Süddeutsche Zeitung

Karstadt und Kaufhof:Warenhäuser sind so wunderbar uncool

Lesezeit: 4 min

Karstadt und Kaufhof haben ein muffiges Image. Leider täuscht das über die vielen Vorzüge hinweg, die diese Läden bieten. Vier Lobreden auf eine deutsche Institution.

Von Janis Beenen, Valentin Dornis, Ekaterina Kel und Felicitas Wilke

Karstadt und Kaufhof, die letzten großen Warenhauskonzerne in Deutschland, legen ihre Geschäfte zusammen. Das ist seit vergangener Woche klar. Weniger klar ist, vor welcher Zukunft die Läden stehen. Beide Unternehmen haben viel zu wenig junge Kunden. Das Image der Läden ist eher muffig als modern, das Internet eine riesige Konkurrenz. Allerdings es gibt durchaus Argumente, die für einen Besuch im Warenhaus sprechen, finden unsere Autoren. Vier Lobreden auf das Warenhaus.

Sitzt wie angegossen

Der latent füllige Mann hat schon lange ein Problem. Schließlich sind seit Jahren ausschließlich eng geschnittene Jeans im Trend und somit im Sortiment der jungen Marken. Mode-Experten mögen widersprechen, doch für den Betroffenen gilt die gefühlte Wahrheit.

Froh ist der Unbewegliche, der ein passendes Modell gefunden hat - das auch noch Saison für Saison verlässlich produziert wird. Vorbei ist die quälende Suche, immer wieder kann er diese Hose nun kaufen. Freilich in verschiedenen Blautönen, damit die Schmach maximal Freundin und Mutter auffällt. Für Freunde und Kollegen ist die einfältige Wahl nicht zu erkennen. "Wow, wo bekommt er immer diese geschmackvollen Teile her?", ist wohl eher ihr häufigster Gedanke.

Das Schönste an dieser Lösung ist, dass sie jeden Umzug überlebt. Besagte Jeans gibt es in allen Filialen einer großen deutschen Kaufhaus-Kette - immer, zu jeder Jahreszeit. Was für ein beruhigendes Gefühl! Ob Krefeld, Dortmund, Frankfurt oder München: Verlässlich liegt der Stapel etwas versteckt im hinteren Eck der Herrenmode, aber der geplagte Kunde kennt den Weg dorthin. Dafür muss man das scheinbar antiquierte Einkaufsparadies einfach lieben. Wo findet man im Leben noch solche Konstanz, solche Verlässlichkeit? Das macht das Kaufhaus unverzichtbar, erfolgreich trotzt es hektischem Wandel.

Bestimmt drängt sich den Kleinlichen angesichts dieser Anekdote eine Frage auf: Warum kauft er die Jeans nicht einfach immer im Internet? Stöbern und anprobieren muss er doch ohnehin nicht. Gegenfrage: Warum sollte er? Wie unkreativ und langweilig!

Janis Beenen

Schön uncool

Eigentlich ist das Konzept der Kaufhäuser hochmodern. Wie beim Internethändler Amazon findet man als Kundin dort alles an einem Ort, einzig eine Rolltreppe trennt Büroklammern von Teekannen und Schminke von Socken. Jetzt lässt sich selbstverständlich einwenden: Um bequem einzukaufen und sich lange Wege zu sparen, kann die zeitökonomisch denkende Kundin gleich online einkaufen.

Dann jedoch entginge ihr die Möglichkeit, das zu tun, was die fränkische Großmutter immer als "gruschen" bezeichnete. Das Verb lässt sich ungefähr mit "gucken, anfassen und herumwühlen" beschreiben. Ganz konkret bedeutet das im Kaufhaus, die Farbe des Lippenstifts auf dem Handrücken zu testen, die Strumpfhose auf ihre Reißfestigkeit zu prüfen und durch die Grußkarten in der kaufhauseigenen Papeterie zu stöbern. Als Endzwanzigerin ist man schließlich jedes zweite Wochenende auf einer Hochzeit eingeladen.

Bei all diesen Aktivitäten ist das Kaufhaus ein uncooler Ort im besten Sinne. Es dröhnt keine laute Musik aus den Boxen, während man in der Umkleide steht, es zieht kein penetrantes Raumparfüm in die Nase. Daher verraten sich die Kaufhäuser auch ein bisschen selbst, wenn sie ihre Verkaufsflächen jetzt vermehrt für hippe Marken frei räumen. Die bekommt man auch woanders.

