Süddeutsche Zeitung

Bahamas-Leaks:So funktioniert das System Bahamas

Der Inselstaat gilt als Paradies für Steuervermeider. Neue Enthüllungen bringen jetzt Licht in eine Vielzahl von schmutzigen Geschäften.

Von Mauritius Much, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Vanessa Wormer

Der Mitarbeiter der Castle Bank fühlte sich sehr begehrt. Die Frau flirtete mit ihm; sie nahm ihn mit auf ihr Zimmer. Später lockte sie ihn zum Essen nach draußen, in ein nahes Restaurant. In diesem Augenblick schlug der Komplize der Frau zu: Er gelangte in das Hotelzimmer, brach den Aktenkoffer des Bankers auf und kopierte den gesamten Inhalt - darunter eine Liste mit US-Kunden, die Geld auf den Bahamas versteckt hatten. Die Operation, Codename "Tradewinds", ging als einer der wichtigeren Schläge gegen Steueroasen in die Geschichte der US-Steuerfahndung ein. Das war 1973, vor mehr als 40 Jahren.

Seither sind Banken, Vermögensverwalter und andere Mittelsmänner vorsichtiger geworden. Sie tragen ihre Kundenlisten nicht mehr einfach durch die Gegend, behandeln sie vielmehr wie Heiligtümer. Viele Banker dürfen ihre Laptops heute nicht mal mehr auf Reisen mitnehmen, und auch alle stationären Festplatten werden mit komplizierten Codewörtern verschlüsselt. Immer neue Whistleblower haben der Branche Angst eingejagt. Offshore-Leaks, Swiss-Leaks und zuletzt die Panama Papers: Jedes Mal dringt ein bisschen mehr Licht in das geheime Geschäft.

Nun ist auch der karibische Inselstaat der Bahamas betroffen, eine der verschwiegensten Steueroasen der Welt, die sich der Transparenz noch immer verweigert: Eine Quelle hat der Süddeutschen Zeitung 38 Gigabyte interner Daten aus dem bahamaischen Unternehmensregister zugespielt: die Bahamas-Leaks. Wie schon bei den Panama Papers hat die SZ die Daten mit dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) in Washington geteilt. Zahlreiche Medien weltweit, darunter der Guardian, Le Monde sowie der Norddeutsche Rundfunk berichten jetzt über ihre Recherchen.

Die Dokumente offenbaren Details zu 175 888 Briefkastenfirmen und Stiftungen, die zwischen 1990 und 2016 gegründet wurden. Sie zeigen, dass neben etlichen internationalen Wirtschaftsgrößen, Adeligen und Hunderten Deutschen auch der mongolische Ex-Premier Batbold Sukhbaatar, der ehemalige kolumbianische Minenminister Carlos Caballero Argáez, der kanadische Finanzminister William Francis Morneau, der katarische Ex-Premier Hamad bin Dschassim bin Dschaber al-Thani und der angolanische Vize-Präsident Manuel Domingos Vicente im bahamaischen Firmenregister als Direktoren, Sekretäre oder Präsidenten von Bahamas-Firmen geführt wurden oder noch immer werden.

Auch die ehemalige EU-Kommissarin Neelie Kroes gehörte zum Vorstand einer bahamaischen Briefkastenfirma; in der für EU-Kommissare vorgeschriebenen "declaration of interests" hatte die Holländerin dies jedoch nicht offengelegt. Auf Anfrage erklärte sie, es sei ein "Versehen" gewesen. Ihr droht nun die Streichung ihrer Pension.

Die Bahamas liegen südöstlich von Florida und bestehen aus 700 Inseln. Die Bewohner erzählen, es gebe nur zwei Gründe, ihr Land zu besuchen. Einer davon sind die gefleckten Schweine, die auf einigen der Inseln leben und im türkisblauen Wasser planschen; sie gehören zur Folklore für Touristen. Jedes Jahr legen Hunderte Kreuzfahrtschiffe an, vor allem aus den USA. Das Schwimmen mit den Schweinen ist das positiv besetzte Alleinstellungsmerkmal der Bahamas. Der zweite Grund für einen Besuch: Geld.

