Süddeutsche Zeitung

Windenergie:Der große Blackout

  • Die Krise der deutschen Windenergiebranche verschärft sich - das hat auch politische Gründe.
  • Beim größten deutschen Hersteller Enercon sollen 3000 Arbeitsplätze wegfallen.
  • Betroffen sind schon jetzt strukturschwache Regionen: An den Standorten Aurich und Magdeburg sollen nach Unternehmensangaben jeweils 1500 Jobs eingespart werden.

Der Aufstieg zum grünen Star begann in einer Garage im ostfriesischen Städtchen Aurich. Anfang der Achtzigerjahre schraubte Aloys Wobben hier sein erstes Windrad zusammen. 1984 gründete er die Windfirma Enercon - zu einem Zeitpunkt, als das Wort Energiewende so unbekannt war wie die Begriffe Tschernobyl und Klimakatastrophe.

Die Windkraft machte Wobben, 67, zum Milliardär. Mit der deutschen Energiewende entstanden allein im Enercon-Imperium Tausende Jobs, das Unternehmen war über Jahre hinweg unangefochtener Marktführer. 17 000 der 29 000 Windräder im Land hat es bis heute aufgestellt - schon von Weitem zu erkennen am Markenzeichen, den grünen Ringen am Fuß der Masten. Enercon und sein geschäftstüchtiger Gründer standen für eine grüne Erfolgsgeschichte Made in Germany.

Die Geschichte hat, Stand jetzt, kein Happy End. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will Enercon die Produktion in Deutschland massiv zurückfahren. An den Standorten Aurich und Magdeburg fallen jeweils 1500 Jobs weg - und damit in strukturschwachen Gegenden, in denen die Windbranche lange für gut bezahlte Industriejobs gesorgt hatte.

Am Freitagnachmittag erfuhren Tausende Beschäftigte, was die Enercon-Pläne für sie bedeuten. Allein in der Firmenzentrale in Aurich werden 250 bis 300 Arbeitsplätze wegfallen. Schlimmer aber trifft es die Fertigung von Rotorblättern. Sie ist vollständig an Drittfirmen ausgelagert. Bis zu 3000 Menschen dürften insgesamt ihren Job verlieren. "Das ist für uns eine sehr emotionale Situation", sagt Enercon-Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig. "Die Krise der Energiewende ist auch bei uns angekommen." Jetzt gehe es darum, den Turn-around zu schaffen: eine Wende in der Energiewende, ein Abwendung hin zum Auslandsgeschäft.

"Die Anlagen gingen weg wie geschnitten Brot"

Die Krise hatte sich seit Monaten abgezeichnet, nicht nur bei Enercon. Jahrelang war die Branche von Rekord zu Rekord geeilt, und mit den Erfolgen wuchsen die Werkshallen. 2015 installierten die Firmen 3700 Megawatt Windleistung, 2016 schon 4600 Megawatt, 2017 sogar mehr als 5300. Enercon profitierte besonders davon. Das Unternehmen hatte sich ganz auf Windkraft an Land spezialisiert, seine getriebelosen Generatoren galten lange als technisch führend in der Branche. "Die Anlagen gingen weg wie geschnitten Brot", erinnert sich Personalchef Momme Janssen.

Dann kam der Einbruch. 2018 schon halbierte sich die Nachfrage. In den ersten neun Monaten dieses Jahres gingen noch 150 Windräder ans deutsche Netz, Gesamtleistung: 514 Megawatt. 51 davon lieferte Enercon. Die Zahl der aufgebauten Windräder liege bei Enercon heute da, wo sie vor 30 Jahren begonnen habe, im Anfangsstadium der Branche, klagt Kettwig.

