Süddeutsche Zeitung

Bundesbank:Warum Bundesbank-Präsident Weidmann hinwirft

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Eigentlich läuft sein Vertrag noch bis 2027, doch Jens Weidmann gibt sein Amt vorzeitig ab. Der Bundesbanker sieht für sich keine Zukunft mehr im EZB-Rat - wegen des Streitthemas Inflation.

Von Cerstin Gammelin, Berlin, und Markus Zydra, Frankfurt

Der große Johann Wolfgang von Goethe hat es auch Jens Weidmann angetan. In einer fulminanten Rede erzählte der bald scheidende Bundesbankpräsident einmal von der Geldschöpfungsszene aus dem ersten Akt von "Faust II", zitierte Teile des Dialogs zwischen dem als Narren verkleideten Mephisto und dem von akuten Geldnöten geplagten Kaiser. Der Zeitpunkt des Vortrags im Herbst 2012 war geschickt gewählt. Die Euro-Zone stand vor dem finanziellen Kollaps, und EZB-Präsident Mario Draghi hatte seine lockere "Whatever it takes"-Geldpolitik gegen die Stimme von Weidmann im EZB-Rat durchgesetzt. Wie reagierte der gewiefte Bundesbankchef? Mit Goethe holte er sich einen unumstrittenen Kronzeugen an die Seite, der "den potenziell gefährlichen Zusammenhang von Papiergeldschöpfung, Staatsfinanzierung und Inflation in Faust II" hervorragend beleuchtete.

Nun hat Weidmann beschlossen, sein Amt als Bundesbankpräsident zum Jahresende abzugeben. Er verweist auf "persönliche Gründe", aber es geht wohl um mehr. Goethes Warnung im "Faust II", so seine Befürchtung, wird von der EZB immer noch nicht beherzigt. Die Inflationsraten in der Euro-Zone steigen wie lange nicht. Doch wird die EZB im Ernstfall schnell den Schalter umlegen und die lockere Geldpolitik beenden? Wohl kaum, befürchtete er offenbar: Für einen solchen Schritt fehlen Weidmann im EZB-Rat genügend Mitstreiter, die ticken wie er. Zu seinem Abschied warnt der Bundesbankchef, die EZB solle "Inflationsgefahren nicht aus dem Blick (...) verlieren".

Das Interessante bei der Wahl des Nachfolgers oder der Nachfolgerin wird sein, ob die neue Bundesbankspitze einen neuen Kurs einschlagen soll. Und auch, ob sich die neue Koalition strategisch schon auf die Nachfolge von Lagarde in sechs Jahren vorbereitet. In diesem Fall wäre es klug, EZB-Direktorin Isabel Schnabel zur Nachfolgerin von Jens Weidmann zu machen. Sie hätte gute Chancen, aus diesem Amt heraus in sechs Jahren Lagarde zu beerben. Schnabel ist keiner Partei zuzurechnen und gilt daher als gut kompatibel.

Als aussichtsreicher Kandidat gilt auch Jörg Kukies. Olaf Scholz hatte den früheren Co-Deutschland-Chef von Goldman Sachs 2018 zu seinem Staatssekretär für Finanzen und Europa gemacht. In den vergangenen drei Jahren hat er viele europäische Entscheidungen, etwa zur Bankenunion, mit verhandelt. Im Gespräch ist zudem Claudia Buch, Vizechefin der Bundesbank. Ihre Chancen werden jedoch gering bewertet. Sie gilt als fachlich höchst versiert, zugleich aber als sehr zurückhaltend.

Notenbanken können als Institution grenzenlos Geld beschaffen, ein Knopfdruck reicht. Es ist eine magische Fähigkeit. Sie ist aber auch gefährlich, denn am Ende droht die Inflation. Die Befürchtung, dass sich die EZB von den Finanzministern der Euro-Zone instrumentalisieren lassen könnte, hat Weidmann in seinen mehr als zehn Jahren als Bundesbankpräsident ständig beschäftigt. Statt zu Hause dringende Reformen durchzusetzen, hofften diese Länder auf Nullzinsen und Anleihekäufe aus Frankfurt.

Im Kern geht es bei der EZB seit Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 immer um dieselbe Streitfrage: Wie locker darf Geldpolitik sein? Weidmann votierte im EZB-Rat als Einziger gegen Draghis "Whatever it takes"-Versprechen. Der italienische EZB-Präsident konnte mit seiner berühmten Londoner Rede 2012 den Kollaps der Währungsunion verhindern. Die Finanzmärkte hatten bereits begonnen, auf das Ende der Gemeinschaftswährung zu wetten.

Draghis Replik auf den deutschen Kollegen: Man könne nicht "Nein zu allem" sagen. Weidmann fühlte sich zu Unrecht angegriffen. Der Bundesbankpräsident hatte von Anfang an befürchtet, dass die EZB ihre lockere Geldpolitik kaum beenden könne. Der Suchtfaktor an den Finanzmärkten und in den Euro-Staaten werde mit der Zeit immer größer. "Faust II" lässt grüßen.

Weidmann sieht sich in seiner Einschätzung bestätigt: Die EZB pumpt nun seit einem Jahrzehnt Billionen Euro in die Finanzmärkte. Es gab immer neue Gründe, zuletzt, um die Folgen der Corona-Pandemie zu mildern. Inzwischen steigen die Preise stark an, in der Euro-Zone über drei, in Deutschland über vier Prozent. Die meisten Notenbanker in der EZB sind davon überzeugt, dass dieser Preisschub vorübergehe. Doch was geschieht, wenn die Inflation weiter anzieht? Weidmann meint, dann müsse die Nullzinspolitik beendet werden. Doch das scheint nicht mehrheitsfähig zu sein.

Weidmann steht seit 2011 an der Spitze der Bundesbank, sein Vertrag läuft noch bis 2027. Er hat in seiner Amtszeit intern das Diskussionsklima verbessert und abweichende Meinungen zu Fachthemen eingefordert. Auch in der Außerdarstellung ging Weidmann neue Wege. So ließ er sich auf Podien mitunter duzen und spielte vor der Kamera Fußball. Solcherlei Aktionen galten für einen Bundesbankpräsidenten früher als unvorstellbar. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte am Mittwoch, sie habe "Respekt vor Jens Weidmanns Entscheidung, nach mehr als zehn Jahren im Amt von seiner Position als Präsident der Deutschen Bundesbank zurückzutreten, doch ich bedauere seine Entscheidung auch zutiefst. Jens ist ein guter persönlicher Freund, auf dessen Loyalität ich jederzeit zählen konnte." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Weidmann einst als Wirtschaftsberater ins Kanzleramt holte, dankte ihm für seine Arbeit "in diesen währungspolitisch und finanzpolitisch sehr herausfordernden Jahren seiner Amtszeit". Regierungssprecher Steffen Seibert teilte mit, es sei Aufgabe der kommenden Bundesregierung, "einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden".

Weidmanns Entscheidung zum Rückzug ist dem Vernehmen nach in den vergangenen Monaten gereift. Er wollte mit der Bekanntgabe bis nach der Bundestagswahl warten. Der scheidende Bundesbankpräsident muss von Januar an in eine zweijährige Cooling-off-Periode. In dieser Zeit darf er keine Jobs in der Finanzwirtschaft annehmen. Weidmann wird wie ein politischer Beamter in den Ruhestand versetzt und erhält einen bestimmten Prozentsatz seiner Bezüge als Pension. Ein neues Jobangebot, so ist zu hören, liegt ihm nicht vor.

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