Süddeutsche Zeitung

Chemiekonzern:Bayer-Chef Baumann muss gehen

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Die Aktie im freien Fall, die Monsanto-Übernahme ein Desaster, die Investoren stinksauer: Bayer-Chef Werner Baumann muss sein Amt räumen. Der Nachfolger ist eine Überraschung.

Von Thomas Fromm

Wenn ein Unternehmen um kurz nach 17 Uhr mitteilt, dass der Chef ausgetauscht wird, und der Kurs der Aktie gleich mal innerhalb weniger Minuten um sechs Prozent nach oben springt, dann gibt es vermutlich nicht viel zu deuten. Die Aktionäre konnten es wahrscheinlich kaum erwarten, dass der Vorstandsvorsitzende endlich seinen Hut nimmt. Endlich geht. Oder, vielleicht besser: Gegangen wird.

Eigentlich läuft der Vertrag von Bayer-Chef Werner Baumann, 60 Jahre alt, gebürtiger Krefelder, seit 35 Jahren im Unternehmen und seit 2010 im Vorstand, noch bis April 2024. Am Mittwochnachmittag nun beschloss der Aufsichtsrat des Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzerns, seinen Vorstandsvorsitzenden schon zum 1. Juni auszutauschen. Neuer Chef soll der 56-jährige Amerikaner William "Bill" Anderson werden, zuletzt Chef der Pharmasparte des Schweizer Roche-Konzerns - eine Überraschung. Und Baumann? Wird dann Ende Mai in den Ruhestand gehen. Also ein Jahr früher, als es seine persönliche Lebensplanung vorsah.

63 Milliarden Dollar für eine Menge Probleme

Man kann nicht gerade sagen, dass die Ereignisse dieses Nachmittags überraschend kamen. Seit Langem schon fordern einflussreiche Bayer-Investoren eine schnelle Ablösung Baumanns durch einen externen Kandidaten. "Bei der CEO-Nachfolge gilt: Je früher desto besser", hatte etwa der Fondsmanager Markus Manns von Union Investment gefordert. Vielleicht wäre ja alles anders gekommen, hätte Baumann im Jahre 2018 nicht einen sehr großen Fehler gemacht. Vielleicht: den Fehler seines Lebens.

63 Milliarden Dollar zahlte Bayer seinerzeit für die Übernahme des US-Agrarchemiekonzerns Monsanto. Eine strategische Entscheidung, die vor allem auch von dem damaligen Bayer-Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Wenning mit forciert wurde. Allerdings kaufte man nicht nur für viel Geld den Hersteller des sehr umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat ein, sondern holte sich gleich auch Milliarden-Klagen von Glyphosat-Geschädigten ins Haus. Menschen, die an Krebs erkrankt waren und diese Krankheit auf die Nutzung von Monsanto-Produkten zurückführten.

Der Aktienkurs von Bayer, einst eines der wertvollsten Unternehmen der Republik, sackte immer weiter ab. Zuletzt brachte es Bayer an der Börse noch auf gerade mal 58 Milliarden Euro - das ist weniger, als man damals für Monsanto auf den Tisch gelegt hatte. Der Ärger wuchs, je mehr die Aktie wegbrach und je mehr Klagen auf den Tischen der Anwälte landeten.

Dann schlug in den vergangenen Monaten die Stunde der sogenannten aktivistischen Investoren. Jene Aktionäre, die sich gar nicht erst mit gut gemeinten Strategie-Kritiken und diplomatischen Einlassungen aufhalten. Die, die gleich einen Vorstandswechsel, Abspaltungen und - wenn es sein muss - die Zerschlagung eines Konzerns fordern. Anfang des Jahres etwa war der Hedgefonds-Manager Jeff Ubben mit seiner Investmentfirma Inclusive Capital bei den Leverkusenern eingestiegen und suchte Gleichgesinnte für eine Anti-Baumann-Koalition. Am Mittwoch teilte Bayer mit, der Wechsel sei "das Ergebnis eines umfassenden Auswahlverfahrens, das Mitte vergangenen Jahres angestoßen worden war". Mitte vergangenen Jahres. Von einem plötzlichen Wechsel kann wirklich nicht die Rede sein.

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