Süddeutsche Zeitung

Energiebranche:Der Fluch der Kohle

Kolumbien ist ein wichtiger Lieferant deutscher Stromerzeuger. Um billig an den Rohstoff zu kommen, beuten die Verantwortlichen Mensch und Natur gnadenlos aus - mit verheerenden Konsequenzen.

Silvia Liebrich und Peter Burghardt

Die deutschen Energieerzeuger wollen auch in Zukunft nicht auf Steinkohle verzichten. Zu den bestehenden Kraftwerken sollen in den nächsten Jahren sogar noch 24 neue hinzukommen. Und dies, obwohl Kohlestrom als Klimakiller Nummer eins gilt. Doch der umstrittene Energierohstoff fordert noch einen anderen hohen Preis, der sich auf keiner Stromrechnung wiederfindet.

Denn Konzerne wie Vattenfall, Eon, EnBW und Evonik verfeuern zunehmend Kohle aus Kolumbien, die dort unter katastrophalen Bedingungen abgebaut wird. In den vergangenen Jahren rückte das südamerikanische Land zu einem der wichtigsten Lieferanten Deutschlands auf. Seit dem Sommer liegt es sogar an zweiter Stelle hinter Russland, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen.

Bevölkerung und Umwelt werden dafür rücksichtslos ausgebeutet. Die Minen Kolumbiens gelten neben den chinesischen als die gefährlichsten weltweit. Doch nur selten dringen Berichte über Unglücke und Missstände bis nach Europa. Gebannt blickte die Welt in den vergangenen Wochen nach Chile, wo 33 Kumpel aus einem eingestürzten Bergwerk geborgen wurden.

Von einer Tragödie, die sich etwa zur gleichen Zeit in Kolumbien abspielte, wurde dagegen kaum Notiz genommen. Bei einer verheerenden Methangas-Explosion in der Kohlenmine San Fernando von Amagá in der Region Antioquia wurden 73 Arbeiter verschüttet, keiner überlebte. Nur Spaniens König Juan Carlos kondolierte.

Es war nicht das erste Unglück dieser Art in San Fernando, obwohl der Betrieb als vergleichsweise professionell gilt. Offizielle Statistiken des Landes verzeichnen in den vergangenen sechs Jahren knapp 500 Tote und 300 Verletzte bei Unfällen im Kohlebergbau. Allein in den vergangenen acht Monaten kamen in den Gegenden von Boyacá, Valle del Cauca und Antioquia 80 Bergleute um. Viele Minen werden illegal betrieben.

Der Kohleabbau in Kolumbien fordert auch außerhalb der Minen viele Opfer. Menschenrechtler melden Angriffe auf Gewerkschafter, berichten über Kinderarbeit, Verstöße gegen Arbeitsrechte, Vertreibungen und Mord. Bei Auseinandersetzungen, die in Zusammenhang mit der Kohleindustrie stehen, wurden nach Angaben der Bauernorganisation Ascamcat in den vergangenen fünf Jahren mehr als 10.000 Kleinbauern getötet und 130.000 zwangsumgesiedelt.

Ein erheblicher Teil des Rohstoffs wird im Tagebau gefördert. Ganze Landstriche, auch Naturschutzgebiete, werden dafür entvölkert, ohne dass die Bewohner entschädigt werden. "Durch den Kohlebergbau in Kolumbien wird die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört", sagt Sebastian Rötters, Bergbauexperte der Menschenrechtsorganisation Fian.

Doch Kohle aus Kolumbien ist günstig. Während am Weltmarkt derzeit etwa 100 Dollar für eine Tonne gezahlt werden, liegen die Produktionskosten dort bei 30 Dollar je Tonne. Das bestätigt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Zum Vergleich: In Polen, dem drittgrößten Lieferanten Deutschlands, belaufen sich die Abbaukosten auf 80 Dollar je Tonne.

Die Rolle der deutschen Konzerne

Deutlich darüber liegt deutsche Kohle. Sie schlägt mit 170 Euro, etwa 230 Dollar, zu Buche. Ohne die horrenden Subventionen der Europäischen Union wäre sie nicht verkäuflich. Spätestens 2018 soll der Abbau in Deutschland deshalb eingestellt werden. Noch deckt deutsche Kohle aber knapp ein Drittel des inländischen Gesamtbedarfs. Dieser Anteil wird jedoch in den kommenden Jahren weiter sinken.