Zwischen Aufstieg und Niedergang liegt - wie so oft beim Ökostrom - die Politik. Sie hatte 2017 das System der Vergütungen verändert: Statt fester Zahlungen für jede gelieferte Kilowattstunde sollten Windpark-Projekte nun in Konkurrenz treten. Wer also eine Förderung für sein Windrad wollte, musste bei einer Ausschreibung mitbieten. Zum Zuge sollten nur die Projekte kommen, die mit möglichst geringer Förderung auskommen. Das sollte die Kosten der Energiewende senken.

Doch das neue System hatte Nebenwirkungen. Zum einen löste es ein Dezemberfieber in der Branche aus, weil möglichst viele noch zu den alten Konditionen bauen wollten - so kam es zu den enormen Zuwächsen der Jahre 2016 und 2017. Die wiederum riefen Windkraft-Gegner auf den Plan - und mit ihnen unzählige Klagen gegen neue Windparks. Die Projekte wurden so immer schlechter kalkulierbar, Banken zuckten zurück. Hinzu kamen Sonderregeln, mit denen anfangs so genannte Bürger-Windparks mitbieten durften, obwohl sie noch keine Baugenehmigung hatten.

"Die Politik hat uns den Stecker gezogen"

Windige Firmen sahnten so Claims für Windparks ab, ohne diese dann zu bauen. "Die Politik hat uns den Stecker gezogen", sagt Firmenchef Hans-Dieter Kettwig. "Und einen Akku haben wir nicht." Schon gar keinen schnellladefähigen: Auch das internationale Geschäft könne den Einbruch nicht kurzfristig kompensieren.

Am Vorabend des Mauerfall-Jubiläums trifft das nicht nur Beschäftigte in Aurich, sondern auch in und um Magdeburg hart. Dort, am Standort des einstigen Schwermaschinenkombinats SKET, war Enercon ein besonders symbolträchtiger Auftraggeber. Statt schwerer Industrieanlagen entstand dort nun die Zukunft der Energieversorgung: Masten, Gondeln, Rotorblätter.

Enercon allerdings hatte sich da "risikooptimiert" aufgestellt: Statt die Teile in eigener Regie zu fertigen, lagerte das Unternehmen die Fertigung an Subunternehmer aus. 27 "Produktionspartner" bekommen mehr als die Hälfte der Aufträge von Enercon, bei einigen gibt es keinen einzigen anderen Auftraggeber. "Wir ziehen diesen Firmen den Boden unter den Füßen weg", räumt Kettwig ein. Aus Mangel an Aufträgen habe man aber keine Alternative. Enercon wolle sich geordnet aus dem Geschäft zurückziehen. Was bedeutet: Im neuen Jahr werden viele der Firmen keine Aufträge mehr bekommen. Schon jetzt stapeln sich auf dem Hof Teile von Windrädern, die Abnehmer suchen.

Gewerkschaften weitgehend außen vor

Diese "risikooptimierte" Struktur hatten Gewerkschaften stets kritisiert. Enercon besteht aus 70 einzelnen GmbHs. Ziel sei es gewesen, Gewerkschaften möglichst rauszuhalten, sagen Insider. "Gerade in schwierigen Zeiten ist das Unternehmen in der Verantwortung für seine Beschäftigten", sagt Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Das Unternehmen dürfe nun nicht in Frage stellen, "was zu Enercon gehört". Enercon selbst wiederum verweist auf die Sozialpläne, mit denen auch erste Einschnitte im vorigen Jahr abgefedert worden seien.

Alle betroffenen Werke hätten Betriebsräte. Enercon ist nicht das einzige Unternehmen, das zu kämpfen hat. Für die Ökostrom-Branche entwickelt sich die Lage zunehmend zum Déjà-vu: Mit dem Solarboom der späten Nullerjahre erlebte schon einmal eine ganze Industrie einen Aufschwung, der jäh endete. Massiv beschnittene Einspeisevergütungen ließen erst die Nachfrage einbrechen und dann Firmen. Der Konkurrenz aus China hielten sie nicht stand. Auch damals traf es ostdeutsche Firmen besonders hart, aber auch Riesen wie die Bonner Solarworld. Beim Wind kämpfen nun auch andere Schwergewichte der Branche wie Siemens Gamesa oder Nordex mit schwindenden Geschäften.