Die echte Kaufhausfreundin lässt den Shop-in-Shop links liegen, nimmt die Rolltreppe bis ganz nach oben in die Cafeteria und freut sich, dass an diesem einen Ort zur Abwechslung mal Mahlzeiten ohne Goji-Beeren, Quinoa oder Matcha serviert werden. Darauf ein Schweineschnitzel mit Pommes rot-weiß!

Felicitas Wilke

Das besondere Konsumklima

Bitte warten!

Im Winter ist es schön warm und im Sommer angenehm kühl. In jedem Fall ist das Klima im Kaufhaus besser als draußen, und das ist Grund genug, hinein zu gehen. Wer sich in einer größeren deutschen Stadt die Zeit vertreiben muss, kann sich im Kaufhaus umschauen. Deshalb sieht man dort häufiger junge Menschen, die ziellos durch die Gänge streifen, etwas in die Hand nehmen, es von allen Seiten bestaunen und dann zurück ins Regal sortieren. Wo sich das ältere Ehepaar ausführlich beraten lässt, ob es nun das Besteck für 300 oder für 400 Euro kaufen sollte, haben einige, meist jüngere Kaufhausbesucher gar nicht im Sinn, Geld da zu lassen.

Sie nutzen nur die Möglichkeit, alles an einem Ort mal anschauen zu können, und nicht erst im Haushaltswaren-, dann im Schreibwaren-, im Kleidungs-, im Schmuck- und dann im Parfümladen auf die gleiche Weise ziellos zu stöbern. Denn eigentlich irrt man ja im zentral gelegenen Kaufhaus nur herum, um die Zeit zu vertreiben, bis der Termin ansteht oder der Zug kommt. Und wenn es soweit ist, hat es noch einen Vorteil, dass alles in einem einzigen Laden konzentriert ist: Beim Hinausgehen muss man nur einmal diesen seltsamen Moment durchleben, in dem man mit leeren Händen durch die Sicherheitsschranke marschiert, obwohl man sich stundenlang im Geschäft aufhielt. Man versucht dann möglichst unauffällig auszusehen und nicht wie ein Ladendieb, was sehr schwierig ist, wenn man es so angestrengt versucht. Aber man möchte ja wiederkommen dürfen. Um zu stöbern, wenn man wieder die Zeit herumkriegen muss.

Valentin Dornis

Angefasst

Ohne die Fans der Sommerhitze enttäuschen zu wollen: Weihnachten kommt schneller, als einem lieb ist. Und dann braucht man wieder ein Geschenk für Oma und Opa. Was tun? Die meisten werden ihre Großeltern nicht so gut kennen, um sofort eine kreative Idee für ein persönliches Geschenk zu haben. Und auch keine Zeit, um eines mit viel Liebe zu basteln. Aber eine schöne Geste möchte man den Guten schon machen, das sagt einem zumindest das Gewissen. Und egal, wie altmodisch große Warenhäuser sein mögen - dass sie praktisch sind, kann ihnen keiner absprechen. Man kann solange bei Online-Händlern Suchergebnisse filtern wie man will und nachts um zwei aus Verzweiflung irgendetwas Beliebiges im virtuellen Warenkorb ansammeln - am Ende ist es immer der physische Gang in den Laden, der in solchen Situationen am besten hilft.

Dort finden sich Topflappen und Handtücher, Vasen und Pfannenwender - ja, natürlich, das sind auch keine Geschenk-Revolutionen. Aber mal ehrlich: Jeder braucht doch mal etwas Neues im Haushalt. Der materielle Auftritt auf dem Warentisch lädt diese Objekte mit dem richtigen Lebensgefühl auf. Wie wird Opa diese Zitronenpresse wohl aus dem Schrank holen? In dem Moment, in dem man vor ihr steht und sie in die Hand nimmt, entsteht ein einmaliges Erlebnis: Entscheidung gefällt! Die vielen wertvollen Stunden vor dem Bildschirm verkürzt, gleichzeitig die Treffsicherheit optimiert und die besonders um die Weihnachtszeit herum strapazierten Nerven geschont. Denn verpacken lässt sich der Topflappen direkt ein Stockwerk weiter.

Ekaterina Kel

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Quelle:
SZ vom 10.09.2018/jps
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