Süddeutsche Zeitung

Insolvente Airline:Insider befürchten bei Air Berlin schon bald erste Flugausfälle

  • Schon an diesem Mittwoch soll der Gläubigerausschuss von Air Berlin die Aufspaltung des Unternehmens beschließen - und den Verkauf von Niki an die Lufthansa genehmigen.
  • Die Zeit drängt: Insider befürchten, dass Air Berlin aus Geldmangel schon bald erste Flüge streichen muss.
  • Kann die Airline den Flugbetrieb nicht aufrecht erhalten, sind auch die Flug-Slots für Lufthansa und Easyjet in Gefahr.

Von Jens Flottau

Alles muss nun schnell gehen. Schon in seiner ersten Sitzung soll der Gläubigerausschuss der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin nichts weniger als die Aufspaltung des Unternehmens beschließen. Also an diesem Mittwoch schon. Nach SZ-Informationen laufen Verhandlungen über eine Absichtserklärung zum Verkauf der österreichischen Tochtergesellschaft Niki an den bisherigen Erz-Rivalen Lufthansa. Eine Zustimmung des vom Insolvenzgericht benannten Ausschusses gilt angesichts der prekären Finanzlage der Air Berlin als wahrscheinlich. Denn mit der Situation vertraute Insider befürchten, dass Air Berlin trotz des Brückenkredits der Bundesregierung, immerhin 150 Millionen Euro, schon bald Flüge aus Geldmangel streichen muss. Es ist also ein Wettlauf gegen die Zeit.

Der Verkauf von Niki wäre der erste Schritt für den von Lufthansa angestrebten und von der Bundesregierung stark unterstützten Transfer eines möglichst großen Teils der Air Berlin an ihren Konkurrenten. Dem Vernehmen nach ist Lufthansa bereit, einen vergleichsweise hohen Kaufpreis für Niki zu zahlen. Die österreichische Airline sei ein separates und nicht insolventes Unternehmen mit intaktem Flugbetrieb, heißt es, und verfüge über wertvolle Slots an den Flughäfen Düsseldorf und Berlin. Politisch bedeutsam ist der Verkauf wohl auch deshalb, weil mit dem Erlös der Brückenkredit der Bundesregierung bedient werden kann. Damit hätte sie das vorgestreckte Geld schon nach wenigen Tagen, vor allem aber vor der Bundestagswahl, wieder zurückerhalten.

Trotz der erwarteten Zustimmung des Gläubigerausschusses steht der Transfer aber noch auf Messers Schneide. Beteiligte warnen vor der Gefahr, dass Air Berlin Teile ihres Flugbetriebes schon bald nicht mehr aufrechterhalten könnte. Denn die insolvente Fluggesellschaft kann zwar auf den Kredit zurückgreifen, hat aber dem Vernehmen nach keinen Zugang auf Umsätze aus Vorausbuchungen für künftige Flüge. Diese landen auf einem neutralen Konto, um sicherzustellen, dass Kunden ihr Geld zurückbekommen, falls Flüge gestrichen werden.

Diese Regelung verschärft offenbar die Geldknappheit des Unternehmens. Es muss zwar einen Großteil der Löhne nicht mehr bezahlen und die Schulden in Höhe von fast 1,5 Milliarden Euro nicht mehr bedienen. Doch die operativen Kosten schlagen zu Buche: Viele Lieferanten und Flughäfen verlangen mittlerweile Vorkasse. Air Berlin versucht, mit Billigangeboten trotzdem Kunden an Bord zu locken: innerdeutsche Hin- und Rückflüge für 79 Euro und USA-Verbindungen für 333 Euro. Dennoch trauen sich viele Reisende nicht mehr, Air Berlin zu buchen.

Hans-Rudolf Wöhrl werden nur geringe Chancen eingeräumt

Neben Lufthansa gilt auch die britische Billigfluggesellschaft Easyjet als Interessent an Air Berlin. Branchenkreisen zufolge sind die Briten vor allem daran interessiert, ihre Basis in Berlin zu vergrößern. Allerdings will sie dem Vernehmen nach nur einen kleineren Teil der Flotte übernehmen.