Die Bahamas sind seit Langem ein Versteck für schmutziges Vermögen. Im 18. Jahrhundert lagerten Piraten wie Captain Blackbeard in den Buchten ihre geplünderten Schätze, Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten die Amerikaner die Bahamas für sich. In der ehemaligen britischen Kronkolonie gibt es keine Kapitalertrags- und keine Vermögenssteuer, dafür aber ein strenges Bankgeheimnis. Bargeld kann man unbegrenzt einführen.

Es ist ein Paradies für Geldwäscher und Verbrecherkartelle, für kriminelle Steuerbetrüger und gerade noch gesetzestreue Steueroptimierer. Vom "karibischen Vorhang" sprachen einst amerikanische Ermittler: einem Vorhang, hinter dem jede Menge Dubioses verschwindet und der schon früh das organisierte Verbrechen anlockte. Die Operation "Tradewinds" 1973 war der etwas verzweifelte Versuch, hinter diesen Vorhang zu spähen. Ein US-Gericht erklärte zwar danach, das Vorgehen der Behörden sei "eklatant illegal" gewesen. Aber der Ruf der Inseln schien illegale Maßnahmen zu rechtfertigen: Nur ein paar Jahre später kam eine Studie der Ford Foundation zu dem Schluss, dass jedes Jahr 20 Milliarden US-Dollar aus zweifelhafter Herkunft auf die Bahamas gelangten.

Es ist gut möglich, dass die aktuellen Zahlen ähnlich sind. Die Bahamas stehen bis heute auf der EU-Liste der unkooperativen Steueroasen - auf der die Schweiz und Luxemburg beispielsweise fehlen. Laut der Organisation Tax Justice Network (Netzwerk Steuergerechtigkeit) gibt es weltweit nur wenige Steueroasen, in denen sich Geld noch besser verstecken lässt. "Die Bahamas haben immer nach ihrer Nische im Offshore-Geschäft gesucht", sagt der Experte und Buchautor Nicholas Shaxson, "und dabei haben sie immer auch schmutziges Geld angelockt - Geld, von dem andere ihre Finger gelassen haben."

Bahamaische Trusts, Firmen und Bankkonten sind in der Vergangenheit immer wieder dort aufgetaucht, wo es verdächtig wurde. So nutzte etwa ein Sohn des früheren chilenischen Diktators Augusto Pinochet eine Bahamas-Firma, um seinem Vater 1,3 Millionen Dollar zukommen zu lassen. Auch Pinochet selbst gehörte eine Bahamas-Firma, ebenso Abba Abacha, einem Sohn des ehemaligen nigerianischen Militärmachthabers Sani Abacha. Und in Deutschland musste 2014 der frühere Bundesschatzmeister der CDU, Helmut Linssen, zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er unter anderem auf den Bahamas Geld versteckt haben soll.

Zu diesen Namen kommen nun weitere. In den Bahamas-Leaks-Dokumenten findet sich etwa der österreichische Tourismus-Unternehmer Cem Kinay. Demnach ist er seit 2005 Direktor der Bahamas-Firma Turks General Partners Limited. Kinay wird seit Jahren von Interpol wegen Bestechung gesucht. Laut einem 2009 veröffentlichten Untersuchungsbericht der Regierung der benachbarten Turks- und Caicos-Inseln besteht der Verdacht, dass Kinay den früheren Premier des britischen Überseegebiets bestochen habe. Auf eine SZ-Anfrage antwortete Kinay bis Mittwoch nicht.

Kanadas amtierender Finanzminister William Francis Morneau ist in den Unterlagen als zeitweiliger Direktor der Firma Morneau Shepell (Bahamas) Ltd. vermerkt - es handelt sich um die karibische Filiale der gleichnamigen kanadischen Beratungsfirma, die er bis kurz vor seinem Amtsantritt als Minister leitete. Die Vermutung, es könnten Erträge zwischen der kanadischen Mutter- und der bahamaischen Tochterfirma hin- und hergeschickt worden sein, um Steuern zu sparen, weist das Unternehmen Morneau Shepell zurück. Finanzminister Morneau lässt erklären, die Firma in den Bahamas erbringe tatsächliche Beratungsleistungen; das Geschäft dort sei "komplett legitim".