Bergbauexperte Rötters wirft den deutschen Stromerzeugern vor, Profit aus dem schmutzigen Geschäft mit Importkohle zu schlagen: "Es darf nicht sein, dass deutsche Energiekonzerne dank billiger Kohle aus Kolumbien riesige Gewinne abschöpfen und dafür keine Verantwortung übernehmen, auch wenn sie nicht direkt am Abbau beteiligt sind." Von 17 Millionen Tonnen Steinkohle, die hiesige Abnehmer im ersten Halbjahr 2010 aus dem Ausland bezogen, stammte ein Viertel aus Kolumbien. Der Fian- Mann kritisiert außerdem, dass viele Stromanbieter nicht transparent machten, aus welchen Quellen sie ihre Kohle beziehen. "Woher sollen die Verbraucher wissen, ob ihr Strom aus blutiger Kohle gemacht wird?"

Eon, EnBW und Evonik bestätigten der Süddeutschen Zeitung, dass sie Kohle aus Kolumbien beziehen, von Vattenfall war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen. Doch wenn es um genaue Mengen geht, gibt man sich bei EnBW und Evonik zugeknöpft. "Detaillierte Angaben machen wir nicht", so eine Sprecherin von Evonik. Das Unternehmen mit Sitz in Essen betreibt nach eigenen Angaben Steinkohlekraftwerke an acht deutschen und drei ausländischen Standorten. In Duisburg-Walsum baut Evonik gerade eines der modernsten Kohlekraftwerke der Welt. Es soll Mitte nächsten Jahres in Betrieb gehen.

Bei der baden-württembergischen EnBW heißt es lediglich, Hauptbezugsquellen seien Kolumbien und Russland. Deutlich zurückgegangen seien dagegen die Lieferungen aus Südafrika. Das Land habe seine Handelsströme von Europa nach Asien umgelenkt. Auch deutsche Steinkohle macht demnach nur noch einen Bruchteil im Portfolio aus. EnBW betreibt Steinkohlekraftwerke in Altbach, Heilbronn, Stuttgart und Karlsruhe, wo derzeit um einen Block erweitert wird. Er soll im Frühjahr 2012 ans Netz gehen.

Eon gibt da schon etwas genauer Auskunft. Demnach stand Kolumbien 2009 bei dem Düsseldorfer Unternehmen an vierter Stelle der Lieferanten. Den mit Abstand größten Anteil an Kohle bezog Eon nach eigenen Angaben aus den Vereinigten Staaten, gefolgt von Russland und Südafrika. Der Energiekonzern erzeugt Strom aus Steinkohle an 14 Standorten in Deutschland. Im Bau befindet sich ein Kraftwerk in Datteln.

Den Vorwurf, sie würden Kohle aus zweifelhaften Quellen in Kolumbien beziehen, weisen die drei Stromkonzerne zurück. Sie bekennen sich zu strengen Richtlinien. Geschäftspartner seien verpflichtet, internationale Standards in Bezug auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit einzuhalten, heißt es bei EnBW. Evonik und Eon verweisen zudem auf Mindeststandards, die im Global Compact der Vereinten Nationen und in den Standards der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) festgelegt seien und an die sich Lieferanten halten müssten.

Menschenrechtler Rötters hält von solchen Selbstverpflichtungen wenig, auch weil deren Einhaltung schwer überprüfbar ist. Er wirft den Konzernen vor, "Greenwashing" zu betreiben und sieht die Bundesregierung in der Pflicht. "Deutschland darf keine Energiepolitik betreiben, die auf der Missachtung von Menschenrechten und Umweltverschmutzung basiert."

Er glaubt, dass sich das Problem noch verschärfen wird, denn der große Rohstoffkonzern Anglo American hat angekündigt, dass er seine Produktion in Kolumbien deutlich steigern will. Das britisch-südafrikanische Unternehmen betreibt gemeinsam mit der australischen BHP und dem Schweizer Xstrata-Konzern im Norden des Landes, in El Cerrejon, den größten Steinkohle-Tagebau der Welt. Eine Gegend, in der die Rechte von Anwohnern und Arbeitern nach Angaben der dänischen Menschenrechtsorganisation DanWatch seit Jahrzehnten missachtet werden.

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Quelle:
SZ vom 15.11.2010/aum
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