Air Berlin und ihre Tochtergesellschaften verfügten zuletzt über rund 140 Maschinen. Lufthansa hofft, bis zu 90 davon bei ihrer Billigtochter Eurowings weiterbetreiben zu können. Zwischen 30 und 40 Jets würden aber voraussichtlich ganz vom Markt verschwinden. Auch TUIfly und Condor haben wohl Interesse, es gilt aber als sehr unwahrscheinlich, dass sie Flugzeuge übernehmen. Der Unternehmer Hans-Rudolf Wöhrl dagegen will Air Berlin als Ganzes kaufen. Seinem Vorschlag werden indes, vor allem wegen der Zeitnot, geringe Chancen eingeräumt.

Lufthansa wird bald erste Stellen für Air Berliner ausschreiben

Der Prozess ist auch deswegen so schwierig, weil außer Wöhrl die Interessenten - von den Tochterfirmen Niki und der Regionalfluggesellschaft LGW abgesehen - keine Unternehmensteile von Air Berlin kaufen wollen und alle Flugzeuge Leasinggesellschaften gehören. Die Interessenten müssten also in bestehende Leasingverträge einsteigen oder die Jets kaufen.

Lufthansa wird wohl schon am Mittwoch erste Stellenanzeigen veröffentlichen, auf die sich Air-Berlin-Mitarbeiter bewerben können. Sie will Piloten und Flugbegleiter auf Niveau von Eurowings bezahlen, deutlich unter den bei Air Berlin üblichen Gehältern. Und Lufthansa und Easyjet müssten Wege finden, an die Start- und Landezeiten der Air Berlin zu kommen. Die können gemäß EU-Richtlinien nur bei einem ganzen oder teilweisen Verkauf der Airline übertragen werden. Slots alleine können nicht verkauft werden.

Alle Pläne stehen ohnehin unter einem großen Vorbehalt: Die Wettbewerbsbehörden müssen zustimmen, voraussichtlich also das Bundeskartellamt und die EU-Kommission. Am Verfahren Beteiligte gehen davon aus, dass die Prüfung mehrere Monate dauern wird, denn auf innerdeutschen Strecken droht ein Monopol der Lufthansa. Betroffen wären unter anderem die Verbindungen München-Berlin, München-Hamburg oder Frankfurt-Berlin - wichtige Strecken für Geschäftsreisende.

Die große, bislang ungeklärte Frage ist, wie der restliche Flugbetrieb über einen so langen Zeitraum aufrechterhalten werden kann und wie die Slots für die neuen Anbieter, voraussichtlich Lufthansa und Easyjet, erhalten bleiben. Fluggesellschaften müssen die Zeitfenster an verstopften Flughäfen innerhalb einer Flugplanperiode zu mindestens 80 Prozent nutzen, sonst fallen sie zurück an den Flughafenkoordinator der Bundesregierung. Dieser verteilt sie nach einem definierten Schlüssel im Folgejahr an die übrigen Anbieter, 50 Prozent sind zunächst für neue Konkurrenten reserviert.

Aber nicht nur für die Rest-Air-Berlin, sondern auch für Niki bleibt die Lage bedrohlich, selbst wenn der Gläubigerausschuss der Absichtserklärung zum Verkauf an Lufthansa zustimmt. Niki hat von ihrer Muttergesellschaft horrend teure Mietverträge für 14 Flugzeuge geerbt, die TUIfly für die Air-Berlin-Gruppe fliegt. Sollte TUIfly auf den Verträgen bestehen, droht Insidern zufolge auch Niki die Insolvenz. Die Airline betreibt 17 eigene Jets und mietet 18 weitere - von TUIfly und dem Schweizer Air-Berlin-Ableger Belair. Insider rechnen allerdings damit, dass auch hier die Lufthansa helfen wird: Sie könnte zumindest einen Teil der TUIfly-Jets selbst mieten und so die Situation klären.

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SZ vom 23.08.2017/vit
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