Auch etwa 100 Deutsche, darunter die Erben mehrerer Großunternehmer, sind in den Bahamas-Leaks zu finden. Die SZ wird die meisten Deutschen nicht nennen, da an ihren Aktivitäten kein berechtigtes öffentliches Interesse besteht. Aus dem Leak allein lässt sich nicht schließen, ob die Offshore-Firma den deutschen Steuerbehörden offengelegt wurde. Das Investigativ-Konsortium ICIJ wird die Namen der Firmen und Direktoren dagegen in ihrer Gesamtheit online zur Verfügung stellen, in einer Datenbank für Offshore-Firmen. "Wir sehen es als Dienst an der Allgemeinheit, diese Informationen zugänglich zu machen", sagt ICIJ-Chef Gerard Ryle. "Es gibt viele Beweise dafür, dass Schattenwelten auch Missetaten ermöglichen."

Die Bahamas-Leaks schaffen nun also etwas mehr Transparenz in einem Staat, dessen Geschäftsmodell auf undurchsichtigen Firmenstrukturen und geheimen Konten basiert. Bereits in den Panama Papers, jenem Datenleck, das im Frühjahr dieses Jahres weltweit Schlagzeilen machte, spielten die Bahamas eine große Rolle: Mossack Fonseca, die Kanzlei, die im Mittelpunkt des Skandals stand, hatte laut den Bahamas-Leaks auf der Inselgruppe 14 901 Firmen gegründet - so viele wie kein anderer Dienstleister. So war der argentinische Präsident Mauricio Macri zeitweise Direktor der Firma Fleg Trading mit Sitz auf den Bahamas. Auch der Trust von Ian Cameron, dem verstorbenen Vater des britischen Ex-Premiers David Cameron, hatte seinen Sitz auf den Bahamas.

Die Bahamas-Leaks sind zwar bei weitem nicht so groß wie die Panama Papers, auch geben sie längst nicht so viele Informationen preis. Es finden sich beispielsweise keine internen E-Mails oder Passkopien. Den Ruf der Bahamas wird das Leck allerdings nicht verbessern. Und der gute Ruf ist dem Inselstaat, trotz seines fragwürdigen Finanzgebarens, offenbar sehr wichtig. Als etwa der District of Columbia, in dem die US-Hauptstadt Washington liegt, die Bahamas 2015 als Steueroase einstufte, war die Regierung des Inselstaats empört. Von einer "willkürlichen und fadenscheinigen Begründung" sprach die Botschaft der Bahamas in den USA: Man habe ja zum Beispiel ein öffentliches Firmenregister. Tatsächlich haben die Bahamas vor einiger Zeit ein solches Register ins Internet gestellt - allerdings mit einer Suchmaske, in der sich nicht nach Menschen, sondern nur nach Firmen suchen lässt. Dadurch ist die Datenbank für Fahnder und Rechercheure nahezu unbrauchbar.

Je transparenter, desto weniger Kunden

Selbst wenn man den richtigen Unternehmensnamen weiß, sind über die Online-Suche nur in wenigen Fällen überhaupt die Namen von Direktoren oder Firmenpräsidenten zu finden. Wer zum Beispiel nach der Bahamas-Firma der früheren EU-Kommissarin Neelie Kroes sucht, erfährt zwar, dass die Mint Holdings Ltd noch aktiv ist und die Gebühren bezahlt wurden. Der Name der Ex-Politikerin taucht aber nirgends auf, obwohl die Niederländerin im internen System der Bahamas als Ex-Direktorin der Firma registriert ist.

