Süddeutsche Zeitung

Europäische Zentralbank:Was der Nullzins für Sparer bedeutet

  • Die Renditen von Anleihen und Sparprodukten werden weiter sinken - und wahrscheinlich jahrelang niedrig bleiben.
  • Immobilien lassen sich auch in Zukunft weiter günstig finanzieren - allerdings treiben die zahlreichen Investitionen auch die Preise in die Höhe.
  • Lediglich für Aktien-Anleger ist die Nullzins-Politik der EZB wirklich positiv.

Von Harald Freiberger und Benedikt Müller

Die Europäische Zentralbank (EZB) flutet die Märkte mit noch mehr und noch billigerem Geld: Der Leitzins bei 0,00 Prozent, der Strafzins auf Einlagen bei minus 0,4 Prozent, noch mehr Anleihenkäufe, dazu Mario Draghis Aussage, dass die Zinsen "für eine sehr, sehr lange Zeit niedrig bleiben" werden. Was bedeutet das für die Verbraucher?

Sparprodukte

Auf Erspartes gibt es jetzt schon kaum mehr Zinsen. Die meisten Banken und Sparkassen zahlen gerade noch 0,01 bis 0,05 Prozent. Da ist wenig Luft nach unten. Einige Institute bieten noch höhere Zinsen für Tagesgeld. Bei der Audi-Bank etwa sind es 1,25 Prozent, bei ING-Diba 1,00 Prozent, jeweils allerdings nur für Neukunden. Es könnte sein, dass sie ihre Zinsen nach der EZB-Entscheidung noch weiter senken. Der wichtigste Effekt der neuen Leitzins-Senkung dürfte sein, dass sich die Phase niedriger Zinsen noch weiter verstetigt. Sparer müssen sich darauf einstellen, dass sie für sichere Anlagen auf Jahre keinen richtigen Zins mehr erhalten werden.

Aktien

Für Aktien ist die Niedrigzins-Politik positiv, da es nur noch wenige rentable Anlage-Alternativen für das viele billige Geld gibt. Es fließt schon seit Jahren an die Börse und sorgte dort für einen Boom. Dieser ist seit Jahresanfang aus Sorge um China und die Weltwirtschaft ins Stocken geraten. Trotz dieser Unsicherheiten raten Experten Privatanlegern nach wie vor zu Aktien, gerade für die langfristige Altersvorsorge.

Solange die Zinsen so niedrig bleiben, bringen sichere Staatsanleihen wenig Rendite. Große Investoren müssen auf Erfolg versprechendere Anlageklassen wie Aktien ausweichen. Deshalb gibt es eine automatische Unterstützung für die Aktienmärkte, ein nachhaltiger Einbruch ist in einer Nullzins-Phase kaum wahrscheinlich. Die beste Möglichkeit für Privatanleger, breit gestreut in Aktien zu investieren, sind Indexfonds (ETF), die Indices wie den Dax, den Euro-Stoxx oder den MSCI World abbilden. Sie können zu niedrigen Kosten auch über einen monatlichen Sparplan gekauft werden, was sich besonders auf lange Sicht auszahlt.

Anleihen

Sichere Staatsanleihen, zum Beispiel deutsche, werfen keine Rendite mehr ab, zum großen Teil liegt ihr Zins sogar im Minus. Da die EZB im großen Stil Staatsanleihen aufkauft, ist die Nachfrage nach ihnen künstlich hoch - was den Kurs erhöht und die Rendite drückt. Dies gilt selbst für Anleihen von Schuldenstaaten wie Italien oder Spanien. Am Donnerstag kündigte die EZB an, künftig auch Anleihen großer Konzerne wie BASF oder Siemens aufzukaufen - ein weiterer Versuch, Unternehmen zum Investieren anzustiften und so die Wirtschaft in Fahrt zu bringen: Die Firmen können sich dadurch billiger verschulden und eher in eine neue Fabrik investieren, so zumindest die Hoffnung.

Für Anleger bedeutet dies aber, dass die Rendite auch von Unternehmensanleihen tendenziell weiter sinken wird. Eine achtjährige BASF-Anleihe verlor nach der EZB-Entscheidung gegenüber Bundesanleihen schon 0,05 Prozentpunkte. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, kritisiert zudem: "Durch den Ankauf von Unternehmensanleihen bevorzugt die EZB Großkonzerne gegenüber kleinen mittleren Betrieben, besonders in Südeuropa."

Lebensversicherungen

Sie werfen schon seit Jahren immer weniger ab. Lebensversicherer investieren vor allem in sichere Staatsanleihen, die kaum mehr Rendite bringen. Sie haben ihren Garantiezins deshalb schon von früher 4,0 auf nur noch 1,25 Prozent gesenkt. Die neuerliche Zinssenkung und vor allem die absehbar lange Dauer dürfte die Lebensversicherer noch weiter unter Druck bringen. Unter den niedrigen Zinsen leiden auch Pensionskassen, Stiftungen und Sozialversicherungen - des gesamte Markt der Altersvorsorge wird unsicherer.

Immobilien

Wer eine Eigentumswohnung kaufen oder ein Haus bauen will, kann sich weiter günstig verschulden. Dem Kreditvermittler Interhyp zufolge liegen die Zinsen für zehnjährige Immobilien-Darlehen im Durchschnitt bei 1,3 Prozent pro Jahr; allerdings unterscheiden sich die Konditionen von Bank zu Bank stark. Je teurer es für die Banken wird, Geld bei der Zentralbank zu parken, desto lieber wollen sie Immobilienkredite vergeben.

Da Bankeinlagen und Anleihen kaum noch Rendite abwerfen, setzen zudem viele Investoren - aus schierer Verzweiflung - auf Sachwerte. Laut dem Zentralen Immobilien-Ausschuss wurde 2015 so viel Geld in Wohnungen, Büros und Hotel-Immobilien in Deutschland investiert wie seit 2007 nicht mehr, dem Jahr vor Ausbruch der Krise. Dies treibt die Immobilienpreise nach oben. Allein 2015 verteuerten sich nach Angaben der Bundesbank Häuser und Wohnungen bundesweit im Durchschnitt um sechs Prozent.

Wie die Bundesbank warnt auch Chefvolkswirt Krämer, in Großstädten seien die Preise inzwischen zu hoch, wenn man die Entwicklung der Mieten und der Bevölkerung zugrunde lege. "Es steigt das Risiko, dass es am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt", sagt er. Wer jetzt eine Immobilien-Finanzierung abschließen will, sollte sich die niedrigen Zinsen auf zehn bis 15 Jahre festschreiben lassen, so Experten. Und da die Konditionen so günstig sind, sollte man seine Schulden möglichst schnell zurückzahlen. Empfohlen wird ein Tilgungssatz von drei bis fünf Prozent.

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SZ vom 12.03.2016/vit
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