Im Frühjahr meldete der Hamburger Anlagenhersteller Senvion Insolvenz an. In den betroffenen Bundesländern herrscht Alarmstimmung. Enercon sei "einer der größten Arbeitgeber im Norden Sachsen-Anhalts", sagt Landeswirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) und spricht von einem "harten Schlag für die Region". Bund und Länder dürften nicht zulassen, dass der Arbeitsplatzabbau in der Branche weitergehe. IG-Metall-Mann Geiken spricht von einer "katastrophalen Meldung" für die Region Ostfriesland. Und Simone Peter, Chefin des Ökostromverbands BEE, sieht Folgen weit über einzelne Firmen hinaus. "Das breit geknüpfte Wertschöpfungsnetzwerk der deutschen Windenergie verliert massiv an Stabilität", warnt sie.

Jetzt müsse die Politik ran. Allerdings deutet derzeit wenig auf Besserung, auch nicht politisch. Zwar hat sich die Koalition zum Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 65 Prozent Ökostrom im Netz zu haben. Dafür aber müssten jährlich Windräder mit mehr als 4500 Megawatt Leistung errichtet werden - zumal ältere Anlagen vermehrt in die Jahre kommen. Doch die Wirklichkeit sieht düster aus. "Im nächsten Jahr werden wir nicht mehr als 1500 Megawatt Zubau sehen", sagt Jürgen Quentin, der für die Fachagentur Windenergie an Land die Lage regelmäßig analysiert. "Und selbst für 2021 sind höchstens 2000 Megawatt zu erwarten."

"Wir befürchten, dass damit der Anteil der Windkraft an Land sogar schrumpfen könnte"

Die Lage könnte sich sogar noch verschlimmern. In ihrem Klimapaket hatte sich die Koalition zwar vorgenommen, die Windenergie wieder zu stärken. Eine neue Abstandsregelung zu Siedlungen sollte helfen, die Akzeptanz zu steigern. Doch nun kursieren Pläne, diesen Abstand auch zu Kleinstsiedlungen von wenigen Häusern vorzuschreiben. Die Fläche, auf der noch neue Windräder gebaut oder alte ersetzt werden können, würde dramatisch schrumpfen. "Wir befürchten, dass damit der Anteil der Windkraft an Land sogar schrumpfen könnte", warnt Tina Löffelsend, Energieexpertin beim Umweltverband BUND. "Damit hätte die Regierung die Windenergie endgültig vor die Wand gefahren." Es stelle sich die Frage, wie glaubwürdig Klimapolitik eigentlich noch sei, wenn so selbst die Energiewende ernsthaft in Frage gestellt werde.

"Wir können uns auf Deutschland nicht mehr verlassen", sagt auch Enercon-Finanzchef Thomas Cobet. Das Unternehmen müsse sich nun dringend auf andere Märkte ausrichten. Finanziell sei es weiterhin solide, die Eigenkapitalquote in der Enercon GmbH als Kern der Gruppe liege immer noch oberhalb von 50 Prozent, auch unter Berücksichtigung der signifikanten Verluste, die in diesem Jahr eine halbe Milliarde deutlich übersteigen könnten. Vermehrt wolle man sich nun in Frankreich engagieren, oder aber in Ländern wie Indien, wo Enercon vor wenigen Jahren noch schlechte Erfahrungen gemacht hatte.

Weil sich aber Türme, Gondeln und Rotoren nicht leicht über die Weltmeere verschiffen lassen, werde das auch Folgen für den Einkauf haben. Gebaut werden sollen sie künftig da, wo die Nachfrage noch wächst. Und das ist nicht Deutschland.

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Quelle:
SZ vom 09.11.2019/hgn
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