Ähnlich ist der Fall des bayerischen Ex-Finanzministers und Funktionärs des Tennis-Weltverbands ITF, Georg Freiherr von Waldenfels. Auch sein Name ist im Online-Register nicht zu finden. Laut Bahamas-Leaks war er ab 2001 Direktor der 1997 gegründeten Bahamas-Firma ITF Ltd. - die mit dem Verband identisch ist. Auf Nachfrage sagte Waldenfels, dass das Konstrukt seines Wissens nach steuerliche Gründe gehabt habe. Die ITF erklärte, der Verband habe seinen Sitz aus Gründen des Vermögensschutzes auf die Bahamas verlegt. Man wollte sich offenbar vor Klagen, beispielsweise von Athleten, schützen.

Im Gegensatz zu den Panama Papers lassen die Bahamas-Leaks nur selten Rückschlüsse auf den Zweck der Firmenkonstruktion zu. In dem Datenberg finden sich nur allgemeine Informationen wie der Name, das Gründungsdatum, die Adresse des Vermittlers, die Namen von Präsidenten, Direktoren oder Firmensekretären, in manchen Fällen der Nominalwert der Firma - der sich in einem Fall sogar auf mehr als 85 Milliarden Dollar belaufen soll.

An sich ist es nicht strafbar, eine Firma auf den Bahamas zu besitzen oder ihr vorzustehen, und es mag auch legitime Gründe für eine Briefkastenfirma geben. Überwiegend scheinen die Firmenbesitzer auf der Inselgruppe aber vor allem die Anonymität zu schätzen. So bestätigt etwa der kolumbianische Ex-Minenminister Argáez auf Anfrage, Direktor beziehungsweise Präsident von zwei Offshore-Firmen gewesen zu sein - sogar während seiner Zeit als Co-Direktor der kolumbianischen Zentralbank. Der Zweck sei Steuervermeidung gewesen, erklärt Argáez erstaunlich offen. Den kolumbianischen Behörden habe er dies bislang nicht offenbart.

Die Bedeutung des Geheimnisses für die Bahamas zeigt eine Begebenheit aus dem Jahr 2000. Damals schaffte das Land - unter internationalem Druck - die anonymen Inhaberaktien ab, die sogenannten "bearer shares". Die speziellen Aktien ermöglichten Geschäfte ohne Spuren: Wer alle Inhaberaktien einer bahamaischen Briefkastenfirma in der Hand hielt, also physisch, als Stück Papier, dem gehörte auch die Firma. Wer eine solche Firma, und möglicherweise kriminell erlangte Werte darin, verkaufen wollte, konnte auf Papierkram vollkommen verzichten: Er musste nur die Inhaberaktien über den Tisch schieben und das Geld entgegennehmen. Als diese anonymen Aktien verboten wurden, brach die Zahl der Firmengründungen ein. Über Nacht hatten die Bahamas extrem an Attraktivität verloren und an Kundschaft.

Auch im kommenden Jahr werden die Bahamas weiterbalancieren

Es ist eine Gesetzmäßigkeit bei Steueroasen: Je transparenter, desto weniger Kunden. Die Regierungen von Offshore-Staaten balancieren also auf einem Seil: Einerseits wollen sie nicht zu den angeprangerten Nationen auf schwarzen Listen gehören, andererseits wollen sie das bequeme Geschäftsmodell nicht aufgeben.

Auch im kommenden Jahr werden die Bahamas weiterbalancieren: Das Land hat sich im Prinzip dazu bereit erklärt, von 2017 an am automatischen Informationsaustausch teilzunehmen. Mit diesem Abkommen verpflichten sich Länder, Daten zu Finanzkonten von Steuerpflichtigen, die in einem anderen Staat ansässig sind, an den betreffenden Staat zu übermitteln. Aber automatisch? Mit allen Ländern?

Ganz so weit soll es auf den Bahamas dann doch nicht gehen, dort wird man nicht mit allen Ländern Informationen austauschen. Nur mit solchen, die ansonsten schmerzliche Sanktionen verhängen, wie zum Beispiel die USA. Außerdem mit noch ein paar anderen Steueroasen. Ach, und mit Grönland.

Mitarbeit: Catharina Felke, Will Fitzgibbon, Antonius Kempmann, Jan Strozyk, Emilia Díaz-Struck

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Quelle:
SZ vom 22.09.2016/jps
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