Süddeutsche Zeitung

Klaus Steilmann:Mode für Millionen, nicht für Millionäre

Unternehmer Klaus Steilmann war Vorbild einer ganzen Gründergeneration und verlor sein Lebenswerk. Jetzt ist er gestorben.

Stefan Weber

Einer seiner Freunde, der ahnte, wie schlimm es um die Firma stand, hatte im Frühjahr 2006 hinter vorgehaltener Hand geflüstert: "Hoffentlich muss Klaus nicht mehr erleben, wie der Laden pleitegeht." Klaus, das war Klaus Steilmann, der aus einer kleinen Näherei in Wattenscheid den zeitweise größten Bekleidungskonzern in Europa geformt hatte: ein familieneigenes Unternehmen mit weltweit mehr als 100 Werken, über 18.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,8 Milliarden Mark zu Beginn der neunziger Jahre.

Die Insolvenz konnte die Modegruppe damals abwenden. Aber der Preis war hoch: Mit 77 Jahren musste Steilmann, der Patriarch, der Wirtschaftswundermann, im Herbst 2006 erleben, wie die wenigen verbliebenen Reste seines Modeimperiums in die Hände des italienischen Radici-Konzerns fielen. Bereits im Sommer 2003 waren größere Teile seiner Firma an den Konkurrenten aus Bergamo gegangen.

"Ich sehe da nichts, worüber ich mich freuen könnte. Für mich ist das Kapitel Textil abgeschlossen", kommentierte Steilmann den Eigentümerwechsel. In der Nacht zu Samstag ist der Unternehmer, der wie Max Grundig oder Josef Neckermann zu den Legenden der Wirtschaftswunderzeit gehört, im Alter von 80 Jahren gestorben.

Ein weißes Trikot als Lieblingsstück

Wer Klaus Steilmann zu den besten Zeiten seiner Modegruppe besuchte, musste kein Spalier von Vorzimmerdamen passieren. Der Chef empfing persönlich, führte in sein schmuckloses Büro, vorbei an mannshohen Glasvitrinen mit glitzernden Pokalen und anderen Fußball-Devotionalien. Eines seiner liebsten Stücke war ein weißes Trikot des damaligen Bundesligisten Wattenscheid 09, dessen Präsident und Mäzen Steilmann viele Jahre war.

Das Leibchen hatte die Rückennummer zehn, und sein Name stand darauf. Heute spielen die 09-Kicker in der fünften, der NRW-Liga - ihr Absturz ist eine bittere Parallele zum Werdegang der Textilgruppe.

Die liebsten Besucher waren Steilmann diejenigen, mit denen er nicht nur über Mode, sondern auch über Fußball plaudern konnte. Die Nähe zu dem Ballsport zeigte, dass der bodenständige Unternehmer dem in der Modewelt weit verbreiteten "Schicki-Micki" nichts abgewinnen konnte. Er wollte Mode für Millionen, nicht für Millionäre machen.

Verzicht auf eine eigene Marke

Nach einer Lehre als Industriekaufmann bei C&A in Berlin und ersten Berufserfahrungen bei einem Essener Kleiderfabrikanten hatte Steilmann 1958 den Sprung in die Selbständigkeit gewagt: Mit geliehenen 40.000 Mark erwarb er eine kleinere Näherei in Wattenscheid und produzierte mit 40 Mitarbeitern Damenmäntel und Kostüme.

Zu Beginn der sechziger Jahre weitete er sein Sortiment auf Kleider, Röcke, Blusen, Hosen und Mädchenbekleidung aus. Und seine Kollektionen waren gefragt. 1970 setzte die Gruppe bereits 110 Millionen Mark um; 1985 waren es 1,1 Milliarden Mark. Anders als viele Konkurrenten verzichtete Steilmann auf eine eigene Marke. Er fertigte immer nur für Dritte: C&A, Peek & Cloppenburg, Karstadt, Kaufhof, Marks & Spencer - viele große Ketten zählten zu seinen Kunden. "Steilmann macht den Stil, den Millionen Frauen tragen können.

Steilmann macht den Preis, den Millionen Frauen bezahlen können" - dieses Versprechen löste der Modeunternehmer aus dem Ruhrgebiet lange Zeit ein. Dank eines guten Gespürs für Trends, hoher Flexibilität und kostengünstiger Fertigung hatte die Gruppe auch im Ausland großen Erfolg. Bald war von einer Umwandlung in eine Aktiengesellschaft die Rede, auch über einen Börsengang wurde spekuliert. So weit ist es nie gekommen.

Nachfolge zu spät gerregelt

Ein Fehler von Steilmann war, zu lange an der teuren Fertigung in Deutschland festzuhalten, anstatt wie die Konkurrenten in Osteuropa oder Asien schneidern zu lassen. Weggefährten, die es gut mit ihm meinten, sagen, er habe aus Verbundenheit zu den Mitarbeitern gehandelt. Er, der nicht hinnehmen wollte, dass Wattenscheid einst zu Bochum eingemeindet wurde und sein Auto fortan in Essen anmeldete, habe den Menschen nicht ihren Job nehmen wollen.

Steilmanns größtes Versäumnis war es, nicht frühzeitig seine Nachfolge zu regeln. Zweimal ließ er externe Manager ans Ruder - beide scheiterten. Seine älteste Tochter Britta, die erklärte Kronprinzessin, verließ das Unternehmen 1999 Knall auf Fall. Sie hatte die Kollektion auf höhere modische und preisliche Ansprüche umstellen wollen. Auch hatte sie Pläne für eigene Marken. Aber für diese Ideen gab es bei den Eltern und den beiden Schwestern keine Mehrheit. Das war die Zeit, als Magazine in der Familiengeschichte eine Art Dallas im Ruhrgebiet sahen.

Tochter gab nach Sanierung auf

Zwei Jahre später, im August 2001, übernahm Britta Steilmann dann doch das Ruder. Ihr kesser Spruch, wonach in der Firma künftig nur einer, nämlich sie, "die Mütze" anhabe, zeigte die neue Rollenverteilung. Klaus Steilmann hatte sich auf die Rolle des Beiratsvorsitzenden zurückgezogen.

Doch 2003 warf die Tochter erneut die Brocken hin. Zuvor hatte sie das Unternehmen stark umgekrempelt, viele Stellen in Deutschland gestrichen und zum Abschied verlauten lassen, die Sanierung sei weitgehend abgeschlossen. Das war entweder eine grandiose Fehleinschätzung oder Blendwerk. Fünf Monate später stieg die Radici-Gruppe bei Steilmann ein. Geschäftsführer Klaus Friedrich sagte: "Ich empfinde dies alles hier persönlich und menschlich als Katastrophe."

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SZ vom 16.11.2009/tjon
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