Süddeutsche Zeitung

Trend:Was bringt Anti-Pollution-Kosmetik?

Jugendliches Aussehen hat einen neuen Feind, und der heißt Stadtluft. Was ist dran an den vielen Produkten, die Frische für urbane Haut versprechen?

Die Schönheit vom Lande gewinnt gerade säckeweise an Renommee. Einst von arroganten Großstädterinnen für ihre Apfelbäckchen verlacht, ernten Landfrauen derzeit jede Menge Neid für ihren unbelasteten Teint. Noch ist es nicht so weit, dass Kosmetikkonzerne ihren Cremes und Masken Landluft beimengen. Aber der erste Schritt ist getan: "Anti-Pollution-Kosmetik" füllt neuerdings die Regale. Spezielle Masken, Moisturizer, Cremes und Reinigungswässerchen sollen die Haut schützen vorm Dreck der Urbanisation.

In Asien ist Anti-Pollution längst ein Trend. Dort, wo die Luftverschmutzung Ausmaße erreicht hat, die man schon mit bloßem Auge erkennen kann, nutzen schönheitsbewusste Frauen seit Jahren Kosmetika, die ihnen den Smog und seine schmutzigen Gefährten vom Hals halten sollen - und natürlich von Gesicht und Dekolleté. In Korea spricht man nicht mehr nur vom Anti-Aging, sondern vom "Anti-Polluaging": Jugendliches Aussehen hat einen neuen Feind, und der heißt Stadtluft.

Auch in hiesigen Parfümerien und Drogerien finden sich inzwischen ganze Serien von Kosmetika gegen die Hautverschmutzung: günstige ebenso wie teure. Nivea bietet seine "Urban Skin Protect"-Tagespflege schon für fünf Euro an, "Reinigungsöl & Maske" mit "Anti-Pollution- & Detox-Effekt" von Frei Öl gibt es für 16 Euro, Lavera preist ein "Hydro Effect Serum" zum "täglichen Schutz vor Umwelteinflüssen" für rund zehn Euro an und Lancôme seine "City Miracle Cream" für 39 Euro.

Nun hat die Kosmetikindustrie schon manchen unsinnigen Hype in die Luft gepustet. Aber am Anti-Pollution-Trend ist tatsächlich etwas dran, das zeigt auch das Medieninteresse an diesem Thema. Feinstaub, Smog, Rauch und Abgase schädigen nicht nur die Schleimhaut in der Lunge, sie sind auch eine ständige Zumutung für die äußere Hülle des Menschen. Das haben Wissenschaftler international durch zahlreiche Studien belegt. Dreckige Luft lässt Menschen ganz schön alt aussehen.

Schließlich enthält sie nicht einfach nur ein paar Staubkörnchen. An den Schmutzpartikeln haften organische Substanzen und Schwermetalle, die die Haut irritieren, entzünden und bis in tiefe Hautschichten vordringen, wo sie Alterungsprozesse befeuern. Sie bringen Kollagen- und Elastin-Moleküle zum Brechen und sorgen für die Entstehung freier Radikale, deren aggressive Existenz auch das Ziel von Anti-Aging-Produkten ist. Noch dazu produziert die Haut in verschmutzter Luft mehr Talg; dafür nimmt der Gehalt an Vitamin E und Squalen ab, die oxidativen Stress fernhalten könnten; der pH-Wert sinkt weiter ins Saure. Wer seiner Haut etwas Gutes tun will, sollte sie daher möglichst vorm Schmutz der Welt bewahren.

Was macht die Umwelt mit der Haut?

In Deutschland weiß das kaum jemand so genau wie Jean Krutmann. Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe vom Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf untersucht der Professor, wie Feinstaub, Dieselruß und saurer Regen auf die Haut wirken. "Wir haben in unseren Studien herausgefunden, dass die Hautalterungsmerkmale eindeutig zunehmen, wenn jemand dauernd einer hohen Abgasbelastung ausgesetzt ist", sagte Krutmann kürzlich im Südwestrundfunk. Durch Ruß würden mehr Pigmentflecken im Gesicht gebildet - und sehr wahrscheinlich auch mehr Falten.

Die Wissenschaftler haben das nicht nur im Labor untersucht, wo sie Hautstücke Schadstoffen ausgesetzt haben. Schon 2010 hat Krutmanns Team Daten einer Langzeitstudie an 400 älteren Frauen aus dem Ruhrgebiet und dem Landkreis Borken ausgewertet. Beim Betrachten ihrer Haut stellte sein Team fest: Frauen, die in schmutziger Luft lebten, hatten etwa 20 Prozent mehr Pigmentflecken im Gesicht als Frauen vom Lande.

Für den Konsumenten ist es schwer, zwischen Schmutz- und Geldfängern zu unterscheiden

Krutmann schätzt, dass insgesamt nur 20 bis 30 Prozent aller Hautveränderungen unabänderliche biologische Alterungsprozesse sind. 70 bis 80 Prozent entstünden dagegen durch Umwelteinflüsse. Wenn man sich schon UV-Strahlung vom Hals halte, sollte Luftverschmutzung die nächste Sorge sein, sagt auch Elizabeth Tanzi, Dermatologie-Professorin am George Washington University Medical Center in Washington D.C.

Firmen entwickeln derzeit verschiedene Anti-Pollution-Wirkstoffe mit Namen, für die man einen Führerschein bräuchte. Manche sorgen für eine physikalische Barriere zwischen Dreck und Haut, andere enthalten Metallfänger - käfigartige Moleküle, die Schwermetalle einlagern. Ob und wie viel diese Zusätze taugen, ist kaum zu sagen. Die Dreck-weg-Versprechen sind bislang nicht so klar und verlässlich, wie es die Angaben zum Lichtschutzfaktor sind.

Deshalb tun sich Konsumenten schwer, zwischen wirksamen Schmutzfängern und marketingerprobten Geldfängern zu unterscheiden. Sicher ist, dass die gründliche Reinigung der Haut hilft. Auch fangen Vitamine und andere Antioxidantien molekularen Stress von der Haut ab. Die waren jedoch schon oft in Kosmetika enthalten, ohne dass "Anti-Pollution" draufstand. Manche der beliebten Pflanzenstoffe mit antioxidativem Effekt sind nur etwas wohlriechender oder exklusiver. Etwa Passionsblumenöl, der Extrakt der roten Camellia japonica oder das Öl des Moringa-Baumes, der im Himalaja und in Afrika verbreitet ist. Das haben die alten Ägypter schon zur Einbalsamierung ihrer Mumien benutzt. Ein Stoff also, der sogar die Haut der Toten jung halten soll.

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SZ vom 17.02.2018/afei
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