Bauern pro Jahr aus

Zurückhaltend gibt sich auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der kleine Bruder des Bauernverbands: "Wir sehen zwar, dass die Betriebe erhebliche Einkommensverluste erleiden werden, sehen da aber nicht den Staat an erster Stelle. In guten Jahren geben die Bauern ja auch nichts an den Staat ab", sagt Ulrich Jasper von der AbL. Wichtiger sei es, dass die Erzeuger vom Handel mehr für Getreide, Milch und Fleisch bekommen. Auch Zentgraf will seine geringere Kartoffelausbeute teilweise durch höhere Preise kompensieren. Mehr als zehn bis 15 Prozent Aufschlag seien aber nicht drin, meint er. Der Rest sei unternehmerisches Risiko. Dafür hat er ein zweites Standbein, er bietet EDV-Dienstleistungen an.

Der Streit um Soforthilfen wirft auch die Frage auf, wie viel Landwirte verdienen und wer das Geld der Steuerzahler wirklich dringend braucht. Laut Statistik des Bauernverbandes liegt der Ertrag eines durchschnittlichen Agrarbetriebs bei 56 000 Euro. Er stammt zur Hälfte aus dem Verkauf von Milch, Getreide, Fleisch und anderen Erzeugnissen. Knapp 50 Prozent, genau 25 600 Euro, kommen vom Staat in Form von Subventionen. 60 Milliarden Euro zahlt die EU an Europas Bauern pro Jahr aus, nach Deutschland gehen davon mehr als sechs Milliarden.

Gerade Biobauern stehen gut da

Über die Ertragslage einzelner Betriebe sagt das freilich wenig aus. Die hängt zum einen davon ab, wie gut die Betriebe wirtschaften, zum anderen von der allgemeinen Marktlage. Ein Hof, der gut dasteht, ist resistenter gegen Krisen. "Wenn Betriebe jetzt wegen der Dürre in wirtschaftliche Not geraten, dann hatten sie auch schon vorher massive Probleme", meint Agrarforscher Taube. Einmalzahlungen wären in dem Fall keine echte Hilfe.

Überraschend ist, dass gerade Biobauern zu den Gutverdienern in der Landwirtschaft zählen. Die Buchhaltungsdaten, die das Thünen-Institut erfasst und auswertet, zeigen, warum: Ökoerzeuger ernten zwar weniger Getreide je Hektar und verkaufen weniger Fleisch und Milch als ihre konventionell arbeitenden Kollegen. Das machen sie jedoch wett durch geringere Kosten. Unter anderem verzichten sie auf Pestizide und Kunstdünger. Biomilcherzeuger holen ihr Grünfutter von eigenen Wiesen und müssen weniger zukaufen. Das spart Geld, bringt aber so manchen Ökobetrieb in diesem Sommer in Not, weil nicht genug Gras wächst.

Ökogetreideerzeuger haben derzeit einen kleinen Vorteil. Die Trockenheit setzt Biogetreide weniger zu als konventionellen Hochleistungssorten. Es ist besser im Boden verwurzelt und hat weniger Korn auf der Ähre. Bei Hitzestress braucht die Pflanze weniger Wasser. Die Ernteverluste fallen vermutlich also nicht ganz so hoch aus. "Die beste Versicherung ist die Vielfalt", sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstand des Ökobauernverbands BÖLW. Wer statt zwei oder drei mindestens sechs verschiedene Pflanzenkulturen anbaue, könne es sich auch mal leisten, dass eine oder zwei ausfallen.

25 600 Euro

So viel staatliche Beihilfen bekommt ein durchschnittlicher landwirtschaftlicher Betrieb im Jahr. In der Regeln macht das knapp die Hälfte der Einkünfte aus. Finanziert wird die Beihilfe von den Steuerzahlern in der EU. Am wichtigsten für die Erzeuger ist die Flächenprämie. Sie liegt bei knapp 300 Euro je Hektar.

Mit zehn Prozent aber ist der Anteil der Biobauern in Deutschland nach wie vor relativ gering. In Österreich, Schweden oder Italien liegt er deutlich höher. Jürn Sanders vom Thünen-Institut erklärt das so: "Deutsche Jungbauern finden Ökolandbau nicht gerade hip." Das liege zum einen an Vorurteilen, zum anderen aber auch an der Ausbildung, die nach wie vor traditionell ausgerichtet ist. "Wer umstellen will, lässt sich das ein paar Jahre durch den Kopf gehen, das ist ein großer Schritt."

Noch besser als die Biobauern haben zuletzt Schweinehalter und Ferkelzüchter verdient, mit einem Betriebsertrag von 85 000 Euro im Schnitt. Doch auch sie rechnen 2018 mit steigenden Futterpreisen, zudem ist der Markt für starke Preisschwankungen bekannt.

Subventionen werden pünktlich überwiesen, egal wie das Wetter war

Die Frage der Nothilfen bringt auch wieder die Debatte über die hohen Subventionen in Schwung. Den größten Teil machen Direktzahlungen der EU aus. Sie liegen bei knapp 300 Euro je Hektar Fläche und sind nicht an Auflagen gebunden. Zusätzliches Geld gibt es für Umweltschutzmaßnahmen wie Blühstreifen am Feldrand, für Agrardiesel oder Magerwiesen, die wenig Ertrag liefern. Ein kleiner Betrieb wie der von Zentgraf bekommt für seine sechs Hektar Kartoffelacker genau 2087 Euro Subventionen. Wie viel im Einzelnen und von wem genau, das hat er ins Internet gestellt, damit es jeder lesen kann. Das ist ungewöhnlich in einer Branche, die so sensible Daten lieber für sich behält. Einmal im Jahr veröffentlichen EU und Bundesregierung Daten, die zeigen, wohin das Geld der Steuerzahler fließt: Große Betriebe mit viel Land können eine Million Euro und mehr kassieren - Geld vom Staat, das jedes Jahr auf dem Konto landet, unabhängig von Wetter- und Marktlage.

Umweltverbände und Grüne fordern schon länger, diese Mittel stärker an Gegenleistungen zu knüpfen zum Schutz von Klima, Umwelt, Tieren und Artenvielfalt. Der Bauernverband lehnt das ab. Das gilt auch für Einschnitte, die nach dem Austritt der Briten aus der EU drohen. "Wenn wir die Zahlungen kürzen, schwächen wir automatisch auch den ländlichen Raum - und 70 Prozent Europas bestehen aus ländlichem Raum", warnt Bauernpräsident Rukwied.

Wie es nun für die Landwirte weitergeht, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Eine erste schnelle Hilfe ist Sache der Länder, und die gibt es in der Regel nur bei Ertragseinbußen von mehr als 30 Prozent. Der Bund darf nur einspringen, wenn ein landesweiter Notstand festgestellt wird, doch danach sieht es derzeit nicht aus. Erste belastbare Zahlen liefert der Erntebericht, der Ende August vorliegt. Auch die EU hat Hilfe versprochen, Landwirte erhalten ihre Subventionen früher als sonst, also bereits im Oktober.

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SZ vom 04.08.2018/been
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